Bruder sein sollte, und die Gräfin und Hildegard und ihre Schwester. Er sehnte sich nicht dortin. Ihm bangte vor dem verwaisten schloss, und je länger seine Gedanken dort verweilten, um so schmerzlicher drängte sich ihm der immer wiederkehrende Frageruf in die Seele: Vittoria, warum hast Du mir das angetan? – Er fühlte sich allem Anderen gewachsen, nur Vittoria verachten zu müssen, in Valerio nicht mehr einen Bruder zu besitzen, heimliche Unehre eingedrungen zu sehen in das würdige Haus seiner Väter, das zerriss ihm das Herz, und die Zornestränen in den Augen zerdrückend, sagte er sich: Ich bin also der Letzte unseres Hauses, unseres Namens! Falle ich morgen, so ist unser altes Geschlecht erloschen und dahin!
Aus seiner Entmutigung riss diese Vorstellung ihn empor. Er wollte nicht mehr untergehen! Er war es denen schuldig, die vor ihm gewesen waren, ihr Geschlecht und ihren Namen aufrecht zu erhalten für die Zukunft, er schuldete sich seinen Ahnen. Er wollte leben bleiben. Morgen wollte er die Frage an die geheimnissvollen Mächte tun, welche das Schicksal der Menschengeschlechter lenken. Verschonte ihn dieses Mal die Schlacht, so sollte ihm das ein Zeichen sein, dass Gott das Fortbestehen des Hauses und des Namens derer von Arten in seiner Weisheit angeordnet habe. Der morgende Tag sollte ihm zu einer Entscheidung auch für sich selber werden.
Gefasster, als er es verlassen hatte, kehrte er in sein Quartier zurück. Er fand Platz an dem Tische und setzte sich nieder, um nach haus zu schreiben, denn die Anfragen des Justitiarius bedurften einer Antwort; als er sich aber anschickte, sie zu geben, fiel es ihm erst ein, wie in seines Vaters letztwilligen Anordnungen gar keine Rücksicht auf den doch so möglichen Fall genommen war, dass Renatus bei seines Vaters tod nicht mehr am Leben gewesen wäre, und obschon diese Zuversicht des Freiherrn auf des Sohnes Stern für diesen eben so erhebend als rührend war, sagte er sich doch, dass es eine Gewissenssache für ihn sei, eine Entscheidung zu treffen, eine Entschliessung zu fassen.
Der Freiherr hatte mit seinem Testamente den ihm untergeschobenen Sohn eines Fremden offenbar von dem Anteile an dem von Arten'schen Erbe ausschliessen wollen, so weit er dies vermochte, ohne die ihm und seiner Ehre angetane Kränkung kundzugeben. Dass er seinem Sohne erster Ehe den möglichst vollständigen Besitz des Hauses zu erhalten suchte, da die Artenschen Güter kein Majorat waren, konnte an und für sich selbst in den Kreisen, in welchen die Familie lebte, keinen Verdacht gegen Vittoria und gegen die Abstammung Valerio's erregen, die trotz der freiherrlichen Verfügung noch immer günstiger zu stehen kamen, als es bei der Vererbung eines Majorates für sie der Fall gewesen sein würde. Der Freiherr hatte also, nach seines Sohnes Meinung, den Erbantritt Valerio's nicht völlig ausschliessen wollen. Das Fortbestehen seines Namens und Geschlechtes hatte ihm höher gestanden, als die Befriedigung seiner beleidigten Ehre. Starb Renatus kinderlos, so fiel, wenn auf Valerio nicht Bedacht genommen wurde, was jedoch geschehen musste, so lange seine unrechtmässige Geburt nicht gerichtlich festgestellt worden war, der Arten'sche Besitz an die nächsten Erben und Anverwandten von Renatus, an die Brüder seiner Mutter, und mit Einem Male schoss es dem jungen mann wie ein Strahl durch das Gehirn, was die Annäherung an ihn, die Graf Gerhard seit Jahren mit einer gewissen Beflissenheit betrieben hatte, was die Freundschaft, welche der Graf für die Braut seines Neffen gegenwärtig kundgab, zu bedeuten haben könnten. Dabei kam ihm, wie mit einem Zauberschlage, eine Aeusserung in das Gedächtniss, welche Graf Gerhard einmal gegen ihn getan hatte, als er ihn zum Eintritte in die Dienste des Königs von Westfalen überreden wollen. Er hatte Renatus damals, um ihn vom Kriegsdienste abzuhalten, den einzigen Erben seines Familiennamens genannt, und als dieser ihn an seinen Bruder Valerio erinnert, hatte der Graf mit einem bösen Lächeln ihm entgegnet: "Vittoria's Sohn wird einmal auf Deine Grossmut angewiesen sein!" Renatus hatte das lange nicht vergessen können; dann hatten die Ereignisse der letzten Jahre jene Aeusserung aus seiner Erinnerung verwischt, und jetzt trat sie wieder mit voller klarheit in sein Bewusstsein zurück.
Es überlief ihn heiss und kalt. Graf Gerhard wusste also um Vittoria's Untreue und er rechnete auf sie; denn dass er, der seine eigene, wahre Ehre nicht geachtet hatte, kein Bedenken haben würde, fremde Ehre Preis zu geben, wo sein Vorteil es erheischte, darauf meinte der Freiherr seinen Oheim wohl zu kennen. Wie der flammensprühende Krater eines mit Vernichtung drohenden Vulkans tat es sich vor seinen Blikken auf. Ihm graute davor, und doch konnte er sein Auge nicht davon losreissen. Je länger er darüber nachsann, desto weniger wusste er sich Rat.
Er dachte daran, sein Testament zu machen und Valerio ganz ausdrücklich zu seinem Erben zu ernennen, denn immer wieder fühlte er es, er liebte diesen Knaben brüderlich. Aber sein Vater hatte dies doch offenbar nicht eigentlich gewollt, und auch in Renatus sträubte sich das Arten'sche Blut dagegen, ganz abgesehen davon, dass die Einsetzung Valerio's ohne Frage einen Erbschaftsstreit und mit ihm die Entüllung von Vittoria's Ehebruch heraufbeschwören konnte, den der Freiherr vor der Welt zu verbergen beabsichtigt hatte. Dann wieder fand Renatus sich geneigt, Hildegard zu seiner Erbin zu bestimmen. Indess der Name seines Geschlechtes wurde damit nicht erhalten. Die Freundschaft, welche Graf Gerhard