1864_Lewald_163_322.txt

der Margareten-Höhe leicht und fröhlich die hellen, rosigen Sommerwölkchen, im Lichte schimmernd, vorüberzogen.

Auf die Nachricht von dem Unglücksfalle strömten aus allen Häusern die Leute herbei.

Es hat ihn hieher gezogen! sagte eine der Frauen. Es hat ihm schon lange keine Ruhe mehr gelassen! meinte eine andere. Niemand klagte um ihn.

Schrecken und Neugier, das waren die Empfindungen, mit denen sie die Leiche des Gutsherrn umstanden. Er war ihnen lange fremd geworden, sie hatten nicht mehr die Liebe zu ihm, wie ihre Eltern und Grosseltern sie für die herrschaft einst gefühlt hatten. Kein Auge weinte über ihn.

Nur von den greisen Wimpern des Caplans tropften die Tränen nieder, als er das Zeichen des Kreuzes über dem Entseelten machte. Einst war er des Jünglings Führer auf dem Lebenswege gewesen, nun hatte er ihn auf seinem letzten Gange zu geleiten, und rückblickend auf das geendete Dasein seines Freundes, wie in sein eigenes Herz, betete er: Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns und vergib uns unsere Schuld!

Der Justitiarius fuhr eilig in das Schloss, dort die Todesbotschaft zu verkünden. Es dunkelte schon, als man die Leiche des Freiherrn auf einer Bahre nach Richten trug, und leise verhallend riefen die letzten Klänge des Ave Maria auch dem Gestorbenen ihr: "Ruhe in Frieden!" nach.

Siebentes Capitel

Die Bestattung des Freiherrn fand in aller Stille und nur im Beisein der Edelleute Statt, welche sich von den benachbarten Gütern zu derselben eingestellt hatten. Da man in der Mitte des Sommers war, hatte man die Beerdigung nicht hinausschieben dürfen, bis man die nächsten Verwandten des Hauses herbeirufen können, und ihre Zahl war auch nicht eben gross.

Es lebte ausser Renatus und dem kleinen Valerio jetzt Niemand mehr, der den Namen von Arten-Richten trug. Die beiden alten Vettern, welche einst der Grundsteinlegung zur Kirche und der Geburt von Renatus beigewohnt hatten, waren lange tot. Auch der Schwiegervater des Freiherrn, der Graf von Berka, war gestorben. Der jetzige Majoratsherr des gräflichen Hauses stand noch bei dem Regimente, in das er für die Befreiungskriege eingetreten war, und Graf Gerhard, mit dem der verstorbene Freiherr, wie die Berka'sche Familie selbst, in einem wenig vertrauten Verkehre gelebt hatte, befand sich immer noch in des Landes Hauptstadt, von wo man ihn der Entfernung wegen nicht zur Leichenfeier hatte einladen können.

Niemals war das Schloss dem Caplan grösser und würdiger, niemals so einsam erschienen, als an dem Mittage, an welchem er, von der Beerdigung seines Herrn und Freundes kommend, es vor sich auf der Terrasse liegen sah. Er konnte sich deutlich des Tages erinnern, an dem er vor vollen fünfzig Jahren in Richten eingetroffen war. Damals hatte der Freiherr neunzehn Jahre gezählt. In ihrer ganzen Schönheit hatte seine Schwester an des herrlichen Jünglings Seite gestanden, und vor ihnen allen hatte das Leben wie eine lachende Ebene sich in unendlicher Ferne ausgebreitet und ihnen Raum zu bieten geschienen für die kühnsten Hoffnungen, für den stolzesten Ehrgeiz. Nun waren sie alle dahin, die Eltern des Freiherrn und fräulein Ester, die den jungen Geistlichen damals so vornehm freundlich willkommen geheissen hatte, der Freiherr und seine Schwester Amanda und die schöne Baronin Angelika. Sie alle hatte der Caplan zu grab geleitet, er war der einzig Uebrige von dem ganzen damaligen Geschlechte, und was hatte sich verwirklicht und erhalten von dem schönen und zuversichtlichen Erwarten und Wollen jener Jugendzeit?

Es stand noch da, das Schloss, aber die Selbsterrlichkeit seiner Bewohner war nicht mehr die alte. Die Zeit hatte sich gewandelt. Die Anerkennung der Menschenrechte, welche der Leibeigenschaft notwendig früher oder später überall ein Ende machen musste, hatte ihre wirkung gegen die Vorrechte des Adels lange schon geübt. Er hatte manche derselben eingebüsst, er war in seinem Besitze angegriffen, seiner Reichsunmittelbarkeit, wo eine solche vorhanden gewesen war, fast überall beraubt, und wie er einerseits hauptsächlich noch durch den Glauben an sich selbst bestand, so musste er sich stärker als zuvor an den Tron zu lehnen suchen, zu dessen vermeintlicher Stütze er sich machte, um sich mit jenem gemeinsam zu erhalten. Er musste der Diener der Monarchen werden, weil er aufgehört hatte, der Herr seiner eigenen Leute und Untertanen zu sein. Die Zeit seiner Freiheit, seiner herrschaft war vorüberund es verhielt sich nicht viel anders mit der Kirche.

In seine ernsten Betrachtungen vertieft, betrat der Geistliche die Eingangshalle des Schlosses und schritt nach dem Ahnensaale, in welchem die Leiche des Freiherrn, der alten Familiensitte gemäss, aufgestellt gewesen war. Die Bilder sahen unter ihren Verzierungen von schwarzem Flor, die man in Trauerzeiten darüber anzubringen gewohnt war, schwermütig auf den leeren Katafalk hernieder. Alle Türen nach der Terrasse waren geöffnet, die Gärtnerburschen trugen die Pflanzen hinaus, welche man bei der feierlichen Ausschmückung des Saales verwendet hatte. Jeder war mit seiner Arbeit beschäftigt, man räumte emsig die Erinnerung an ein Menschendasein fort, das noch vor Kurzem, das so lange Jahre hindurch als bewegender Mittelpunkt alles Lebens in diesen Räumen gewaltet hatte! – Mit einem Seufzer wollte der Caplan das Gemach verlassen, als er in einer Ecke desselben Valerio gewahrte.

Die Schönheit des Knaben fiel ihm selbst in diesem Augenblicke wieder überraschend auf. Er sass in einem der alten Prachtsessel von vergoldetem Leder, hatte beide Füsse auf den Stuhl gezogen, ein kleines Brett, das dem Sarge irgendwie zur Unterlage gedient haben mochte, gegen die Kniee gestützt und zeichnete