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Uebertreibung gesteigert hatte.

Renatus hatte sich von dieser Gefühlsrichtung seiner Braut nie wohltätig berührt gefunden. Er liebte ein frisches, kräftiges Wesen, vielleicht gerade weil er dessen selbst ermangelte, und das Leben des Soldaten auf dem Marsche und im feld war wider sein eigenes Vermuten sehr nach seinem Geschmack. Er hatte sich auf dem russischen Feldzuge in Entbehrungen und Anstrengungen erproben lernen, er hatte den grossen Augenblick mit erlebt, in welchem sein General das ihm anvertraute Corps von der Bundesgenossenschaft mit dem Landesfeinde losgerissen hatte, und von dem erhabenen Schwunge der begeisterten Volksbewegung weit über sich selbst hinausgetragen, hatte auch Renatus endlich aus der Hoffnung auf die Befreiung seines Vaterlandes sein höchstes Ziel gemacht, ohne dass seine Liebe für Hildegard dadurch beeinträchtigt worden wäre; aber sie verstand es nicht, sich seinen Stimmungen und Zuständen, wie er es begehrte, anzupassen. Mitten in der stolzen Aufregung des Kampfes, von Tag zu Tag auf wildem Kriegspfade fortschreitend, immer nur des nächsten Augenblikkes und oft selbst dieses nicht sicher, sehnte er sich nach dem freudigen Zuspruche eines tapferen Herzens. Wie jeder Jüngling zum Helden geworden war, so wollte er ein Heldenweilb in der Geliebten finden, und Hildegard war zu einem solchen nicht geschaffen.

Es half Renatus nicht, dass er sich vorhielt, wie mutig sie in den Reihen der anderen Frauen und Jungfrauen sich der Pflege der Kranken und Verwundeten unterzogen hatte. So oft er einen Brief von ihr erhielt, peinigten ihn die klagende Liebe, die fromme Verzagteit, ja, selbst die entsagende Gottergebenheit ihres Wesens, die es doch allesammt nicht hinderten, dass sie feste Plane für ihre eheliche Zukunft entwarf und eine Art von herrschaft über seine Empfindungen auszuüben strebte, welche ihn stets daran erinnerte, dass er sich doch eigentlich sehr früh gebunden habe.

Peinlicher aber als eben der heutige Brief war ihm noch niemals ein anderer gewesen. Es lähmte ihm jeden Aufschwung, es verdüsterte ihm den ohnehin trübe genug gestimmten Sinn, von Hildegard, wie er es in seinem inneren nannte, im voraus die Todtenklage um sich anstimmen zu hören. Es schien ihm eine üble Vorbedeutung am Abende vor der Schlacht zu sein. Er hätte so viel lieber ein fröhliches Glückauf, einen siegesgewissen, zukunftssicheren Ruf von ihr vernommen; und vollends die enge Freundschaft, in welche die Frauen zu dem Grafen Gerhard getreten waren, und deren Entstehen und Wachsen er seit vielen Monaten bemerkt und immer ungern gesehen hatte, gereichte ihm heute zu besonderem Verdrusse.

Er konnte es in dem eingezäunten Gärtchen nicht mehr aushalten; er kam sich ohnehin wie an Händen und Füssen gebunden vor. Er stand auf und verliess den engen Raum.

Das ganze Dorf lag voll von Truppen. Es war viel Landwehr dabei, und der Dialekt seiner Heimat schlug mehrmals an sein Ohr. Er meinte, er müsse irgendwo bekannte Gesichter erblicken, eine Anrede erfahren: und sie wäre ihm willkommen gewesen. Aber Niemand achtete auf ihn, es hatte Jeder mit sich selbst genug zu tun.

An den abgeschirrten Batterien, an den Reihen aufgestellter Bayonnette vorüber schritt er zum dorf hinaus. Es war dort, wie hier! Ueberall Hast und Lärmen, überall Gehen und Kommen, überall das Dröhnen der Schritte von neu heranziehenden Truppen und das Rollen der Geschütze und der Munitionswagen. Dazwischen Gruppen von ermüdeten, am Boden liegenden Ankömmlingen, die schlafend fast mitten im Wege dalagen und jeden Augenblick von Pferdehufen getroffen werden konnten.

Die Sonne war schon untergegangen, der Himmel bewölkte sich mehr und mehr, es dunkelte früh. Aus den Wiesen und Wassern stiegen die Nebel auf und drückten den Rauch von den zahllosen Beiwachtfeuern nieder, an denen die Soldaten sich ihr Abendbrod, und für wie viele unter ihnen musste es das letzte Abendbrod sein, bereiteten.

In der Ferne ertönte Trommelwirbel, von verschiedenen Seiten erschallte in Zwischenräumen die Signaltrompete. Weit hinten am Horizonte stiegen zwei weisse Leuchtkugeln in die Höhe. Was bedeuteten sie?

Er ging zwecklos vorwärts; er hatte mitunter keinen festen Gedanken, so Vielerlei, so Schweres zog ihm durch den Sinn, und dazwischen fragte er sich immer wieder: was bedeuten die beiden weissen Leuchtkugeln?

Den Tod für Viele ganz gewiss! gab er sich endlich selbst zur Antwort, und wie er denn so einsam dahinzog auf der weiten, weiten, nachtbedeckten Ebene, einsam unter den Hunderttausenden, die morgen das blutige Spiel beginnen mussten, über die in wenig Stunden das Todesloos gezogen werden sollte, wie er hier an einem Schlafenden vorüberkam, dort fröhliches lachen und Singen vernahm, dachte er: Wer von Euch wird morgen noch singen und scherzen? Wer von uns wird schlafen gehen für immer? – und es kam ihm gar nicht furchtbar vor, zu diesen Letzteren zu gehören.

Was blühte ihm denn in der Zukunft? Was hatte er von ihr zu erwarten? Quälende Verhältnisse, wohin er sich auch wendete, Verpflichtungen und Sorgen aller Art! Und wofür das? Hatte er den Verfall seines Familienbesitzes und Vermögens verschuldet? Hatte er Vittoria in das von Arten'sche Haus geführt? Er mochte gar nicht an sie denken. – Und Hildegard? Nun, Hildegard hatte sich in ihre künftige Trauer so hineingelebt, dass sie wohl vorbereitet sein musste, ihr Schicksal zu tragen, wenn ihre Ahnungen sich verwirklichten.

Die Briefe hatten lange Zeit gebraucht, bis sie an ihn gelangt waren. Jetzt, dachte er sich, mussten sie Alle schon in Richten beisammen sein. Er sah sie deutlich vor sich: Vittoria mit ihrem Sohne, der nicht mehr sein