, dass er sich der Vorstellung nicht entschlagen konnte, was er an dieser Stelle schaffen und leisten würde. Er hatte gewähnt, mit allen Gedanken an seinen Ursprung fertig zu sein, er hatte sich oft mit stolzer Zufriedenheit gesagt, wie es ein Glück für ihn gewesen sei, dass er losgerissen worden von dem trägen Stamme des Arten'schen Geschlechtes, dass er sie nicht eingesogen, die Vorurteile dieser alten Welt, und doch fühlte er heute den ganzen schmerzlichen Zorn in sich lebendig werden, der einst aus den Worten seiner Mutter in ihn übergegangen war, als sie mit ihm zum ersten und letzten Male vor dem schloss seines Vaters gestanden hatte; doch brannte heute die herbe, schmerzliche leidenschaft wieder in ihm auf, die er einst empfunden, als seines Vaters blick sich kalt und lieblos von ihm abgewendet, jene zornige leidenschaft, die ihn in die Welt hinausgetrieben hatte. Wer hatte dem Freiherrn das Recht gegeben, seine Mutter zu verlassen? Wer hatte ihm das Recht gegeben, seinen erstgeborenen Sohn von sich zu stossen und ihn seines Namens, seiner Heimat, seines Erbes zu berauben?
Torheit, Torheit! rief Paul sich selber zu, als er diese fragen, auf welche die ganze wirkliche Welt und sein Wissen von ihr ihm die Antwort gaben, wie Gebilde eines wachen Traumes in sich aufsteigen fühlte. Er wollte nicht weiter vorwärts, er sagte sich, dass er nichts zu suchen habe auf diesem Grund und Boden, und nichts mehr gemein mit dem Geschlechte, dem derselbe angehörte. Freiwillig hatte er sich einst von allem Zusammenhange mit dem mann, der vor den Leuten nicht sein Vater sein mögen, losgerissen, und er dachte nicht im entferntesten daran, die möglichen Beziehungen jetzt zu erneuen. Aber es war, als sei ein Dämon aus dem grab seiner Mutter aufgestiegen, als habe ein Zauber ihm den festen Sinn verwirrt. Er konnte es nicht lassen – er musste es wiedersehen, einmal musste er es wiedersehen, das Schloss von Richten und den weiten Park, der es umgab.
Der Weg war nicht schwer zu finden, der Freundschaftstempel auf der Margaretenhöhe zeigte ihn deutlich an. Ein Knabe, der dem stattlichen Landwehr-Offizier mit staunendem Blicke nachsah, war schnell herbeigewinkt, das Pferd zu halten, als Paul am Parke abstieg. Die breite Haupt-Allee tat sich einladend vor ihm auf.
Die Sonne war schon im Sinken, wie an dem Abende, da er diesen Park zum ersten Male betreten hatte. Die Gehege, welche ihn an dieser Seite einst umgeben hatten, waren zum teil noch vorhanden, indess die bunt gefleckten Hirsche mit den herrlichen Geweihen, die zierlichen Rehe mit ihren klugen Augen guckten nicht mehr aus den Drahtgittern hervor. Das Unterholz war stark zugewachsen, man sah selbst durch die unbelaubten Zweige nicht weit hinein.
Der Himmel war klar, aber seine Farben waren wie im Herbst kalt, und herbstlich raschelte auch das im vorigen Jahre liegen gebliebene welke Laub am Boden in dem wenig gepflegten Parke. Es war Alles still in der natur; nur hier und da, wenn der aufsteigende Abendwind sie bewegte, knackte es leise in den Wipfeln der Bäume, um die das letzte Glühen der Sonne seine spielenden Flammen leuchten liess. Gerade so war es gewesen, als er mit der Mutter einst diesen Weg gekommen war. Mit raschen Schritten ging er vorwärts. Ihm klopfte das Herz, er wollte mit sich fertig werden, es abgetan haben. Er hatte keine Erinnerung gehabt an die Gegend, an die Ortschaften, welche er an diesem Nachmittage durchritten: hier kannte er jeden Schritt, und wie aus einem Zauberspiegel tauchten die alten Bilder aus seiner frühesten Jugend vor ihm auf.
Wie an jenem Abende, ganz wie an jenem Abende, so lag es vor ihm auf der Terrasse, die sich über dem Flusse erhob, das stolze Herrenschloss der Freiherren von Arten-Richten. Die untergehende Sonne funkelte in seinen hohen Fenstern, dass sie golden erglänzten, als feiere man hinter ihnen ein fröhliches fest; die Schornsteine stiegen, vom Abendrote angestrahlt, hoch in die Höhe, nur unten auf dem Flusse dunkelte es schon und des Nebels graue Wellen fingen an, sich über dem wasser zu kräuseln, wie an jenem Abende!
Wie an jenem Abende! Er meinte sie noch zu fühlen, die Hand, welche ihn damals so fest gehalten, dass es ihn geschmerzt hatte; er meinte sie noch zu hören, die stimme seiner Mutter, die so streng und rauh geklungen an jenem Abende, dass er sich vor ihr gefürchtet.
"Das ist Schloss Richten," hatte sie gesagt, "das gehört dem Freiherrn von Arten, dem Onkel Baron, und der Onkel Baron ist Dein Vater!" – Er hatte Mühe, sich selber die Worte nicht nachzusprechen, wie einst seiner Mutter. Wie damals zählte er die Fenster, wie damals zählte er die Schornsteine. Er wunderte sich fast, dass er kein Kind mehr sei; aber es hätte ihn nicht gewundert, hätte seine Mutter plötzlich wieder an seiner Seite gestanden, wäre aus dem Abendscheine, wie damals, ein Mann hervorgetreten.
Er hielt in seinen Gedanken inne, er traute seinen Augen nicht. Was das auch nur ein Gebilde seiner aufgeregten Phantasie, oder wer war es, der da drüben gebeugten Hauptes, in einen weiten Mantel eingehüllt, langsam am Ufer herabkam und plötzlich nicht ferne von ihm stehen blieb?
Er ging nach jener Seite hin; auch die Gestalt bewegte sich vorwärts