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Dir zu halten. Und nun das überwunden ist, nun Du Herr bist über unser Schicksal, nun Dein Wille mich einführt in Deiner Väter Haus, auch jetzt noch darf ich die bräutliche Myrtenkrone nicht in meine Locken drücken, und jede, jede Stunde kann für ewig den Schleier nicht endender Trauer über meine ganze Zukunft werfen! Weiss ich es denn, ob es nicht schon geschehen ist? Weiss ich es denn, ob des Todes Pfeil Dich nicht bereits ereilte, ob Dein brechendes Auge sich nicht vergebens nach Deiner Geliebten sehnte, ob Dein letzter Seufzer nicht vergebens ihren Namen rief? – Ich habe so manches Sterbenden letztes Wort vernommenGott, Gott, wenn Duaber ich kann, ich mag es nicht denken! Ich will hoffen, hoffen und beten, weil ich Dich liebe!

Du hast das Richtige für mich gewählt. Ich habe Ruhe und Stille nötig und ich gehöre zu den Trauernden. Wie verlangt es mich, unsere schöne Signorina wiederzusehen, Deinen kleinen Bruder zu umarmen! Ich werde mit unserer Signorina von Dir sprechen, in Deines Bruders liebem Antlitz Deine Züge suchen; wir werden nur in Dir, nur für Dich leben, bis Du wiederkehrst; und was diese Jahre der Trübsal Jedem von uns auch auferlegenGott hat sie gesendet, um mit schweren Leiden an die Herzen derer zu klopfen, die sich abgewendet hatten von sich selber und von ihm. Denn wie Viele uns der Tod auch entrissen, das Leben hat uns manchen verloren Geglaubten wiedergegeben, und sollten wir nicht mit unserem Heilande sagen: Es wird mehr Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Busse tut, denn über hundert Gerechte?

Du weisst es, mein Geliebter, von wem ich rede. Es ist eine grosse, eine erhebende Wandlung mit ihm vorgegangen, und lass es mich bekennen, ich meine oftmals, mein brünstig flehendes Gebet habe dazu mitgewirkt. Ich konnte, o, ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass der Deinen Einer, dass Deiner edlen Mutter Bruder der heiligen Sache des Vaterlandes und uns Allen für immerdar verloren sein solltenein, ich konnte es nicht!

Dein Oheim weiss es, wie Dein und mein Herz sich gefunden haben, er gönnt uns unser Glück, er segnet es, und ich glaube oftmals zu bemerken, dass seine Augen mit Rührung auf mir weilen. Ach, muss es ihn nicht schmerzen, dass er in einer Zeit herangewachsen ist, in der das heilige Feuer der Vaterterlandsliebe in den Seelen der Menschen erloschen war? Ist er denn nicht beklagenswert, dass seinem Leben, wie er mir das einst gestanden, niemals der milde Stern einer reinen Liebe aufgegangen ist?

Er hat uns in diesen Tagen der Trauer um Deinen teuren Vater gütevoll zur Seite gestanden, er hat mir geholfen, die Mutter zur Uebersiedelung in unsere künftige Heimat zu bestimmen. Frei und unabhängig, wie er ist, bietet er Dir seine Dienste an, und es müsste mein ganzes Empfinden mich betrügen, oder Du könntest, was Du von weltlichen Dingen anzuordnen hast, keinem verlässlicheren Freunde anvertrauen.

Aber ich schreibe Dir von Hab und Gut, und Du, meine einzige Habe, mein höchstes Gut, bist mir fern, bist in täglicher Gefahr. O, denke, wo Du auch immer weilest, denke, dass ich an jedem Morgen und an jedem Abende vor Deinem Bilde, unter Deinen Augen meine Gebete für Dich zum Himmel sende, denke, dass mein Leben beschlossen ist, wenn es dem Herrn über Leben und Tod gefallen sollte, das Deinige als ein Opfer auf dem Altare des Vaterlandes zu begehren."

Sie hatte ein paar Myrtenblätter auf den Rand des Briefes festgenäht und ein Herz darum gezeichnet. "Hier haben meine Lippen, Dein gedenkend, dieses Blatt berührt!" hatte sie darunter geschrieben, und die Spur ihrer Tränen war auf dem Papier sichtbar, die Worte waren halb verlöscht. Aber der ganze Brief und vor Allem diese Weichheit des Schlusses brachten keine gute wirkung auf ihren jungen Verlobten hervor.

Renatus hatte seine Braut nicht wiedergesehen, seit er vor seinem Abmarsche zu dem russischen Feldzuge Abschied von ihr genommen hatte. Die Heeresabteilung, bei welcher er stand, hatte bei dem Ausbruch des Befreiungskrieges ihre Marschroute nach Deutschland im Norden von Berlin gehabt. Seit mehr als einem Jahre war er auf einen brieflichen Verkehr mit seiner Verlobten angewiesen gewesen, und ein solcher hat immer sein Bedenkliches, wo es sich nicht um völlig gefestete und klar bestimmte Verhältnisse handelt. Dass Renatus es nicht zulässig gefunden, seinen Vater von der Wahl in Kenntniss zu setzen, welche er getroffen hatte, war gleich Anfangs ein Anlass zur Verstimmung zwischen ihm und seiner Verlobten geworden. Hildegard hatte ihn der Schwäche angeklagt, ihm vorgehalten, dass er seines Vaters Ruhe mehr als ihren Frieden liebe, und da sie wie die meisten Frauen mit einseitiger Beschränkteit nicht von sich selber abzusehen und keinen Anspruch ausser dem ihrigen für berechtigt anzuerkennen vermochte, hatte Renatus ihr mit Grund den Vorwurf der Eigensucht gemacht. Von ihm, um dessen Leben sie sorgte, auf den alle ihre Gedanken gerichtet waren, getadelt zu werden, das hatte sie nicht ertragen können, und von den Anklagen gegen Renatus zu den schwersten Selbstbeschuldigungen übergehend, um ihn wieder zu versöhnen, war sie im Laufe der Zeit allmählich in eine Sprache der gefühlsseligen leidenschaft geraten, die sich noch gesteigert hatte, seit der Freiheitskrieg begonnen und die Anschauungs-, Empfindungsund Ausdrucksweise gar vieler Menschen sich durch die grossen Aufregungen bis zur