1864_Lewald_163_317.txt

. Nur wenige Augenblicke und sie standen einander gegenüber. Paul trat sprachlos zurück. Es war kein Zweifel möglich, es war der Freiherr. Aber die Veränderung in seines Vaters Zügen und Erscheinung presste Paul das Herz zusammen. Er hätte, alles Andere vergessend, das einst so stolze Haupt wieder aufgerichtet, den müden, schweren Schritt des Greises wieder so rasch und fest wie früher sehen mögen. Er hatte eben erst im geist den Jammer seiner jung gestorbenen Mutter durchlebt, jetzt erfasste ihn der Schmerz um seines Vaters Alter. Er kam sich so glücklich, so mächtig vor in dem Vollgefühle seiner Kraft, im Hinblicke auf seinen emporsteigenden Lebensweg, dass er ein Erbarmen fühlte mit der Hinfälligkeit des Menschen und mit aller seiner Schwachheit, als ob er selber ihnen niemals unterworfen sein würde. Nichts als Mitleid, nichts als liebevolles Rückerinnern, als das Verlangen, diesen müden Mann zu stützen, war in des Sohnes Herzen rege, als der Freiherr ihn mit dem gebietenden Tone anrief, der ihm auch jetzt noch eigen war.

Wer sind Sie? herrschte er.

Es wallte heiss auf in des Sohnes Brust, als er diese stimme nach so langen, langen Jahren wieder an sein Ohr schlagen hörte. Es drängte ihn, sich zu nennen, es kostete ihn Ueberwindung, nicht zu sagen: Müder Vater, ich bin Dein Sohn, und ich bin jung und glücklich! – Aber er fürchtete, den Greis zu erschrecken, und sich zusammennehmend sagte er: Ich bin, wie Sie es sehen, ein Landwehrmann, der zu des Königs Heere zieht.

Von woher kommen Sie? erkundigte sich der Freiherr, der sich wie die Fürsten und Vornehmen die Freiheit des Fragens zuerkannte und doppelt, wenn er, wie in diesem Falle, dazu berechtigt war.

Ich bin mit der russischen Armee in's Land gekommen, entgegnete Paul, zufrieden, den Freiherrn im gespräche festzuhalten.

Aber Sie sind kein Russe!

Nein!

Was führte Sie in diese Gegend?

Der Auftrag, die hiesigen Freiwilligen zu versammeln und einzuüben, und .... Er zauderte und schwieg.

Und? fragte der Freiherr, dem ein Etwas in des stattlichen Fremden Wesen wunderbar und doch vertraut entgegentrat, dass er sein Auge nicht von des Mannes schönem Antlitze abziehen konnte. Und? –

Da hielt sich Paul nicht länger. Die ihn selber überraschende Zuneigung zu dem greisen Freiherrn, der Wunsch, es darzutun, was er aus eigener Kraft aus sich gemacht, auch ohne dass seines Vaters Namen und hülfe ihm zu teil geworden waren, das Verlangen, als ein Rächer seiner Mutter Andenken in dem Freiherrn zu erwecken, das alles stürmte in raschem Wechsel auf ihn ein, und die mächtigen Augen auf den Freiherrn gerichtet, sagte er mit festem und doch schmerzlichem Tone: Ich wollte die Stelle wiedersehen, an welcher meine Mutter mir meines Vaters Haus gezeigt hat, ehe sie in den Wellen dieses Flusses Ruhe für sich suchte!

Der Freiherr trat einen Schritt zurück. Seine Augenlider hoben sich rasch empor, er schaute dem Sprechenden mit starrem Blicke in's Antlitz. Ich selber, ich selber! rief er und bedeckte seine Augen mit der Hand.

Sie blieben schweigend vor einander stehen. Was der Freiherr sich oft gesagt, was er nie bitterer empfunden hatte, als an dem Tage, an welchem Vittoria's Verrat ihm plötzlich klar geworden war, das brannte in diesem Augenblicke als ein verzehrender Schmerz in seinem inneren. Nur Ein Weib hatte ihn treu, hatte ihn allein und ausschliesslich geliebtdie Niedriggeborene, der er nicht seinen Rang, nicht seinen Namen gegeben, wie der Tochter der Grafen Berka, wie der Tochter des Hauses Giustiniani. Nur Ein Weib, nur Pauline hatte nicht zu leben vermocht ohne ihn und seine Liebe, und er hatte, weil sie nicht seines Standes gewesen war, sich berechtigt gehalten, sie von sich zu weisen, als er dies für seine Zwecke nötig gefunden, und er hatte sie in den Tod getrieben! Sie allein hatte sein Wesen so in sich aufgenommen, dass es ihm jetzt von ihrem treuen Schoosse geboren wie sein eigenes Bild entgegentrat, wie sein eigener Schatten, vor dem er zitterte, weil dieser Doppelgänger seiner eigenen Jugend sich stolz und selbständig wider ihn erhob. –

Er konnte nicht fassen, was er eben jetzt erlebte, er konnte seine Gedanken nicht ordnen, nicht sammeln. Er war also nicht tot, der Todtgeglaubte, dessen plötzliches erscheinen einst Angelika den Tod gegeben hatte, der jetzt auch ihm selber, er fühlte es, den kalten Stachel in das ohnehin so müde Herz drückte. Wo war er gewesen? Wo kam er her, eben jetzt? Eben jetzt, da der Freiherr sich niedergebeugt fühlte von der Schmach, welche Vittoria ihm angetan, da er sich gedemütigt fühlte bis in's Tiefste seiner Seele, weil er seines Hauses Namen auch dem Sohne Vittoria's, einem Bastard, hinterlassen musste, wenn er seine eigene Schande nicht verkünden wollteseines Hauses alten Namen!

Und hier stand er vor ihm, der Ausgestossene, sein Bastardsohnin jedem zug sein Fleisch und Blutin jedem Blicke und Tone sein eigner Sohn, für ihn verloren, sollte er nicht sein ganzes Leben eine Lüge strafen, für ihn verloren auf immerdar, sollte er nicht, was er stets gemieden hatte, die Welt geflissentlich zum Mitwisser und zum Richter seines Tuns und Lassens machen!

Die Vorstellungen lösten, wie vorhin in seines Sohnes