sei, dem sie Stand zu halten denke.
Als ob sie sich vor einer grossen Versammlung darzustellen habe, so gemessen trat sie in das Zimmer, liess sich ohne ein Wort zu sprechen auf dem Sopha nieder und forderte den Justitiarius nur mit einer Bewegung des Hauptes und der Hand zur Entsiegelung des Testamentes auf. Der Freiherr hatte dasselbe in Form eines Briefes an seinen Sohn Renatus gerichtet. Mit einer Umsicht, welche er, wie er sich ausdrückte, leider zu spät gewonnen habe, setzte er dem Sohne die Vermögensverhältnisse auseinander und ermahnte ihn, alle seine Kraft zu ihrer Hebung aufzuwenden und, wie der Freiherr es getan, seine Ehre in der Aufrechterhaltung ihres alten Namens und Ansehens zu suchen. Von Valerio, von Vittoria war in dem ganzen Testamente bis zu dem letzten Abschnitte keine Rede, und in diesem hiess es: "Wenn die Baronin Vittoria von Arten mich überlebt, so sollen ihr die Zinsen von dem ihr gebührenden Pflichtanteile an meinem Vermögen durch Dich, meinen Sohn, den Freiherrn Renatus von Arten-Richten, in regelmässigen Zahlungen zugewendet werden. Es soll ihr auch, falls es mit Deinen Wünschen und Absichten in Uebereinstimmung ist, der dauernde Aufentalt in unserem schloss zu Richten nicht versagt werden, wenn sie es nicht ihrer Lage angemessener findet, in das Kloster zurückzukehren, in dem sie ihre erste Jugendzeit verlebte, um dort in Sammlung und in Einsamkeit für ihr Seelenheil zu sorgen. In jedem Falle aber wirst Du, mein Sohn, über die Erziehung ihres Sohnes Valerio zu wachen haben damit er dem Namen, den er führt, damit er unserem Namen keine Schande mache. Doch verpflichte ich Dich zu keiner sorge für ihn, welche über die Zeit seiner Grossjährigkeit hinausgeht, und vielleicht würde es auch für ihn das Entsprechendste sein, ihm in einem der oberitalienischen Klöster, in welchen die Giustiniani'sche Familie noch von Einfluss ist, seine Bildung geben zu lassen, um ihm, dem Vermögenslosen, die Neigung für eine Laufbahn in dem Dienste der Kirche einzuflössen. – Wenn, was ich jedoch nicht erwarte, die Baronin Vittoria sich mit diesen meinen Anordnungen nicht einverstanden erklären und etwa für sich oder für ihren Sohn mehr beanspruchen sollte, als mein Wille ihnen zuerkennt, so ermächtige ich Dich, die Papiere, welche diesem Testamente beigefügt sind, zu eröffnen und von denselben gegen die Verlangnisse der Baronin den gebotenen Gebrauch zu machen. Im andern Falle sollen die Papiere uneröffnet und in ihrem Beisein sofort vernichtet werden." Das Testament schloss danach mit einem Segenswunsche für den Sohn und für das Fortbestehen des Geschlechtes.
Die Baronin hatte während der Verlesung des Schriftstückes keine Miene verändert; aber sie war sehr blass geworden, und es vergingen ein paar Minuten, ehe sie sich zum Sprechen sammeln konnte. Dann schien sie ihren Entschluss gefasst zu haben, denn sie sagte mit Ruhe und Sicherheit: Melden Sie dem Freiherrn Renatus, meinem Stiefsohne, dass ich mich den Anordnungen meines Gatten, seines Vaters, unterwerfe. Das ist alles, dünkt mich, was ich heute zu erklären nötig habe. Was weiter zwischen ihm und mir über meine und Valerio's Zukunft festzusetzen ist, mag unentschieden bleiben, bis ich es mit meinem Stiefsohne selbst beraten kann.
Sie verneigte sich darauf vor dem Justitiarius und vor dem Caplan wie vor ihr völlig fremden Männern und verliess das Gemach in derselben feierlichen Weise, in welcher sie es betreten hatte.
Der Justitiarius und der Caplan blieben, weil ihre Geschäfte es erheischten, an dem Tage ganz im schloss; aber Vittoria kam nicht wieder zum Vorscheine. Erst spät am Abende liess sie den Geistlichen zu sich entbieten.
Er fand sie auf ihrem Ruhebette; sie erhob sich jedoch bei seinem Eintritte, nötigte ihn, Platz zu nehmen, und sagte: Es drängt mich, mit Ihnen zu sprechen, Hochwürden, aber ich benachrichtige Sie im voraus, dass ich von Ihnen keine Vermittlung zu meinen oder meines Sohnes Gunsten zu begehren denke. Ich habe meine weltlichen Angelegenheiten nur mit meinem Stiefsohne zu ordnen, – sie bezeichnete, was sie sonst stets vermieden hatte, Renatus heute immer nur mit diesem Namen, – und da ich die Bestimmungen des Freiherrn angenommen habe, ist eigentlich Alles getan, denn meine Zusage ist mir heilig.
Der Caplan, welcher nicht voraussehen konnte, was diese befremdliche Einleitung bedeuten sollte, hielt sich an ihre letzten Worte, und ihr ernstaft in das Auge blickend, sprach er: Wollte der Himmel, dass Sie damit die Wahrheit redeten, wollte der Himmel, Sie hätten Ihre Zusage stets so heilig gehalten, als es Ihre Pflicht gewesen wäre, so hätte es des Freiherrn ....
Sie liess ihn nicht zu Ende sprechen. Ich weiss, was Sie sagen wollen, rief sie lebhaft, und eben deshalb habe ich Sie gebeten, mich noch heute zu besuchen. Sie hielt einen kleinen Augenblick inne, dann hob sie wieder an: Ich habe die Demütigung, die Busse, welche der Freiherr mir aufzulegen für gut befunden hat, gelassen hingenommen. Es war eine sehr bittere Stunde! Indess ich hatte, wie ich den Freiherrn kannte, irgend etwas der Art erwarten müssen und mich darauf vorbereitet. Er hat mich schwer dafür bestraft, dass ich mit achtzehn Jahren, dass ich, aus dem Kloster kommend, nicht mehr Einsicht in meine eigene natur, nicht mehr Lebenserfahrung besessen habe, als der welt- und herzenskundige Mann, der mich in sein herbstliches Leben wie ein Spielzeug aufnahm.
Sie sprach das so lebhaft