begraben habe.
Der Bauer besann sich eine Weile, dann fing er zu zählen an. Hier, sprach er darauf, indem er auf einen der schwachen Hügel hinwies, hier, dieses ist's; es war das fünfte Grab hier von der Mauer!
Paul blickte hin, es war keine Bezeichnung irgend einer Art daran erkenntlich. Er wollte eine Frage tun, unterdrückte sie und konnte dem Verlangen endlich doch nicht widerstehen. Hatte das Grab denn kein Kreuz? fragte er, weil es ihn zu wissen gelüstete, ob sein Vater der Mutter wenigstens diesen letzten Liebesdienst geleistet habe.
Ein Kreuz? wiederholte der Bauer offenbar verwundert, sie hat sich ja in's wasser gestürzt! Ein Kreuz konnte sie nicht bekommen und eine Tafel – wer hätte ihr die setzen lassen sollen? – Sie hatte nicht Vater, nicht Mutter, nicht Bruder, nicht Schwester; sie hatte gar keine Freundschaft hier zu land, und der gnädige Herr? – der Bauer zuckte, sich unterbrechend, die Schultern – damals freilich stand es noch sehr gut mit ihm. Aber als die Pauline sich in's wasser stürzte, reiste er gerade zu seiner ersten Hochzeit ab, und hernach, wie sie im Garten aufgefischt wurde, waren die Eltern der gnädigen Frau, die Herrschaften von Berka, just im schloss. Es wird nun an die zweiundzwanzig Jahre her sein. Da hatte man nur zu tun, dass die nichts davon erfuhren und dass der Leichnam im Stillen unter die Erde kam. Wem ging sie auch was an? –
arme Mutter! arme, arme Mutter! rief Paul in seinem inneren, und noch einmal drängten die Tränen sich in seine Augen. Sich leise niederbeugend, legte er, ohne zu wissen, weshalb er's tat, die Hand auf das junge, grüne Gras, das über seiner Mutter Asche neu emporwuchs. Dann wendete er sich ab. Er hatte Abschied genommen von der toten, nun konnte er gehen. Der Bauer sah ihm verwundert zu. Er hatte so etwas noch nicht erlebt; aber man konnte jetzt vielerlei geschehen sehen, was vorher nicht dagewesen war. Mit Einem Male, wie er so neben dem Offizier her ging, schien ihm ein Gedanke zu kommen. Er sah zu ihm empor und wollte eine Frage tun, aber gerade in dem Augenblicke richtete auch Paul sein Auge noch einmal auf seinen Begleiter, und es war in dem festen, strengen Blicke etwas, das die unerbetene Frage laut zu werden hinderte, etwas, dem der Alte von früher Jugend auf gehorsamt hatte.
Er zog den Hut ab und blieb voll Ueberraschung stehen. Der Offizier grüsste ihn und ging mit einem Dankesworte von dannen.
Sein ganzer gang! sagte kopfschüttelnd der Alte, dem plötzlich die Bedeutung seines Erlebnisses klar zu werden anfing. Sein ganzes Gesicht, setzte er hinzu, da Paul, nachdem er zu Pferde gestiegen war, das Haupt noch einmal rückwärts wendete, sein ganzes Gesicht!
Paul hatte gerades Weges nach haus reiten wollen, aber das eingesunkene, verlassene Grab seiner Mutter hatte ihm das Herz erschüttert. Er meinte sich ihrer plötzlich auf das deutlichste zu erinnern, er meinte, sie vor sich zu sehen, wie sie an dem letzten Abende ihres Lebens neben ihm gestanden. Er glaubte, den Ton der stimme zu vernehmen, mit welcher sie zu ihm gesprochen hatte, und das Verlangen, das fast jedem Menschen inne wohnt, das Verlangen, sich mit seinen Anfängen im Zusammenhange zu erhalten, ward in ihm so mächtig, dass er sein Pferd zur Rechten lenkte und die Strasse einschlug, auf welcher die grosse Rotenfelder Kirche ihm als Wegweiser diente.
Er kannte nicht Weg, nicht Steg. Das Dorf war ihm fremd, fremd auch die Menschen, die es bewohnten, und fremd war er Allen, die hier lebten. Hier und da standen ein paar Leute vor den Türen und sahen zu dem Vorüberreitenden empor. Sie mochten seine Mutter wohl gekannt haben; von ihm wussten sie nichts. An einem Fenster nähte ein junges Weib. So hatte seine Mutter wohl auch am Fenster gesessen und auf den Weg hinausgesehen, auf dem der Freiherr zu ihr zu kommen pflegte. Vor den Türen spielten Kinder. Hatte er auch einst so gespielt, und wo waren sie geblieben, seine Spielgenossen? Wer waren sie gewesen? Er wusste sich keines solchen zu erinnern.
Die Häuser sahen zum teil verfallen aus; auch die Leute schienen ihm armselig und verkommen, wenn er sie mit dem frischen, kräftigen Landvolke verglich, das er in Amerika durch lange Jahre vor sich gesehen hatte; nur die Kirche ragte stolz empor. Er wusste, dass sie bereits zum zweiten Male als Lazaret benutzt ward, und er dachte, dass sie auf diese Weise doch einem anderen, einem allgemeineren Zwecke diene, als der unfruchtbaren Selbstbefriedigung, zu welcher man sie einst errichtet hatte.
Er kannte durch Seba und durch Herbert die Familiengeschichte des Freiherrn von Arten, durch Steinert und durch die Geschäfte des Flies'schen Hauses die verwickelten Verhältnisse, in denen derselbe sich befand. Er hätte Hand anlegen, helfen mögen, dass so grosser, so schöner Besitz nicht zu grund gerichtet, dass durch Fleiss und Vorsorge Wohlstand und Gedeihen geschaffen würde, wo törichte Verschwendung, wo Unkenntniss und Sorglosigkeit den Untergang heraufbeschworen. Er begriff sich selber nicht, so schnell wechselten die Empfindungen und Gedanken in ihm ab. Er schalt sich über die Rührung, die ihn unwillkürlich überfiel, er tadelte sich