Sich, Hochwürden, mir diesen Glauben aufzudringen, Sie würden mich zur Gottesläugnung treiben!
Sie versank in ein Schweigen, und mit schmerzlichem Sinnen blickte der Caplan vor sich auf den Boden nieder. Vittoria fühlte sich in ihrem Gewissen frei, er aber fühlte sich gedemütigt wie nie zuvor, denn er wurde irre an der Macht, welche des einen Menschen reines Wollen auf den anderen auszuüben vermag, er wurde irre an seiner Kraft und Befähigung für sein Amt, und zum ersten Male fragte er sich: welche Bedeutung seine Kirche, welche Bedeutung das Priesteramt in der Zukunft haben würden, haben könnten.
Freilich war die katolische Kirche in Richten auferbaut worden, aber man hatte sich in der Erwartung getäuscht, eine Gemeinde für sie heranbilden und in dem protestantischen land neue Anhänger für die alte katolische Lehre gewinnen zu können. Das Verlangen nach prüfungsloser Hingabe an eine leitende Hand war in der Menschheit kein allgemeines mehr. Nur in vereinzelten Gemütern war noch das Bedürfniss rege, sich dem bestimmenden Willen einer Kirche zu unterwerfen, in ihrem Priester die Verkörperung des eigenen Gewissens zu verehren, in ihm einen Mittler zwischen sich und dem Himmel zu besitzen. Die Aufklärung, welche die Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts vorbereitet hatten, wirkte in immer weiteren Kreisen nach, und die Verbindung, welche das Oberhaupt der katolischen Kirche mit dem aus dem volk emporgestiegenen französischen Kaiser um der Selbsterhaltung willen eingehen müssen, hatte die päpstliche Krone ihres Anspruchs auf einen überirdischen Ursprung beraubt. Wie der Adel, so musste auch die Kirche sich jetzt bereits an die Trone lehnen, deren Verteilerin sie einst gewesen war, denn auch die Kirche, darüber hatte der Caplan sich nie verblenden können, hatte ihre freie, unangefochtene herrschaft durch die Revolution und die ihr folgenden Jahrzehnde der napoleonischen Tyrannei für immerdar eingebüsst.
Man hatte in Frankreich Priester der katolischen Kirche sich von ihren alten Lehren und Gesetzen lossagen, neue Bekenntnisse verkünden, sie verlassen und die Abtrünnigen zu ihren ersten Lehrsätzen und Aemtern wieder zurückkehren sehen, und die Kirche hatte sie als Bereuende wieder in sich aufgenommen. Damit war die Revolution auch innerhalb der Kirche vollzogen worden, damit war das Amt des Priesters vor den Augen der Gläubigen seiner Unfehlbarkeit, seines göttlichen Ursprunges entkleidet worden. Der Priester war von seiner Höhe in die Reihen der irrenden Menschheit hinabgestiegen, er hatte sein Anrecht auf sein Mittleramt zwischen dem Höchsten und dem sündigen Menschen verscherzt. Nur ein persönliches Vertrauen konnte der Seelsorger, der Geistliche von seiner Gemeinde noch begehren, und dieses persönliche Vertrauen – der Caplan schlug voll Zerknirschung an seine Brust, und an seinen greisen Wimpern zitterte die Träne – dieses persönliche Vertrauen verdiente er nicht mehr; denn er hatte die Sünde nicht abzuwehren vermocht von denen, die ihm übergeben worden waren, und den Zweifel mächtig werden lassen in den Seelen, die er hätte hüten sollen.
Er fühlte sich wie vernichtet, er sah auf sein ganzes langes Leben als auf ein verfehltes zurück, und aus seiner an sich selbst verzagenden Seele rangen sich wie ein Notschrei die Worte hervor: Herr, Herr, gehe nicht mit mir in das Gericht! –
Er wollte sich erheben und das Zimmer verlassen, aber er konnte es nicht. Er musste sich niedersetzen, und durch die bebenden hände, die er vor sein Antlitz schlug, flossen seine heissen Tränen nieder.
Da war es, als wenn ein Riss geschähe in dem stolzen Herzen der Trauernden. Was seine Worte nicht an ihr vermocht hatten, das wirkte sein Beispiel jetzt an ihr. Sein flehendes Gebet erzitterte in ihrem inneren. Sie wusste selber nicht, wie ihr geschah. Sie meinte sich an diesem Greise versündigt zu haben, sie sagte sich: ich bin es, um die er diese Tränen weint; mir, mir gilt sein flehender Ausruf: Herr, gehe nicht in das Gericht mit mir! – Denn wessen hätte er sich anzuklagen gehabt, dessen ganzes Leben Demut und Reinheit und selbstverläugnende Liebe gewesen war? – Und von einer gewaltigen Empfindung, die sie sich selber nicht zu deuten wusste, hingerissen, warf sie sich vor dem Greise nieder und wiederholte, während auch ihre Augen überströmten: Herr, gehe nicht in das Gericht mit mir!
Langsam, aber mit einem Blicke himmlischer Verklärung, richtete der Caplan sein Antlitz empor und seine hände falteten sich aufs Neue zum Gebete. Vergib uns unsere Schuld! sprach er leise und leise sagte Vittoria ihm die Worte nach; wie wir vergeben unseren Schuldigern! tönte es kaum hörbar von seinen Lippen.
Wie wir vergeben unseren Schuldigern! wiederholte die Erschütterte mit erhobener stimme und barg ihr Antlitz auf des Greises Kniee, dessen hände segnend niedersanken auf ihr Haupt.
So blieb sie eine Weile liegen. Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein, ein leiser Luftauch zog erfrischend vorüber. Es war Alles still um sie her, und still war es auch geworden in ihrer Brust. Da bedünkte sie es, als drücke die segnende Hand des Greises schwer und schwerer auf sie hernieder. Sie hob ihr Haupt zu ihm in die Höhe, die hände des Caplans sanken bewegungslos herab.
Herr Caplan! rief sie, Herr Caplan! – und die stimme versagte der Erschrockenen ihren Dienst. Sie umfasste ihn mit beiden Armen, er regte sich nicht; aber sein Antlitz lächelte in himmlischem Frieden, nur die Augenlider waren ihm zugesunken. Er war betend eingeschlummert.
Sanft, wie sein Leben gewesen war, hatte der Caplan sein letztes frommes Werk getan – Vittoria hatte den Segen eines Sterbenden erhalten. Seine