1864_Lewald_163_331.txt

Augenblicken nicht, was er tun, ja, nicht einmal, woran er zuerst denken solle. Man erwartete von ihm Bestimmungen über seine Angelegenheiten, aber er verstand von ihnen wenig, er hatte keine wirkliche Geschäftskenntniss. Der Freiherr hatte nach dem Abgange von Steinert mehrmals mit seinen Amtsleuten gewechselt; Renatus wusste aus des Vaters eigenem mund, dass er auch dem gegenwärtigen Amtmanne nicht vertraue und dass er eben deshalb zum Oefteren an eine Verpachtung der Güter gedacht habe, nur dass er sich nicht entschliessen können, damit einen teil seiner persönlichen, unmittelbaren Einwirkung über sein Eigentum aufzugeben. Der Justitiarius erwähnte in einer dem Testamente beiliegenden Auseinandersetzung dieser Absicht des Freiherrn, denn der Contract des Amtmanns ging mit dem nächsten Frühjahre zu Ende, und Renatus musste jetzt entscheiden, ob der Contract, wie es festgesetzt war, dann auf drei neue Jahre verlängert werden sollte oder nicht. Der Justitiarius sprach von einem Pächter, der sich gemeldet habe und dessen Bedingungen, wenn man die Zeitverhältnisse in Erwägung zog, nicht ungünstig genannt werden konnten; aber es ward die Bedingung daran geknüpft, dass ihm das lebende Inventarium, welches durch den Krieg auf das Aeusserste heruntergebracht worden war, vollständig und ausreichend ersetzt werden und die Pachtung ihm auf zwölf Jahre zugesichert werden solle. Für die Beschaffung des Inventariums musste man abermals Kapital aufnehmen, das jetzt schwer und nur zu hohen Zinsen zu haben war, und die jetzt während des Krieges gebotenen Pachtpreise auf zwölf Jahre im voraus gelten zu lassen, fand selbst Renatus nicht für möglich. Er musste also die Dinge gehen lassen, wie sie eben gingen, aber die sorge um seinen Besitz wälzte sich wie eine Last auf ihn, und dazu fing er an, es schwer zu bereuen, dass er die Gräfin Rhoden zu der Uebersiedelung nach Richten aufgefordert hatte, denn es war ihm jetzt eine äusserst widerwärtige Vorstellung, sich seine Braut in der Nähe Vittoria's und in deren täglicher Gesellschaft vorzustellen.

Ohne dass er sich bestimmte Gründe dafür anzugeben wusste, hegte er, weil er es eben wünschte, die bestimmte Hoffnung, dass die Gräfin seinen Vorschlag nicht angenommen haben werde, und nachdem er mit einem Seufzer die Testaments-Abschrift und die Berichte seines Beamten wieder in ihren Umschlag geschoben hatte, nahm er zuerst den Brief der Gräfin aus dem zweiten Couverte hervor, weil er sich den Brief seiner Braut auf zuletzt versparen wollte, um den schweren Tag doch mindestens mit einem tröstlichen Eindrucke abzuschliessen.

Aber seine Hoffnung und Voraussicht hatten ihn dieses Mal getäuscht. Die Gräfin schrieb ihm, dass sie Anfangs Bedenken gegen seine Plane gehegt habe. Sie sei zweifelhaft gewesen, ob es angemessen sei, gleich nach dem tod des Freiherrn sich in dessen haus einzurichten. Sie habe, da Renatus' Verlobung mit ihrer Tochter vor der Welt noch ein geheimnis sei, die Besorgniss gefühlt, dass man ihr die Absicht zur Last legen werde, eben diese Verlobung herbeiführen zu wollen; indess Hildegard sei anderer Ansicht gewesen, und da diese ohnehin einer Erholung bedürftig sei, weil sie sich in der Pflege der Verwundeten, deren Zahl nach der Schlacht von Grossbeeren in den Berliner Hospitälern so furchtbar angewachsen, Anstrengungen zugemutet habe, die weit über ihre Kräfte gegangen wären, so habe die Gräfin sich nach reiflicher überlegung zum Nachgeben entschlossen und die nötigen Schritte zur Auflösung ihrer Verhältnisse in der Residenz getan, wobei ihr Graf Gerhard mit gewohnter Zuvorkommenheit seine Dienste angeboten habe. Sie fügte dann noch hinzu, dass sie, wenn sie ihre ökonomischen Verhältnisse in das Auge fasse, Renatus für sein Anerbieten doppelt Dank zu sagen habe, da ihr die Zinsen ihres geringen Vermögens jetzt nicht regelmässig eingingen; und die Zweifel, welche sie um die Sicherheit ihres kleinen Kapitals aussprach, waren auch nicht dazu angetan, dem neuen Besitzer der von Arten'schen Güter das Herz zu erleichtern. Noch hatte er nicht Frau, nicht Kind, und schon lag, er mochte es ansehen, wie er wollte, die sorge für eine grosse Familie auf seinen Schultern. Denn an wen hatten sich Vittoria und Valerio zu halten, als an ihn? Auf wen, als auf ihn, fiel einmal die sorge für Hildegard's Mutter und Schwester? Und diese Einsicht musste er gewinnen an dem Vorabende einer grossen Schlacht! – Sich zu trösten, sich die Seele zu befreien, eröffnete er Hildegard's Brief.

"Mein ewig Geliebter," schrieb sie ihm, "es soll Ja und Amen heissen zu Allem, was Du wünschest und angeordnet hast für jetzt und für alle Zeit! Was könnte Deiner Braut in diesen Tagen, in denen sie Deine Seele von Trauer beladen weiss, ohne dass sie zu Dir eilen kann, sie Dir tragen zu helfen, Heilsameres begegnen, als an der Stelle zu weilen, an der Du geboren bist, als an dem Orte zu leben, der künftig auch ihre Heimat sein wird und an welcher sie mit Dir vereint das Andenken Deines edlen Vaters heilig in sich pflegen will.

O, mein Renatus, Lieben, Glauben, Hoffen, das ist alles, was uns übrig bleibt in den Tagen der Prüfung, in denen wir leben! Ich habe Stunden gehabt, in denen ich mich mit Zweifeln plagte, mit Zweifeln, ob Dein Vater mich jemals gern willkommen heissen würde; mit immer neuen Zweifeln sogar an Dir, denn ich meinte, wäre Deine Liebe der meinigen gleich, so hätte keine Rücksicht der Welt Dich bewegen können, mich durch Verheimlichung unserer Liebe und unserer Verlobung fern von