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geist, einander mit Blitzesschnelle in ihm ab. Nur Eines blieb unwandelbar: er fürchtete den Heimgekehrten. Und in seines Alters Kraftlosigkeit dieser deutlichsten Empfindung die herrschaft über sich lassend, machte er eine abwehrende Bewegung gegen den regungslos ihm gegenüber Stehenden.

Sie wirkte wie ein Schlag auf Paul, sie erkältete ihm die Seele. Er wollte nicht von hinnen. Seine Brauen zogen sich finster zusammen.

Der Freiherr kannte diese Miene. Es war Paulinen's dunkler blick, er übte auch jetzt, auch aus ihres Sohnes Auge den alten, bannenden Zauber über ihn aus. Er meinte, Pauline vor sich zu sehen, eben emporgestiegen aus dem wallenden Nebel dieses dunkeln Wassers. Er konnte sie kaum noch auseinander halten: sein eigenes Dasein und dieses Mannes Erscheinung und Paulinen's schattenhaftes Bild. Es war wie ein Spuk, der ihn umgab, dem er sich mit Gewalt zu entziehen suchen musste, sollte er an ihm nicht augenblicks zu grund gehen.

Was willst Du von mir? rief er; sprich, was willst Du?

Nichts! entgegnete Paul und richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe empor, dass er die gebeugte Gestalt seines Vaters fast um eines Hauptes Höhe überragte.

So verlass mich! sprach der Freiherr, seiner angstvollen Beklemmung folgend, und wie vor dem eigenen grausamen Worte erschrocken, schauderte er zusammen und wendete sich, den Mantel fest um seine Schultern schlagend, von dem Sohne ab, mit schwankendem Schritt den Rückweg nehmend.

Paul blieb wie angewurzelt stehen. – Sie war verschwunden die aufwallende Kindesliebe, nur eine erbarmende sorge um den Greis regte sich noch in ihm. Er sah ihm achtsam und unverwandten Blickes nach, bis die Hecke auf der Terrasse und die Dämmerung den Freiherrn seinem Auge entzogen, bis er ihn unter dem Schutze seines Hauses, in der Nähe seiner Leute wusste. Er liebte, er hasste den Vater nicht, er bemitleidete ihn. Tief aufatmend, in sich gefasster als je zuvor, und um eine Erfahrung, und um welche! reicher ging er von dem Flusse fort.

Am rand des Waldes wendete er sich um. Nur die Umrisse des mächtigen Baues waren noch zu erkennen. Das Schloss sah wie ein riesiges Grabmal aus; es machte ihm einen melancholischen Eindruck. Er hatte einst die glücklichen Kinder beneidet, die hinter den goldenen Fenstern dieses Schlosses spielen würden. Heute beneidete er die Besitzer dieses Schlosses nicht mehr, heute fühlte er kein Verlangen mehr, sein los gegen das des jungen Freiherrn zu vertauschen.

Ihr Stern war im Sinken, der seine stieg empor, und er hatte sie nicht mit sich fortzutragen durch das Leben, die Herz und Sinn verengenden Ueberlieferungen, die hemmenden und herabziehenden Vorurteile dieses Hauses; er konnte frei und ungehindert seiner Einsicht, seiner überzeugung und seinem Bedürfen folgen. Er freute sich, dass keine Verpflichtung irgend einer Art ihn an die Vergangenheit knüpfte; sein Alleinstehen dünkte ihn ein Glück. Und seinem Pferde die Sporen gebend, ritt er mit dem Rufe: Vorwärts! in das nächtliche Dunkel hinein, das ihn umgabsicher, seinen Weg zu finden und seines Zieles nicht zu fehlen.

Sechstes Capitel

In heftiger Erregung kehrte der Freiherr in das Schloss zurück, und kaum in seinem Zimmer angelangt, sank er in völliger Erschöpfung auf sein Lager nieder. Der Kammerdiener, den des Herrn kurzer Atem und sein starrer blick erschreckten, wollte ihm hülfe leisten, die Baronin rufen, den Caplan herbeiholen lassen, aber der Freiherr verwehrte es ihm.

Er blieb auch nur kurze Zeit auf seinem Bette liegen, dann erhob er sich, und ging, wie er es in heftigen Gemütsbewegungen stets zu tun pflegte, in seinen Zimmern auf und nieder. Er wies jede Erfrischung, die sein Diener ihm aufzunötigen versuchte, schweigend von sich, und es war bereits über Mitternacht hinaus, als er sich plötzlich an seinen Schreibtisch niedersetzte und dem Diener befahl, neue Kerzen hinzustellen und sich dann zur Ruhe zu begeben.

Am Morgen fand der Diener die Kerzen tief herabgebrannt und den Freiherrn in seinen Kleidern auf dem Ruhebette in seinem Arbeitszimmer eingeschlafen. Das war, so lange der Diener ihn kannte, nie geschehen, und er hatte doch schon vor der ersten Verheiratung des Freiherrn seine Stelle angetreten und viel mit seinem Herrn durchgelebt. Was konnte vorgegangen sein, das den Herrn bewogen hatte, von seinen strengen, regelmässigen Gewohnheiten abzuweichen?

Es war kein Fremder im schloss gewesen, kein Brief angekommen, der Freiherr hatte auch die Baronin nicht gesprochen. Der Diener ging in den Zimmern des Freiherrn suchend umher, es war nichts aufzufinden, was ihn auf irgend eine Spur hinweisen konnte; nur im Kamine lagen die noch unzerstäubten Ueberbleibsel verbrannter Papiere auf den erloschenen Kohlen. Da der Diener sich niederbückte, sie aufzunehmen, zerfielen sie in Asche.

Als der Freiherr erwachte, liess er sich ankleiden und sein Frühstück bringen; aber obschon es ein heller, schöner Tag war, ging er nicht aus. Stunden lang stand er am Fenster und sah in den Park hinunter; dann wieder sass er schreibend an seinem Arbeitstische, und ein paar Mal bemerkte der Diener, dass er das Geschriebene zerriss und die Stücke wieder in das Feuer warf. Bisweilen nahm er ein Buch zur Hand, aber er legte es stets nach wenigen Augenblicken wieder von sich. Er konnte seine Gedanken nicht von sich selber, nicht von der Erinnerung an Paul abziehen. Er konnte sich der Vorstellung nicht entschlagen, dass Paul dazu ausersehen sei, als ein Rächer seiner Mutter