, auch für ihn, wie einst für die Baronin Angelika, der Todesbote zu sein, und die Schwermut, welche ihn nach dem Selbstmorde seiner Geliebten befallen hatte, ward jetzt in verstärktem Grade abermals über ihn Meister. Er meinte ihn immer noch vor sich zu sehen, den Doppelgänger, der ihm sein eigenes und doch so gewandeltes Bild vor Augen gestellt hatte, und weit davon entfernt, sich zu dem ihm so ähnlichen Sohne hingezogen zu fühlen, hegte er einen bittern Groll, ja, einen hassenden Widerwillen gegen ihn. Er konnte es nicht verschmerzen, dass er nicht mehr die männliche Schönheit und die Jugend besass, deren jener sich erfreute, er meinte seines sinkenden Lebens, seiner geschwundenen Kraft sich erst jetzt bewusst zu werden, da sein Sohn ihm vorgehalten hatte, was er einst gewesen war. Und in den bitteren Schmerz um seine eigene Vergänglichkeit mischte sich die düstere sorge um das Fortbestehen seines Hauses, dem er Pauline hingeopfert hatte. Das Geschlecht derer von Arten-Richten stand, wenn er einst starb, und sein Tod war ihm, wie er sich überzeugt hielt, nahe, nur noch auf zwei Augen, nur noch auf Renatus, über dessen Leben jetzt in jeder Stunde die Todeswürfel fallen konnten.
Es war ein furchtbarer Kampf, den der Greis in diesen Tagen in sich durchzuringen hatte, denn er vermochte nicht darüber mit sich einig zu werden, ob er verpflichtet sei, dem Fortbestehen seines Geschlechtes Alles, selbst seine beleidigte Ehre und sein empörtes Gefühl zum Opfer zu bringen, oder ob er, sich selber genugtuend, die Aufrechterhaltung seines Namens dem Zufalle überlassen dürfe.
Er hatte Stunden, in denen er Vittoria und Valerio von sich stossen, Renatus Alles entüllen, ihn zurückberufen und ihn schnell zu einer Ehe überreden wollte, um sich durch ihn eine Nachkommenschaft zu sichern; andere Stunden, in welchen der Gedanke, Paul anzuerkennen, falls Renatus in dem Kriege umkommen oder ohne Kinder sterben sollte, ihm nahe trat; aber wenn er eine dieser Absichten zu Papier gebracht hatte, flösste das Niedergeschriebene ihm beim Durchlesen ein Erschrecken ein, und weder zu dem einen noch zu dem andern Schritte vermochte sein Stolz sich zu entschliessen.
Er konnte sich nicht überwinden, durch die Verstossung Vittoria's und durch die gerichtliche und damit öffentliche Verläugnung ihres Sohnes, der Welt das Eingeständniss des Irrtums zu machen, den er begangen, als er im letzten Mannesalter das junge Mädchen zu seiner Gattin erwählt hatte; und eben so wenig konnte sein Adelsstolz sich an die Vorstellung gewöhnen, dass Paul, der Sohn einer Hörigen, einst dazu berufen sein solle, den Namen derer von Arten fortzupflanzen, dass das Blut einer Magd, wie teuer sie dem Freiherrn auch gewesen war, in den Adern eines Mannes mit dem Namen derer von Arten fliessen könne, die auf die Reinheit ihres Geschlechtes und auf die Bedeutung aller ihrer geschlossenen Verbindungen von jeher den höchsten Wert gelegt hatten. Paul's Anerkennung einzuleiten, so lange Renatus noch am Leben war, daran dachte der Freiherr natürlich nicht, aber wer konnte es ihm zusichern, dass er selbst noch leben und im stand sein würde, Verfügungen zu treffen, wenn in den nächsten Monaten einmal die Nachricht von Renatus' tod nach Richten anlangte? Und wie war es in diesem letzteren Falle zu verhindern, dass das von Arten'sche Erbe an Valerio, an den Sohn der Ehebrecherin fiel? Wie war es zu machen, dass sein Blut, sein Name nicht untergingen? – Tage und Tage verstrichen, und seine Qualen minderten sich nicht.
Rastlos wie ein irrer Geist wandelte der Freiherr in seinen Gemächern umher; angstvoll den Ereignissen des Krieges folgend, immer bange vor der Möglichkeit, den Tod seines Sohnes und Erben zu erfahren, und doch ohne die eigentliche Vaterliebe für diesen Sohn, auf dessen Erhaltung seine teuersten Hoffnungen gerichtet waren, und ohne alle freudige Teilnahme an den beginnenden Erfolgen und Siegen des Volkes, in dessen Mitte und für dessen Befreiung die beiden Erben seines Blutes ihr Leben in die Schanze schlugen.
Mit jedem Fortschritte, den die Waffen der Verbündeten erfochten, mit der aufjauchzenden Freude des Landes und des Volkes über die ersten Siege derselben wuchs die innere Vereinsamung des Greises. Er hatte nichts gemein mit den Gefühlen der Verbrüderung und der erkenntnis der menschlichen Gleichheit, welche die Zeit der Not in dem volk begründet und die Gemeinsamkeit des Kampfes und der Gefahr in den Herzen der Edelsten wenigstens für diesen Augenblick festgestellt hatten. Er gehörte nicht zu denen, welche die Neuerungen gut hiessen, die der König und seine Regierung vor dem Ausbruche des Krieges unternommen hatten und deren Ausdehnung und Entwicklung verheissen worden und nach erfolgtem Siege erwartet wurden. Wie auch die Würfel des Krieges fallen mochten, er sah kein Heil in der Zukunft, und doch hing er am Leben, doch wollte er mit seinem Willen bestimmend in die Zukunft hinüberreichen.
Es war schon im Beginne des Sommers und die Spuren des furchtbaren französischen Rückzuges aus Russland fingen in den preussischen Ostprovinzen sich zu vermindern an, als man in Rotenfeld endlich daran denken konnte, die Kirche, welche durch viele Monate zum Hospitale gedient hatte, zu reinigen und dem Gottesdienste wiederzugeben. Aber als die letzten Kranken sie verlassen hatten, wurde man erst recht gewahr, wie schwer sie gelitten hatte und dass man einer für die gegenwärtigen Verhältnisse nicht unbedeutenden Summe bedürfen würde, sie nur einigermassen herzustellen. Es konnte nicht die Rede davon sein, die Silbergerätschaften zu erneuern, welche von den ersten durchziehenden Franzosen