1864_Lewald_163_327.txt

? Unmöglich, unmöglich! Entweder es lebt kein Gott, es ist Alles, Alles Zufall und wir des Zufalls blindes Spiel, oder was ich erlebte, litt und tat, war mir von Gott bestimmt: ich tat, was er mich tun lassen wollteund was Sie mir als Sünde anrechnen, war mein vorherbestimmtes Müssen; ich musste sündigen!

Mit jener grausamen und bis zur Selbstvernichtung rücksichtslosen Freiheitslust des Sclaven, dessen Fesseln gebrochen worden sind, bekannte sie sich zu ihrem Unglauben, zu ihrem Abfalle von allen Ueberzeugungen, die sie einst gehegt hatte. Der Caplan verhinderte sie nicht daran. Er wollte die Tiefe der Wunde untersuchen und sie ausbluten lassen, ehe er sie zu schliessen und zu heilen unternahm. Er hörte sie schweigend an, als sie ihm eingestand, wie sie ihn in der beichte getäuscht, wie sie kein Abmahnen dagegen, und keine Reue in sich empfunden habe über ihre Liebe und ihren Ehebruch, und wie sie auf diese Weise auch von dem ihr in dem Kloster eingeimpften Wahne zurückgekommen sei, dass eine unvollständige, eine unwahre beichte eine der schwersten aller Sünden, dass zeitliches und ewiges Verderben ihre sichere Folge sei.

Aehnlich wie es einst die Baronin Angelika getan hatte und wie die überwältigende leidenschaft es mit sich bringt, stützte sie sich immer wieder auf ihr inneres Müssen und Nichtanderskönnen als auf ein Zeichen der Vorherbestimmung; nur dass Angelika's sanfte Seele in Demut und Zerschlagenheit vom Himmel Kraft und Trost begehrte, wo Vittoria's stolzer Sinn völlig in seinem Rechte zu sein behauptete. Selbst als der Caplan ihr zu bedenken gab, dass Gott innerhalb seiner Vorherbestimmung dem Menschen ein gemessenes teil von Freiheit zugestehe, an welchem er seine Kraft und Tugend zu prüfen und zu üben habe, und dass er es ihm in seiner Gnade an Zeichen und Mahnungen nicht fehlen lasse, wenn er von dem rechten Wege abgeirrt sei, machte sie das in ihren Ueberzeugungen nicht wankend, in ihrem Selbstgefühle nicht ungewiss.

Ich habe viele Nächte durchwacht, sprach sie, viele Tage durchweint, und in Leid durchwachte Nächte und im Schmerze durchweinte Tage währen lange. Ich bin einsam gewesen in diesem schloss, ich hätte nicht einsamer mich fühlen können im Bergesgeklüft in verlassener Kartause. Es hat mir an Musse nicht gemangelt zum Denken und zum Prüfen. Was blieb mir denn auch übrig, wenn ich gelächelt und gesungen hatte, den Freiherrn zu vergnügen, was blieb mir übrig, als zu denken, immerfort zu denken und zu sinnen? Ich habe zeiten gehabt, in denen ich mich überreden wollte, dass ich fehle, dass ich eine schlechte Gattin seimeine innerste Empfindung hat dem widersprochen. Ich bin dem Freiherrn vollständig gewesen, was er in mir gesucht, von mir begehrt hat. Ich habe sein Vertrauen, seine achtung nie besessen, er hat die Liebe, die ich noch nicht kannte, als ich mich ihm vermählte, und die er mich nicht kennen lehrte, nie von mir verlangt. Nicht Einen Tag hat er an mir gezweifelt, nicht Eine Stunde habe ich ihm Anlass gegeben, sich von mir versäumt zu glauben. Ja, als ich es fühlte, was die Liebe sei, als ich glücklich geworden war durch sie, habe ich das Bestreben gehabt, auch ihn noch glücklicher zu machen, da er es gewesen ist, der mich nach Gottes Vorbestimmung dem mir Auserwählten entgegenführen musste. Und wie ich mich in dankbarer Glückseligkeit der mir zugedachten Liebe überliess, habe ich schweigend die Dornenkrone des Schmerzes mir in die Stirn gedrückt, und keine Träne, kein Seufzer hat es dem Freiherrn je verraten, was ich litt. Ich bin ihm eine gute Gattin gewesen, ich fühle mich nicht schuldig gegen ihn. Es war Gottes Wille, der ihm ohne all mein Zutun mein geheimnis offenbarte, um mir endlich meine Freiheit zu vergönnen und um vielleicht durch mich dem Freiherrn zu vergelten, was er einst an der Baronin Angelika gesündigt hat. Mein Herz ist völlig mit sich einig, meine Seele ist in vollem Frieden!

Und Sie haben nie gefürchtet, dass die Hand des Höchsten sich über Ihnen mächtig zeigen, dass er Ihr verirrtes, ihm verschlossenes Herz mit schweren Schlägen zu eröffnen wissen werde? fragte sie der Caplan, um sie zu weiterem Sprechen zu bewegen.

Ich würde irre werden an der göttlichen Gerechtigkeit, rief Vittoria, wenn mir mehr auferlegt würde, als ich getragen habe. Nein, fügte sie hinzu und ihre Züge wurden weich und mild, Gott wusste, was mir fehlte. Hatte ich doch der Eltern- und der Geschwisterliebe ganz entbehrt, hatte er selber mich doch in das freudenleere, abgeblühte Leben meines Gatten verpflanzt! Gott versagt der kleinsten Pflanze nicht den Sonnenstrahl, der sie erblühen und reifen macht, dem geringsten seiner Geschöpfe nicht die Nahrung, ohne die es nicht bestehen kann. Er hat auch mir in seiner Gnade meinen Sonnenstrahl gegönnt. Und wenn er ihn mir auch sehr bald, ach, so gar bald entzogen hat, so weiss ich es jetzt doch, dass ich einmal lebte, und ich kann weiter leben, so lange es mir beschieden ist. Ich habe meinen Sonnenstrahl gehabt. – O, rief sie, indem sie ihre hände inbrünstig in einander schlug und ihre Augen zuversichtlich zum Himmel emporhob, o, ich würde Gott zu lästern glauben, ich würde irre werden an seiner Gerechtigkeit und seiner Liebe, wenn ich als Schuld erkennen müsste, was mein zugewiesen teil, mein Recht gewesen ist! Hüten Sie