nachdem ich mir eine grosse Ueberwindung zugemutet hatte, alles auf einmal über mich ein und durchbrach die Schranken meiner Kraft. Ich war ausser mir; verzeihen Sie mir das!
Er sicherte ihr dieses zu; sie schien sich damit zu beruhigen und nicht wieder auf den Boden jener Unterredung zurückkehren zu wollen, aber der Caplan gestattete ihr dies nicht.
Sie haben mir gestern den Zustand Ihrer Seele zu entüllen gewünscht, sprach er, und ich musste es Ihnen versagen, sich diese Erleichterung zu gewähren, weil ich Sie nicht in der Verfassung fand, in welcher allein es dem Menschen vergönnt werden darf, sich dem Trone der höchsten Wahrheit zu nahen. Heute fordere ich Sie, im Namen des mir durch Gottes Gnade gewordenen Amtes und Berufes, heute fordere ich Sie mit dem Anrechte, das ich als Ihr Seelsorger an Sie habe, dazu auf, Sich auszusprechen mit der vollen, ungeteilten Wahrheit, die Sie mir, die Sie Sich selber schulden, und ohne welche für den Menschen kein Heil, keine Selbsterkenntniss und keine Erlösung möglich sind.
Vittoria hörte ihm sehr gesammelt zu. Es lag in der starken überzeugung des Greises, in dem mächtigen Gefühle seiner unantastbaren Würde eine Kraft, welcher sich Niemand leicht entzog, besonders wenn er, wie die Baronin, ihrem Einflusse einmal unterworfen gewesen war. Aber sie zögerte dennoch, seiner Mahnung nachzukommen, und erst nach einer längeren überlegung sprach sie: Es wird nicht kurz sein, was ich Ihnen mitzuteilen habe, denn es umfasst Jahre voll langer Leiden, voll schwerer Seelenkämpfe, und ich zweifle, dass Sie mir die hülfe bieten können, die Sie mir zu leisten wünschen; denn, das ahne ich, ein verlorener Glaube findet sich nicht wieder. Aber hören sollen Sie mich, und jetzt gelobe ich Ihnen die ganze, volle Wahrheit, die Sie von mir erheischen, wennschon ich sicher bin, damit vor Ihnen keine Gnade zu gewinnen.
Sie schwieg eine Weile, stützte das Haupt auf ihren Arm, als suchte sie nach der Weise, in welcher sie beginnen könne, dann sagte sie: Ich habe nicht nötig, Ihnen die geschichte meines Herzens zu erzählen, Sie kennen sie. Sie wissen, wie meine Liebe verlangende natur an meines greisen Gatten Seite einsam blieb, wie nahe, wie sehr nahe ich daran gewesen bin, für meinen Stiefsohn die Empfindungen zu hegen, die sein Vater in mir nicht mehr zu erwecken vermochte; und Sie selbst, Hochwürden, haben mir das zeugnis gegeben, dass ich meinem Gatten zu leisten und zu sein bestrebt gewesen bin, was er von mir begehrte. Sie können mir auch das zeugnis nicht versagen, dass ich meines Stiefsohnes jugendlich mir entgegenwallendes Gefühl mit Selbstverläugnung in Zügel und in Schranken gehalten habe und dass er von mir ohne eine Ahnung der Gefahr an der Klippe vorübergeleitet worden ist, die mir und ihm den Untergang bereiten konnte.
Die Guttat, die Pflichterfüllung, wendete der Caplan ein, hat Ihnen reichen Lohn getragen. Die Freundschaft, die Ergebenheit, welche Baron Renatus für Sie hegt, sind wahr und tief.
Ich weiss das, Herr Caplan; ich bin mir meines Einflusses auf ihn vollauf bewusst. Ich weiss es, dass ich auf ihn zählen kann, obschon er es in neuester Zeit und durch mich selbst erfahren hat, dass meine Liebe niemals seinem Vater angehörte, dass ich nur Einen, Einen Mann geliebt, und dass derselbe nicht mehr ist. O, rief sie, indem sie ihren schwarzen Trauerschleier mit beiden Händen an ihre Lippen drückte, o, wenn Sie ahnen könnten, wie frei und glücklich ich mich in diesen Trauerkleidern fühle, wie meine Seele nach den schwarzen Gewändern verlangt hat! Niemals, Niemals werde ich sie wieder von mir legen! Ich werde sie tragen bis zu meinem letzten Atemzuge, als Erinnerung an die grosse Liebe, die Sie mir zur Sünde machen und die vor Gott kein Verbrechen sein kann, weil mein schöner Valerio ihr sein fröhliches Dasein verdankt.
Sie hatte über den Gedanken an ihre Liebe, über die Wonne, von derselben jetzt in Freiheit sprechen zu dürfen, abermals die religiösen Bekenntnisse vergessen, welche sie dem Geistlichen zu machen entschlossen gewesen war, und der Caplan hatte grosse Mühe, sie auf dieselben zurückzuführen. Die Freisinnigkeit ihres verstorbenen Gatten, die völlige Glaubenslosigkeit ihres Geliebten hatten ihren eigenen Glauben erschüttert, und die unklaren religiösen Begriffe, die kindlichen Ueberlieferungen, welche aus ihrem Klosterleben in ihr haften geblieben waren, hatten nur dazu beigetragen, ihren Sinn vollends zum Zweifel und zum Unglauben hinzulenken.
Sie war in ihrem Kloster in der Lehre von der Vorherbestimmung auferzogen worden, und ohne sich von den Einwendungen des Caplans im mindesten beirren zu lassen, hatte sie ihr Zusammentreffen mit Mariano von Anfang an als ein ihr von Gott vorherbestimmtes Schicksal, ihre Liebe für ihn als eine Naturnotwendigkeit angesehen, der sich zu entziehen nicht in ihrer Macht gelegen habe.
Sie selbst, sprach sie, Sie selbst, Hochwürden, haben mir oft genug wiederholt, dass kein Zufall in der Weltordnung eines allweisen Gottes möglich oder auch nur denkbar sei. Noch als ich ein Kind war, hat man mich gelehrt, dass kein Sperling vom dach fällt, ohne dass der Allwissende es wolle; und ich sollte hierher gekommen sein, weit ab von den Meinigen und meiner Heimat, in dieses unwirtliche, kalte Land, ohne Gottes Fügung? Hierher, in den fernen, grauen Norden sollte Mariano von des Krieges Wogen geschleudert worden sein, ohne Gottes ausdrücklichen Ratschluss