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tiefe Demut hatte die Empörung ihres stolzen Herzens überwunden, sein letzter Atemzug hatte dem Dienste seiner Kirche angehört.

Neuntes Capitel

Die Schlachten an der Katzbach und von Grossbeeren waren eben geschlagen worden. Renatus stand mit seinem Regimente unfern dem rechten Elbufer, als er die Nachricht von dem tod seines Vaters erhielt, und weil er weichherzig war und im Ganzen der Schicksalsschläge ungewohnt, war sein Schmerz im ersten Augenblicke äusserst lebhaft. Er hatte allerdings bei den vorgerückten Jahren seines Vaters, und weil er ihn bei seiner letzten Anwesenheit in Richten sehr verändert gefunden hatte, wohl daran gedacht, dass er ihn möglicher Weise nicht wiedersehen, dass der Abschied, den er von ihm nahm, ein ewiger werden könne. Aber die Plötzlichkeit, die ganze Art, in welcher der Freiherr geendet, hatten für die Phantasie des Sohnes im ersten Augenblicke etwas Ueberwältigendes, etwas ganz besonders Schmerzliches, und Renatus konnte nicht müde werden, sich immer auf das Neue das Bild seines unter freiem Himmel auf dem Kirchhofe sterbenden Vaters vor die Seele zu halten.

Indess gerade die beständige Wiederholung der gleichen Vorstellung stumpfte den Eindruck ab, und es bewährte sich an Renatus die alte Erfahrung, dass diejenigen, welche bei dem Erleben eines traurigen Ereignisses gar keines andern Gedankens fähig und immer nur mit dem einen gegenstand beschäftigt sind, das Geschehene am leichtesten überwinden und verschmerzen. Es dauerte gar nicht lange, bis Renatus, wenn er an den Tod seines Vaters dachte, sich unwillkürlich aller der Tausende erinnerte, die neben ihm und um ihn her auf blutgetränkter, von Rossen zerstampfter Erde, an ihren Wunden verblutend, ihr Leben ausgehaucht hatten, ohne dass eine liebende Hand ihr brechendes Auge geschlossen hätte, ohne dass ihr letzter blick auf das Antlitz eines Freundes gefallen wäre. Was ihm in den ersten Stunden oder Tagen so schrecklich erschienen war, die Plötzlichkeit, mit welcher der Tod seinen Vater überrascht hatte, das fing er bald an, als eine Wohltat der natur und als ein Glück zu betrachten, und in seinem an den Caplan und an Vittoria gerichteten Antwortschreiben pries er das los seines Vaters, dem es vergönnt worden war, in den Armen seines treuesten Freundes, mit dem Hinblicke auf die von ihm geschaffene schöne Kirche, von der Erde Abschied zu nehmen.

Renatus hatte von seinem Vater nie jene Zärtlichkeit erfahren, welche das Leben der Kinder eng mit dem der Eltern verknüpft. Einen entscheidenden Einfluss auf die Erziehung seines Sohnes hatte der Freiherr ebenfalls nicht geübt, und in den letzten Jahren war Renatus nur selten und immer nur auf kurze Zeit in Richten gewesen. Es entstand daher in seinem Herzen durch seines Vaters Tod keine wesentliche Lücke, aber seine Verhältnisse erlitten durch denselben eine bedeutende Umgestaltung. Es traten mit Einem Male neue Anforderungen und Verpflichtungen an ihn heran, denen zu begegnen sein bisheriges Leben ihn in keiner Weise vorbereitet hatte, denen er persönlich zu genügen jetzt auch völlig ausser stand war. Er konnte nicht daran denken, inmitten dieses heiligen Krieges einen Urlaub zu begehren, und da ihm zuerst nur die Nachricht von dem tod seines Vaters zugekommen war, beruhigte er sich mit der überlegung, dass der Caplan und der Justitiarius doch am Orte wären und dass er sich ihres Eifers wie ihrer Einsicht versichert halten dürfe.

Er schrieb Vittorien, schrieb sofort auch seiner Braut und machte dieser den Vorschlag, sich mit ihrer Mutter und Schwester baldmöglichst nach Schloss Richten zu begeben, um der vereinsamten Vittoria eine Gesellschaft zu sein. Er erwähnte dabei, dass es ihm wohltun würde, die Gegenstände seiner Liebe in dieser unruhigen Zeit an einem und demselben Orte unter dem Schutze seines Hauses vereinigt zu wissen, und weil er entschlossen war, sich jetzt ernstafter als bisher mit den Vermögens-Angelegenheiten seiner Familie zu beschäftigen, bemerkte er gegen die Gräfin, dass es, nach den Opfern, welche der Krieg auch ihr auferlegt habe, ihr vielleicht geraten scheinen dürfte, ihre Häuslichkeit in der Hauptstadt aufzulösen und seine Gastfreundschaft anzunehmen, bis Hildegard selbst sie ihr in Richten anzubieten haben werde.

Bald darauf rückte sein Regiment vorwärts, es wechselte die Standquartiere oft, und erst am Tage vor der Leipziger Schlacht kam der zweite Brief aus Richten, welcher ihm mit dem Testamente seines Vaters zugleich die Kunde von dem Ableben des Caplans überbrachte, durch die Feldpost dem jungen Freiherrn in die hände.

Der Dienst hatte ihn bis gegen den Abend hin in Anspruch genommen. Müde und erschöpft stieg er vor dem einsamen Bauernhofe, in welchem er im Quartiere lag, vom Pferde und trat in die niedrige stube, welche er mit fünf anderen Offizieren teilte. Draussen war es herbstlich und feucht, aber trotz der geöffneten Fenster lag eine schwüle, heisse Luft über dem niederen raum. Zwei seiner Kameraden hatten sich, die Tornister unter den Köpfen, auf den Estrich des Bodens niedergeworfen und waren, wie ihr tiefes, schnarchendes Atemholen verriet, obschon es noch ganz hell war, vor Ermüdung eingeschlafen. Der Capitän, ein verheirateter Mann, schrieb an der Ecke des Tisches, an welchem die Andern mit jugendlicher Esslust ihr geringes Abendbrod verzehrten. Sie achteten kaum auf das Eintreten ihres Kameraden, nur der Hauptmann wendete sich flüchtig nach ihm um und sagte: Herr von Arten, es sind auch für Sie ein Brief und ein Packet angekommen; sie liegen dort auf dem Simse. – Dann fuhr er still zu schreiben fort.

Es war kein Platz mehr an dem Tische und auch kein Platz zum Sitzen in der stube. Renatus nahm seine Briefschaften und ging damit hinaus. Draussen