, dass ihre Wangen sich röteten und die Fülle ihrer schwarzen Locken ihr weit über die Stirn und die Wangen herabfiel. Mit schneller Handbewegung warf sie das Haar zurück und mit stolzem Tone sprach sie: Sie haben mir oftmals meine Sünde vorgehalten; aber haben Sie es auch dem Freiherrn eben so oft vorgehalten, Hochwürden, dass er ein Unrecht, ein schweres Unrecht an mir begangen hat, als er meine blinde Urteilslosigkeit und mein noch völlig schlafendes Herz benutzte, um mich zu der Seinigen zu machen? Nicht eine Stunde, aber nicht eine Stunde bin ich glücklich gewesen in diesem land, in diesem haus, bis zu dem Tage, an dem ich – wie Sie es nennen und wie das Gesetz es nennt – zur Sünderin geworden bin.
Frau Baronin, sagte der Caplan, es ist meines Amtes in der beichte, Ihre Geständnisse ganz so anzuhören, wie Ihr Herz Sie zwingt, sie vor mir niederzulegen, und ich habe mich Ihrem Vertrauen, so schmerzlich es mir gewesen ist, nicht entzogen. Ich habe ihm nach meinem besten Wissen, nach meiner heiligsten überzeugung zu begegnen und Sie immer wieder auf den Pfad der Pflichterfüllung hinzuweisen gesucht. Zum Vertrauten Ihrer verbrecherischen Phantasieen fühle ich mich nicht berufen.
Er erhob sich bei den Worten und wollte sie verlassen. Indess sein strenger blick, seine abweisende Bewegung schreckten sie nicht zurück.
Nun denn, rief sie, ich stehe an einem Scheidewege meines Lebens; ich habe zu brechen mit einer langen Vergangenheit voll schmerzlicher Verstellung, voll martervoller Lüge; so hören Sie denn als Beichtiger meine beichte, da Sie mir nicht als Berater zur Seite stehen wollen. hören Sie meine beichte, Herr Caplan!
Sie stand auf, trat an einen Seitentisch heran, trank, sich zu beruhigen, schnell ein Glas wasser aus, und vor dem Geistlichen niederknieend, der sich in stillem Gebete zu sammeln getrachtet hatte, wollte sie selber ein Gebet beginnen; aber nur ihre hände fanden sich in die altvertraute Form, ihr Sinn wollte sich nicht beugen; und sich eben so schnell emporrichtend, als sie sich niedergeworfen hatte, rief sie: Das ist's, das ist's, was ich Ihnen zu sagen habe und was früher oder später doch einmal ausgesprochen werden muss: ich glaube nicht mehr, ich glaube nichts, nichts, gar nichts mehr! Die Welt, der Himmel, Alles ist mir entgöttert, nur Eines ist mir heilig, Eines – und das ist dahin!
In Tränen aufgelöst, wie in einem Krampfe weinend, warf sie sich auf das Lager nieder; der Caplan stand sprachlos vor ihr. Er musste dem wilden Anfalle Zeit lassen, vorüberzugehen; aber es waren wundersame Gedanken, die ihn bewegten, und noch vermochte er nicht völlig auf den Grund des Herzens zu sehen, das sich ihm in so gewaltsamer Weise entüllen zu müssen meinte. Was hatte er in diesem haus alles erleben sehen und mit erlebt! Die Sünde ihres Gatten tragen und büssen zu helfen, hatte das liebende Herz der im protestantischen Bekenntnisse und in voller religiöser Freiheit aufgewachsenen Baronin Angelika sich der katolischen Kirche und ihrer Gnade in die arme geworfen. Ihr zartes Gewissen hatte sich eine flüchtig aufwallende Empfindung zum Verbrechen gestempelt, und weil sie sich selber zu vergeben nicht den Mut gefühlt, hatte sie sich mit aller Inbrunst ihrer Seele zu der höheren Macht gewendet, von der sie Vergebung ihrer Sünden erflehen und erwarten konnte.
Und jetzt stand Vittoria vor ihm: Trotz bietend allen Ueberlieferungen ihres Vaterlandes, dem Glauben, in dem sie geboren und erzogen war, der klösterlichen Zucht, in der sie so lange gelebt hatte, ja allen grundsätzen der Kirche und des Staates, und nichts anerkennend, als das blinde Müssen ihres von leidenschaft hinweggerissenen Herzens.
Er konnte sie in diesem Zustande nicht sich selber überlassen, er durfte sie in diesem Herzenswahnsinne nicht beichte hören. Er musste sich zu ihrem arzt machen, ehe er wieder ihr Seelsorger zu sein vermochte; aber es kam dem Greise schwer an, denn seine Kraft war sehr erschöpft und seine Seele zum tod traurig. Ohne eine Sylbe zu sprechen, ihre Hand fest in der seinigen haltend, sass er an ihrer Seite. Sein blick folgte dem unruhigen Zucken ihrer Mienen, sein Auge suchte das ihrige zu erfassen, um es festzuhalten; indess es verging eine lange Zeit, ehe die Aufgeregte sich zu besänftigen begann, ehe er daran denken konnte, ihr mit seinem Zuspruche zu nahen, und erst mit der völligen Erschöpfung ihrer Kräfte kam endlich so viel Ruhe über sie, dass er sie der Pflege ihrer Dienerin anvertrauen konnte.
Morgen, morgen! sprach er, als Vittoria versuchen wollte, ihm die Erklärung ihres Zustandes zu geben; aber als er sie mit hülfe ihrer Kammerfrau nach dem Schlafzimmer geleitete, musste er ihr die Zusage geben, sie nicht zu verlassen, sondern die Nacht im schloss, in der Nähe ihrer Zimmer zuzubringen.
Achtes Capitel
Vittoria hatte die kräftige Gesundheit des Volkes, dem sie angehörte. Der Gram vermochte sie nicht zu zerstören, nur die eigene leidenschaft drohte ihr Gefahr und konnte sie überwältigen. Sie erwachte erst spät, aber sie war völlig von ihrem Anfalle hergestellt, und als der Caplan gegen den Mittag zu ihr kam, fand er sie hellen Aussehens und auch hellen Geistes.
Verzeihen Sie mir, Hochwürden, begann sie, dass ich Sie gestern erschreckte; man ist bisweilen nicht Meister über sich. Was ich Jahre hindurch gewaltsam in mir verschliessen musste, das stürmte,