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für die mittellose junge Gräfin hegte, konnte gegenüber der Erbin des Arten'schen Besitzes leicht in eine wärmere Empfindung übergehen, und Renatus hielt es gar nicht für unmöglich, dass Hildegard, um ihr Werk der vermeintlichen Bekehrung an dem Grafen Gerhard zu vervollständigen, sich selbst zum Opfer bringen könne. Er hatte heute ein unaussprechlich bitteres Gefühl, so oft er an sie dachte. Er wusste nicht, war es Misstrauen, war es Eifersucht, was ihn also quälte; aber er vermochte das letztere nicht recht zu glauben, denn heute konnte er es sich nicht verbergen: er liebte sie eigentlich nicht, er hatte sie niemals wahrhaft geliebt. Es war eine Aufwallung, eine Uebereilung gewesen, dass er sich ihr anverlobt hatte, ihr ganzes Wesen sagte ihm immer weniger zu, und wie ein Angstschrei rang sich, ohne dass er es wusste, aus seinem beklommenen, geänstigten Herzen der laute Ausruf: Freiheit, Freiheit! empor.

Er erschrak, als er ihn getan hatte. Seine Kameraden, die noch plaudernd beisammen sassendie beiden Schläfer waren während seines einsamen Ganges auch wieder munter gewordenwendeten sich nach ihm um.

Das wird in diesem Augenblicke noch Mancher ausser Ihnen rufen, lieber Arten, sagte der Hauptmann; und frei werden wir werden auf die eine oder die andere Art, wenn Jeder von uns morgen Alles an Alles setzt! fügte er hinzu.

Die Unterhaltung der Anderen geriet dadurch ins Stocken; sie waren sammt und sonders ernstaft geworden. Der Hauptmann zog einen Brief aus der Brusttasche und sprach: Es wird morgen eine Schlacht geschlagen werden, wie die Weltgeschichte noch keine aufzuweisen hat. Wer sie von uns überleben wird, das steht in des Allmächtigen Hand. Lassen Sie uns einander das Versprechen leisten, dass die Ueberlebenden Kunde von den toten in die Heimat senden.

Er hielt einen Augenblick inne, zeigte den Anderen den Brief, den er danach wieder in die Brusttasche steckte, und setzte mit weicher stimme hinzu: Ich habe eine Frau und zwei Kinder zu haus. Falle ich und Sie können meiner Leiche habhaft werden, so schicken Sie diesen Brief an meine Frau. Gehe ich verloren in der Masse, nun, so meldet wohl Einer von Ihnen ihr das Geschehene, damit es ihr menschlicher und früher als durch die Todtenliste zukommt. Ich stehe, soweit es nötig und mir möglich ist, Jedem von Ihnen zu dem traurigen Gegendienste bereit.

Man sagte einander das Begehrte mit ruhigem Worte zu. Die Lieutenants waren junge Edelleute und gleich Renatus unverheiratet. Der Hauptmann war bürgerlicher Herkunft. Er war bedeutend älter als die Anderen, und hatte in dem Regimente von der Pike auf gedient. Renatus wusste, dass er ohne Vermögen sei, dass er seiner Familie nichts weiter zu vererben habe, als seinen unbescholtenen Namen und die Erinnerung an seine Liebe und an seine Treue; aber wie schwer dem Hauptmanne das Herz auch sein mochte, Renatus beneidete ihn, weil so einfache, natürliche Verhältnisse ihn an das Leben fesselten. Denn wie er sich dagegen auch innerlich verteidigte, es bemächtigte sich seiner auf's Neue der dumpfe Lebensüberdruss, der ihn heute schon zu verschiedenen Malen überfallen hatte, und unfähig, irgend einen festen Entschluss zu fassen, warf er sich mit den Anderen zum Schlafe auf den Boden nieder.

Der morgende Tag sollte entscheiden! Auch über ihn und seine persönlichen Angelegenheiten sollte er entscheiden!

Zehntes Capitel

Und sie war gefallen, diese Entscheidung: so erhaben und so glorreich für das deutsche Vaterland, als die kühnste Einbildungskraft es nur hatte erhoffen können.

Das Dorf, durch welches Renatus an dem Vorabende der Schlacht gegangen war, lag in rauchenden Trümmern. Es war der Schauplatz eines mörderischen Kampfes gewesen. Von den Offizieren, die in jenem Bauernhause bei einander gesessen hatten, waren nach den drei grossen Tagen nur noch Renatus und ein noch jüngerer Edelmann am Leben. Es waren Wunder der Tapferkeit getan worden.

Im Verein mit den Ostpreussen hatte das Regiment, in dem Renatus diente, Gehöft um Gehöft, nachdem der Feind Herr des Ortes geworden war, wie eben so viele Festungen, wiedererobern müssen, und, seiner Compagnie voranstürmend, war der Hauptmann an Renatus' Seite von einer Kartätschenkugel niedergeschmettert worden. Lautlos war er zusammengesunken, und trotz des Kampfes wilder Hast sich zu ihm niederbeugend, um sein Wort zu lösen, hatte der junge Freiherr die Papiere und das Schreiben seines Hauptmanns an sich genommen; aber diese Pflichterfüllung hatte ihm selber fast den Tod gebracht; denn wie Renatus sich emporrichten wollte, stolperte sein Fuss über die Leiche eines eben erstochenen Soldaten. Ein Kolbenschlag, dem der wankende Renatus nicht widerstehen konnte, verwundete ihn und warf ihn nieder; auch über seiner Brust blitzten schon die Bayonnette der Franzosen, die sich aus einem der in Brand geratenen Gehöfte in wildem Durcheinander den Stürmenden entgegenstürzten.

Da warf sich plötzlich eine hohe, kräftige Mannesgestalt, an der Spitze einiger ihr folgenden Landwehrmänner, mit raschem Entschlusse den Andringenden in den Weg.

Auf, auf, Herr von Arten! rief er, während er die Feinde, welche den Hingesunkenen bedrohten, mit ungewöhnlicher Kraft und höchster eigener Gefahr so lange aufzuhalten wusste, bis Renatus wieder Meister über sich geworden war und Zeit gefunden hatte, sich zu erheben, um sich in dem grausen Handgemenge, das wie die stürzenden Wellen des Meeres auf und nieder wogte, selber wieder zu behaupten.

Es waren nur flüchtige Secunden gewesen, die sein Erretter neben ihm verweilte. Auf! auf Herr von