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Arten! hatte er noch einmal gerufen, dann hatte die nächste Kampfeswelle sie weit von einander fortgerissen, und doch hatte Renatus ihn erkannt, doch war selbst in jener verhängnissvollen Minute das wundersam unheimliche Gefühl durch sein Inneres gezogen, das er stets empfunden hatte, so oft er in dieses Mannes Nähe gekommen war, so oft er seiner nur gedachte.

Durch seine Verwundung für die nächsten Tage

dienstunfähig gemacht, in Folge der über seine Kräfte gehenden Anstrengungen erschöpft, lag Renatus neben andern Kranken und Verwundeten, leise fiebernd, in einem der Zimmer des Bürgerhospitals. Sein Gehirn war frei, nur bisweilen trübten sich seine Vorstellungen, und er wusste dann nicht zu unterscheiden, was wirklich geschehen war und was er in dem Halbschlafe des Fiebers träumend durchgemacht hatte. Ein paar Mal fuhr er in die Höhe. Er meinte dann, sich wieder im Kampfesgewühle zu befinden, er sah die Bayonnette wieder auf seine Brust gezückt, er hörte wieder das kräftig drängende: "Auf, auf, Herr von Arten!" und wie in jenem Augenblicke ertönte es ihm als ein Mahnwort von seines Vaters mund, der ihn zur Selbsterhaltung um des Hauses willen aufrief.

Wenn er dann aber in seinen Träumen in die Höhe

schaute, um in seines Vaters Schatten seinen Schutzgeist zu erblicken, stand Paul Tremann wieder vor ihm, jede Sehne der prachtvollen Gestalt gespannt, das schöne Antlitz voll kaltblütiger Entschlossenheitund ein eisiger Frostschauer beschlich des Kranken Herz. Er wachte unzufrieden und erschrekkend auf. Er konnte seines Lebensretters nicht mit Liebe, nicht mit Freuden denken. Er glaubte sich sagen zu dürfen, dass er Paul den gleichen Dienst geleistet haben würde. Es war nur Menschenpflicht, einander im Kampfe beizustehen, und doch drückte, doch widerstrebte es ihm, dass Paul ihm mit eigener Gefahr zu hülfe gekommen war, dass er eben ihm, eben diesem mann sein Leben zu verdanken haben sollte.

Indess Renatus hatte von seinem Vater mit dem fatalistischen Aberglauben desselben auch die Fähigkeit geerbt, sich die Dinge nach seinem inneren Bedürfen zurecht zu legen und zu deuten, und wie seine Kräfte ihm allmählich wiederkehrten, begann er das ihm beunruhigende und peinigende erscheinen und Dazwischentreten seines Bastardbruders für jenes Zeichen anzusehen, das er in seiner Entmutigung am Vorabende vor der Schlacht von dem Geschicke gefordert hatte.

Er zweifelte jetzt nicht mehr daran, dass seinem haus ein Fortbestehen sicher sei, und der schöne Erfolg, den er persönlich errungen hatte, als er noch am letzten Tage der Schlacht zum Stellvertreter und Nachfolger seines gefallenen Hauptmanns ernannt worden war, hatte sein Selbstvertrauen und die Zuversicht auf seinen eigenen Stern in ihm belebt und gehoben.

Ohne eigentliche kriegerische Neigung war er in das Heer getreten und widerstrebend in den russischen Krieg gezogen. Aber wie wenig er der französischen Sache auch geneigt gewesen war, so hatte er doch die begeisterte Vaterlandsliebe nicht gehegt, die er bei dem Beginne der Freiheitskriege in sich hatte erwachen fühlen und die zu einer heiligen Flamme in ihm geworden war, seit er in ihrem Dienste Blut und Leben eingesetzt. Jetzt war mit seinem Erfolge auch sein Ehrgeiz angefacht, und wie sein blick sich vorwärts auf neue Siege, neue Ehren, auf eine grosse militärische Laufbahn richtete, minderten sich die Sorgen, mit denen er nach der letzten Kunde von den Seinigen an die Heimat zurückgedacht hatte.

Er konnte, wie er sich richtig sagte, bei seiner bisherigen Unkenntniss von allem, was die Guts- und Vermögens-Verwaltung anbetraf, aus der Ferne keine grossen, umgestaltenden Massregeln treffen. Es war das Geratenste, bis zur Beendigung des Krieges die Dinge gehen zu lassen, wie sie einmal eingeleitet waren. Er wies also, als er endlich wieder im stand war, seine Angelegenheiten vorzunehmen, den Justitiarius an, den Contract mit dem Amtmanne zu erneuern, die Wirtschaft desselben, so weit es möglich sei, zu überwachen, die Inventarien, so gut es tunlich, allmählich herzustellen, die Ausgaben auf jede Weise einzuschränken und im Uebrigen wie bisher mit gewissenhafter Treue für ihn und seinen Besitz sorge zu tragen.

Als er diesen Brief mit Selbstzufriedenheit durchlas, kam ihm, nach dem eben erst Erlebten, der Gedanke an die Möglichkeit seines eigenen Todes doch wieder mit verstärkter Macht, und er sagte sich, dass er notwendig für diesen Fall, da sein Vater es nicht getan hatte, in Bezug auf Vittoria und vor allen Dingen in Bezug auf Valerio seine Massnahmen zu treffen habe. Es war notwendig, einen Vormund für Valerio, einen männlichen Beistand für die Baronin, einen Curator für die ganze Vermögens- und Besitz-Verwaltung zu ernennen, und Renatus wusste lange keine ihn befriedigende Wahl zu treffen.

Er kannte die Verwandten seiner Mutter wenig, aber er würde dem Majoratsherrn Grafen Berka mit vollem Vertrauen seine ganzen Angelegenheiten übergeben haben, denn die Ehrenhaftigkeit und Tüchtigkeit desselben war über jeden Zweifel erhaben; indess Graf Felix stand, wie Renatus selbst, im feld, und den Grafen Gerhard mit diesen Ehrenämtern zu betrauen, daran wagte Renatus nicht zu denken. Allerdings beurteilte er, weil er überhaupt zu dauernder Strenge und Entschiedenheit im Urteile seiner ganzen natur nach nicht geneigt war, den Grafen jetzt in manchem Betrachte milder, als an dem Tage, da er den letzten Brief über ihn von Hildegard erhalten hatte. Er war sich während seines kurzen Krankenlagers der verhältnissmässigen Wandlungen bewusst geworden, welche er selber in den letzten beiden Jahren in sich erfahren hatte, und es gab für ihn manche Stunden, in denen er es zu entschuldigen fand, dass