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dass er sich in solcher Weise auf offener Strasse seinem Empfinden überliess, und vielerfahren, wie der Geistliche es war, konnte er sich doch des tiefsten Mitleidens mit dem Freiherrn nicht erwehren. Er trat an ihn heran und forderte ihn auf, sich zu erheben und den Schatten aufzusuchen, da die Wolken sich zerteilten und die sinkende Sonne ihre letzten Strahlen in voller Kraft über das Erdreich ausbreitete.

Aber der Freiherr verweigerte es. Lassen Sie mich hier verweilen, sagte er. Die Sonne ist mir erfreulich, und es tut mir wohl, zu denken, dass selbst solche Kriege, wie sie über uns hinweggegangen sind, die Ruhe der toten nicht gestört haben. So weiss man doch, wo man Ruhe für sich zu erhoffen hatund es will mich oft bedünken, als würde ich sie bald hier suchen kommen. Denn wenn die Todtgeglaubten wiederkehren, müssen die Lebenden von dannen gehen, fügte er hinzu.

Sie haben Paul gesehen! rief der Caplan.

Der Freiherr neigte schweigend das Haupt. Was wissen Sie von ihm? fragte er darauf.

Der Caplan sagte, dass er durch Renatus die erste Kunde von dem so lange verschollen Gewesenen erhalten habe. Da Paul aber seinen Namen gewechselt und sich geflissentlich von dem freiherrlichen haus fern gehalten habe, so habe auch er es für angemessen gehalten, des Wiedergekehrten gegen den Freiherrn nicht besonders zu erwähnen. Jetzt sei in den Dörfern durch den Bauer, der Paul zu dem grab seiner Mutter hingeleitet habe, die Kunde von seinem Leben und von seiner Heimkunft als ein Gerücht verbreitet, und er habe demselben nicht widersprochen, da ohnehin die Familie Steinert, in welcher Paul durch mehrere Wochen gewohnt habe, in das geheimnis seines Namenswechsels eingeweiht und mit ihm und seinen Verhältnissen bekannt sei, weil Adam Steinert mit dem haus Flies, dem Tremann angehöre, in beständiger Geschäftsverbindung stehe.

Der Freiherr hörte dem Berichte ohne eine unterbrechende Frage zu. Dann sprach er, als ob er mit sich selber rede: Wie das emporsteigt, wie sich das zusammenfindet: die Flies', die Steinert's und nun gar Paul! Wie die Flut eines Meeres erhebt er sich um uns, dieser Stand der Bürger, und man hat die Dämme freventlich zerstört, die uns vor seinem Andrange sicher stellten! Er schüttelte das Haupt und versank in seine Gedanken. Nach einer Weile richtete er sich auf und sagte: Ich sehe trübe, sehr trübe in die Zukunft unseres Vaterlandes, mein alter Freund, und ich werde mich nicht beklagen, wenn ich nicht mehr Zeuge der Entwicklung sein sollte, welche dieser Volkskrieg gegen Frankreich vorbereitet! Ich habe ohnehin nichts mehr, was mich freut, nichts mehr, worauf ich zuversichtlich hoffe! Ich bin müde, wie Einer, der die eigene Zeit zu grab trägt; und oftmals möchte ich mich fragen: wofür habe ich gelebt? – Wer kann es sagen, ob diese weissen Rosen, die Sie hier mit stillem Sinne pflanzten, mit stiller Liebe pflegen, Ihnen nicht mehr Befriedigung gewähren und länger dauern, als alles, was ich zu meines Hauses Ehre plante, hoffte und erschuf!

Die Lippen bebten ihm, seine stimme zitterte leise, als er, diese Worte sprechend, von dem Baumstamme aufstand.

Der Caplan war nicht weniger niedergeschlagen, als sein Freund. Der Trost, mit welchem sein gläubiger Sinn und sein gottvertrauendes Herz sich aufrecht hielten, war für den Freiherrn nicht vorhanden, denn er war keine religiöse natur und sein verhältnis zu der Kirche und zu ihren Lehren war immer nur ein äusserliches gewesen. Nur in Stunden höchster Ratlosigkeit hatte er sich ihr und seinem Beichtiger und Freunde in die arme geworfen, und sein Zustand war in diesem Augenblicke von der Art, dass der Caplan vor allen Dingen daran denken musste, ihm körperliche hülfe zu leisten. Denn als der Freiherr sich erhoben hatte, schien ein Schwindel ihn zu befallen. Er schloss die Augen, griff mit der Hand tastend nach des Freundes Arm und sagte, während dieser ihn umschlang, um ihn zu unterstützen: Rufen Sie Jemanden herbei, ich befinde mich sehr übel!

Aber der Ruf des erschrockenen Greises verhallte ungehört. Die Feierstunde war angebrochen, die Handwerker hatten ihre Arbeit bereits verlassen, die Leute waren schon vom feld nach ihren Wohnungen zurückgekehrt. Der Caplan und der Freiherr waren auf dem Kirchhofe ganz allein, und unfähig, den Zusammenbrechenden mit seinen Armen aufrecht zu erhalten, liess der Caplan ihn langsam zur Erde niedergleiten, dass er mit dem rücken gegen das Standbild lehnte, welches einst Anlass zu dem tod der Kammerjungfer gegeben hatte.

Mein Freund, mein teurer Freund! rief der Caplan, indem er die hände des mühsam Atmenden erfasste und ihm die Halsbinde zu lösen versuchte. Aber der Freiherr antwortete dem Rufe nicht mehr. Sein Auge hob sich schwer und suchend zu der Kirche empor, als wolle er sich noch mit dem letzten Blicke an dem Denkmale halten, das er sich und seinem Geschlechte aufgerichtet hatte, dann streifte es an dem Antlitze des alten Freundes hin und senkte sich, um sich nicht wieder zu erheben.

So schnell seine wankenden Füsse ihn trugen, eilte der Caplan nach seinem haus, Beistand herbeizuholen; aber alle Mittel, die man anzuwenden wusste, erwiesen sich als unfruchtbar. Der Freiherr Franz von Arten-Richten hatte zu leben aufgehört.

Einsam, auf grünem Rasen, unter freiem Himmel war das stolze, müde Herz gebrochen, während das Kreuz auf dem Kirchturme im Golde des Sonnenunterganges flammte und über