vor dem haus war ein Stückchen Erde eingehegt. Er und seine Kameraden hatten das Gärtchen in diesen Tagen vor der Zerstörung bewahrt. Es stand ein Kirschbaum darin, und aus dem noch grünen Grase wuchsen einige Stockrosen hervor, die noch in Blüte standen. Die untergehende Sonne beschien sie matt. Er warf sich auf eine kleine Bank unter dem Baume nieder, steckte den Brief, auf dem er Hildegard's Handschrift erkannte, in die Brust und öffnete zunächst das von Richten kommende Packet; aber er suchte darin vergebens nach einem Worte seines greisen Lehrers oder nach einem Briefe Vittoria's. Nur der Justitiarius hatte geschrieben. Das fiel Renatus auf, denn noch nie war eine Sendung von Richten ohne ein begleitendes Blatt des Caplans an ihn gekommen, seit er im feld stand, und er nahm daher das Schreiben des Justitiarius mit Besorgniss in die Hand. Indess die Nachricht, welche ihm durch dasselbe wurde, hatte er doch nicht vermutet.
In der gemessenen Weise eines Geschäftsmannes meldete der Beamte, dass der hochwürdige Herr Caplan ihm gleich nach dem tod des verstorbenen Herrn baron sehr angegriffen und verändert erschienen sei. Trotzdem habe derselbe es sich nicht nehmen lassen, seine Amtspflichten zu erfüllen und der von dem Verluste ihres Gemahls äusserst erschütterten Frau Baronin zur Seite zu stehen. Er habe dabei offenbar seine Kräfte erschöpft, und wenn man sich auch hätte denken mögen, dass er seinen Herrn und Freund nicht lange überleben würde, da sie so eng in einander verwachsen gewesen wären und das Alter das Zerreissen solcher alten Lebensbande nicht wohl vertrage, so habe doch das plötzliche Hinscheiden des verehrten Greises sie Alle schwer betroffen und werde auch den Freiherrn sicherlich sehr überraschen. Er berichtete demselben danach, dass er den unbedeutenden Nachlass des Caplans versiegelt, dass er die Meldung von seinem Ableben bei den betreffenden Behörden gemacht habe, und fragte an, wie der Freiherr es nun hinsichtlich der Verwaltung des Richtener Pfarramtes zu halten gewillt sei.
Renatus hielt das Schreiben eine Weile still in seinen Händen. Es war nichts Ungewöhnliches, was er erlebte, es lag im Laufe der natur, dass der betagte Mann gestorben war; aber er hatte ihn so lieb gehabt. Wie der Schutzgeist von Richten, ja, wie sein eigener Schutzgeist war der Caplan ihm stets erschienen. Jetzt erst kam seine Heimat ihm verlassen und verwaist vor, und sein Gemüt besass in diesem Augenblicke noch nicht die Kraft, sich Schloss und herrschaft unter einer ganz veränderten Umgebung als sein Eigentum zu denken und sie doch zu lieben. Ohne den Caplan war ihm Richten nicht mehr die alte, teure Heimat.
Indess es war kein Tag, an welchem man sich seinen Empfindungen lange überlassen durfte. Jedermann wusste es, dass am nächsten Morgen eine grosse Schlacht bevorstand, und wer noch etwas für dieses Leben zu beschicken hatte, tat dazu, es nicht hinauszuschieben. Renatus hatte sich auf die Vorsorge des Caplans mehr als auf sich selbst verlassen. Jetzt war er dieser Stütze beraubt, die kommende Tagesfrühe konnte über sein Leben entscheiden, und er hinterliess eine Stiefmutter, einen Bruder, eine Braut. Er hatte für das Wohlergehen dieser Lieben noch nicht sorge getragen, wie er wünschte, und jetzt war es vielleicht zu spät dazu, wenn die Voraussicht seines Vaters nicht in dem Testamente die Vorkehrungen auch auf den Fall getroffen hatte, dass Renatus nicht aus dem feld wiederkehren sollte.
Er öffnete und las das Testament. Es war nicht dazu gemacht, ihn zu beruhigen und zu erheben. Sein Besitz war weit mehr verschuldet, als er es für möglich gehalten hatte. Obschon seine wirtschaftlichen Kenntnisse höchst unbedeutend waren, ahnte er doch, dass sich ihm grosse, fast unübersteigliche Hindernisse in der Verwaltung und Erhaltung der drei grossen, noch zusammengehörenden Güter in den Weg stellen würden, und mehr noch als diese erkenntnis erschütterte ihn der teil des Testamentes, welcher Vittoria und ihren Sohn betraf. Es überflog ihn eine heisse Scham, das Herz presste sich ihm zusammen. Seinem Vater war also das geheimnis Vittoria's nicht verborgen geblieben. Der Greis hatte den Schmerz erduldet, sich verraten zu wissen. Wie musste ihn dies niedergeworfen, was musste er davon gelitten haben! Die reine, wahrhafte natur des Sohnes empörte sich gegen Vittoria, er dachte mit widerwilligem Zorn an sie und an Valerio, und Beides, Beides tat ihm weh: denn er liebte Vittoria und er liebte auch den Knaben, den er, obschon er um Vittoria's leidenschaft für einen Andern wusste, bis jetzt doch als seinen Bruder angesehen hatte.
Bricht denn Alles, Alles unter meiner Hand zusammen? fragte er sich schmerzlich, und der alte Gedanke, dass er nicht zum Glücke geboren sei, bemächtigte sich seiner wieder mit erneuter Macht. Er hatte bisher immer viel Mitleid mit Vittoria gehabt, ihr Leben an des alternden Gatten Seite war ihm stets als eine grosse Entsagung für sie erschienen. Jetzt beklagte er nur seinen Vater. Weil er nicht wusste, dass der Freiherr erst ganz kurze Zeit vor seinem tod den Verrat Vittoria's erfahren hatte, bewunderte er dessen stolze Zurückhaltung und die grossmütige Nachsicht, mit der er Vittoria behandelt hatte. Er machte sich selbst einen Vorwurf daraus, dass er der Verräterin so viel von seiner Liebe, so viel Freundschaft zugewendet; er hätte seinen Vater wiederhaben mögen, um es ihm abzubitten, dass er nicht genug Zärtlichkeit für ihn gefühlt habe, um ihn auf's Neue und mehr und verständnissvoller als bisher zu lieben.
Er wusste in einzelnen