1864_Lewald_163_320.txt

mitgenommen worden waren, oder den schönen Beichtstuhl und die kunstreich geschnitzte Kanzel herstellen zu lassen, welche die durchmarschirenden Hessen zerschlagen und zur Feuerung benutzt hatten. Nur die Tünchung der Wände, nur die Ausbesserung des Fussbodens wünschte der Caplan, denn es hatten, als die Armee nach Russland gegangen war, durch viele Tage die Pferde in dem Gotteshaufe gestanden, so dass der Boden zerstampft und überall, wo man die Krippen angebracht hatte, die Löcher von den eingeschlagenen Eisen in den Wänden und an den Pfeilern sichtbar waren.

Der Caplan war lange nicht im schloss gewesen, aber es war ihm nicht verborgen geblieben, was dort geschehen. Die Bekenntnisse Vittoria's hatten ihm Alles entüllt. Er hatte vergebens danach gestrebt, den Freiherrn persönlich zu sprechen, um ihm die hülfe zu leisten, welche ihm bieten zu können er sich fähig glaubte. Der Freiherr hatte seine Besorgniss vor der Uebertragung des Lazaretfiebers zum Vorwande benutzt, den Besuch des Caplans abzulehnen, und als dieser es bei Anlass der Kirchen-Reparatur unternommen, sich dem alten Lebensgenossen schriftlich zu nähern, um ihm, der sich sonst gern mündlich und brieflich mitzuteilen und auszusprechen geliebt hatte, eine Befreiung auf solchem Wege darzubieten, hatte derselbe sich nur an den geschäftlichen teil des Briefes gehalten und die fragen um sein Befinden und Ergehen völlig ohne Erwiederung gelassen.

In schwerer Bekümmerniss um den Freund und um das Schicksal des Geschlechtes, an das er sein eigenes Schicksal geknüpft hatte, verliess der Caplan an einem heissen Sommerabende sein Haus. Er wollte sich überzeugen, wie weit die Arbeiter an dem Tage in der Kirche mit ihrem Werke vorgeschritten wären. Die Sonne war schon im Sinken, der Himmel hing voll Wolken, und ihre Schwere erhöhte für die Phantasie den Druck, den die Schwüle der Luft auf alles, was lebte und atmete, ausübte. Kein Vogel sang, kein Grashalm und kein Blatt bewegten sich.

Langsamen Schrittes war er über den Kirchhof gegangen, hatte in der noch offenstehenden Kirche die arbeiten in Augenschein genommen und trat eben wieder ins Freie hinaus, um nachzusehen, wie die weissen Rosenstöcke gediehen, die er nach Säuberung der Gruft aufs Neue mit eigenen Händen vor derselben angepflanzt hatte. Vorsorglich die Stämme untersuchend, nahm er von ihnen die Raupen und die Käfer ab, welche sich um die Stengel und zwischen den Blättern eingenistet hatten, und es war eine wehmütige Freude, mit der er diese Rosen, die er aus Ablegern der hier zuerst gesetzten Stöcke in seinem Garten gross gezogen hatte, nun wieder vor der Grabstätte der ihm vorangegangenen geliebten Menschen Knospen tragen und erblühen sah.

Das ewige Werden! sagte er zu sich selbst und bückte sich, um nachzufühlen, ob das Erdreich nicht zu trocken sei. Da er sich aufrichtete und sich umsah, ob er nicht Jemanden herbeiwinken könne, der ihm wasser holen gehe, stand der Freiherr vor ihm. Der Caplan war auf das äusserste betroffen. Der Freiherr hatte von Jugend auf den Gedanken an den Tod gescheut, den Besuch der Kirchhöfe gemieden und seit der Beisetzung der Baronin Angelika die Familiengruft nie mehr besucht.

Sie hier, gnädiger Herr? rief er, und seine Freude, den alten Lebensgenossen wiederzusehen, war eben so lebhaft, als sein Erschrecken über den ausserordentlichen Verfall, den er an seinem Freunde wahrnahm. Was führt Sie hieher, verehrter Freund? rief er noch einmal; und obenein in dieser heissen Schwüle, die Ihrem Befinden gewiss nicht heilsam ist?

Der Freiherr lächelte; aber es war nicht mehr der frühere gewinnende Ausdruck in diesem Lächeln. Seine Abspannung und seine Gebrochenheit sprachen aus jedem zug und aus jeder seiner Mienen.

Eben die heisse Schwüle, entgegnete der Freiherr, und eben mein Befinden, das viel zu wünschen übrig lässt. Ich schlafe schlecht, fühle mich niedergeschlagen, und das heutige Wetter lastet wie Blei auf mir. So wollte ich versuchen, mir mit einem weiteren Gange, als ich ihn in den letzten Monaten unternommen habe, über die Abspannung fortzuhelfen und mir Schlaf zu schaffen für die Nacht. Unterwegs kam mir der Gedanke, meine Schritte hieher zu lenken und Sie aufzusuchen. Wir haben uns lange nicht gesehen.

Sehr lange nicht, entgegnete der Geistliche, und seine sorge um den Freiherrn wuchs, da er den gebrochenen Ton seiner stimme vernahm.

Sie haben viel durchgemacht, viel durchgemacht! nahm der Freiherr wieder das Wort und hielt unentschlossen, ob er weiter sprechen solle, inne, bis er mit einem Ausdrucke tiefer Schwermut hinzufügte: Aber auch an mir, wenngleich ich Ihre Gefahren und arbeiten nicht teilte, sind diese zeiten nicht spurlos vorübergegangen. Er seufzte dabei und schritt, sich abwendend, dem Familienbegräbniss zu. Die tür der Gruft war geöffnet; als er hineingehen wollte, hielt der Caplan ihn davon zurück.

Es ist kalt in der Gruft, warnte er, Sie sind vom Gehen warm, und es ist alles in dem Gewölbe, wie es vorher gewesen ist.

Die Särge sind also wenigstens nicht angetastet worden? fragte der Freiherr.

Ganz und gar nicht; nur die Vorhalle war stark mitgenommen. Die Ruhe unserer toten wurde nicht gestört.

Der Freiherr antwortete nicht. Der Gruft gegenüber lag ein starker, gefällter Baumstamm an der Erde, der hier auf dem Kirchhofe zu neuen Latten für die Umzäunung zerschnitten werden sollte. Auf diesen Baumstamm liess der Freiherr sich nieder, und den Stock in seinen Händen, das Haupt auf die hände gesenkt, blickte er lange schweigend nach der Gruft.

Niemand hatte es erlebt,