, wie es seine Art war, ein Liedchen summend, mit einem Bleistifte auf das Holz.
Was machst Du hier? fragte ihn der Geistliche, indem er näher an ihn herantrat.
Valerio hob den Kopf empor. Er hatte die Augen seiner Mutter, aber nicht ihren ernsten blick. Eine Fülle von Lebenslust war über sein ganzes Antlitz ausgegossen; seine vollen Lippen, seine offene Stirn waren der Sitz einer fortwährenden Heiterkeit. Die schwarzen Kleider, die man ihm angelegt hatte, bildeten für ihn nur einen Hintergrund, auf dem seine blühenden Farben sich noch glänzender hervorhoben.
Was machst Du hier? fragte der Caplan ihn noch einmal, da Valerio ihn anschaute, ohne ihm zu antworten.
Sie sehen's ja, Hochwürden, ich zeichne mir die Ahnen ab!
Und das musst Du gerade heute tun? warf der Caplan, der sich bei dem Anblicke dieses fröhlichen Knaben einer schmerzlichen Empfindung nicht entziehen konnte, ihm tadelnd ein.
Freilich, der Saal ist ja sonst stets zugeschlossen! antwortete der Knabe gleichmütig, während er seinen Bleistift wieder in Bewegung setzte.
Er war schon gestern und vorgestern, als der gnädige Herr noch hier standen, gar nicht aus dem saal fortzubringen, sagte der inzwischen herbeigekommene Diener. Der Junker ist kein Kind, wie andere Kinder. Nicht Eine Träne hat er um den seligen gnädigen Herrn geweint. Wenn der Junker nur fingen und zeichnen kann, so kümmert ihn nichts weiter.
Valerio hatte das alles mit angehört, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen. Mit Einem Male sah er den Caplan mit seinen grossen Augen zutraulich an und sagte: Hochwürden, wenn ich gross bin, werde ich den Vater malen, damit er auch ein Ahne wird! Ich übe mich schon ein! Sehen Sie, so werde ich ihn malen!
Er hielt dem Caplan die kleine Tafel hin; das Bild des ersten Freiherrn war auf derselben von dem Knaben ähnlich genug abgezeichnet worden und, die Tafel umwendend, erblickte der Greis eine unverkennbare Darstellung des Katafalks mit den ihn umgebenden Leuchtern, Blumen und sonstigen Verzierungen.
Valerio hing aufmerksam an dem gesicht des Beschauers. Ist's so richtig? fragte er gespannt. Der Caplan nannte es gut genug, und Valerio sagte: Ich hätte auch die Mutter gern gezeichnet, wie sie da stand und am Sarge weinte! Es sah schön bei den Lichtern aus! Aber sie blieb nicht stehen, und wie sie fortgegangen war, brachte ich es nicht heraus!
Da hören Sie es, Hochwürden! rief der Diener, den Junker, den rührt nichts! Er hat nur seine Spielerei im Sinne! Da war der Freiherr Renatus doch ein anderes Kind!
Lassen Sie den Knaben gehen, bedeutete der Geistliche den treuen Diener; Gott hat die Menschen nicht alle gleich gemacht, und wer will es sagen, was er mit diesem kind und mit dessen Zukunft vorhat. Lassen Sie ihn zeichnen und stören Sie ihn nicht, so lange er kein Unrecht tut. Es verlangt ja jede Kraft nach ihrer Uebung, und eine Kraft wohnt diesem kind inne. – Komm, mein Sohn, sprach er, indem er ihn bei der Hand nahm und mit sich fortführte, und die flüchtige Abneigung, die er gegen Valerio empfunden hatte, wich der Liebe, mit welcher der fromme Greis jetzt den längst geahnten göttlichen Funken einer künstlerischen Begabung in dem kind unverkennbar wahrnahm. Komm, mein Sohn, wiederholte er, Du sollst andere Bilder nachzumalen haben, komm. Dann zu sich selbst und in sich hineinsprechend, sagte er: Wie wenig auch aufgegangen ist von den Saaten, die ich streute, ich will des Säens und des Jätens doch nicht müde werden, damit ich vor Ihm bestehen kann, der mir so lange Zeit zur Arbeit gönnt. Komm, mein liebes Kind!
Valerio verstand weder die Rührung des Geistlichen, noch den Sinn seiner Worte, aber ihr freundlicher Ton tat ihm wohl, und sich an ihn schmiegend, folgte er dem Caplan willig, der ihn aus dem Ahnensaale in das Freie hinausgeleitete, während er selber sich nach dem Arbeitszimmer des Freiherrn verfügte, in welchem er zur Eröffnung des freiherrlichen Testaments erwartet wurde.
Der Freiherr hatte nämlich bald nach seiner Verheiratung mit Vittoria durch seinen Justitiarius seinen letzten Willen aufsetzen lassen und das Dokument in dessen hände niedergelegt. Indess ein paar Wochen vor seinem tod hatte er es zurückgefordert, es im Beisein des Justitiarius vernichtet und demselben ein neues, ganz von des Freiherrn eigener Hand geschriebenes Testament zur Aufbewahrung in dem Archive übergeben. Die Aufschrift bestimmte, dass es noch an seinem Begräbnisstage in Gegenwart der Freifrau Vittoria von dem Hauscaplan und dem Justitiarius eröffnet werden und, falls der Freiherr Renatus von ArtenRichten nicht im schloss anwesend sei, demselben eine Abschrift des Testaments sofort zugesendet werden sollte.
Der Justitiarius war schon vor dem Caplan im schloss eingetroffen. Als der Letztere in das Arbeitszimmer des verstorbenen Freiherrn trat, fand er jenen bereits dort warten, und auf eine Benachrichtigung gesellte die verwittwete Freifrau sich zu ihnen.
Es war mit Vittoria in den letzten Wochen eine grosse Veränderung vorgegangen, eine Veränderung, welche heute selbst den beiden Männern auffiel, die sie doch eben jetzt zum Oefteren gesehen hatten. Sie erschien ihnen älter, aber noch schöner, als sonst. Die langen, schleppenden Trauerkleider machten sie grösser aussehen, ihre Züge, welche bisher meist einen weichen, spielenden Ausdruck zur Schau getragen hatten, zeigten sich stolz zusammengefasst; man meinte ihr anzumerken, dass sie auf einen Urteilsspruch gefasst