der Franzosen zu regen begann und in welcher das Bestreben der gesammten Bürger mit dem selbstständigen Beschliessen aller Behörden so einmütig und ruhmwürdig zusammenfiel, dass sie endlich die zagende Unentschlossenheit des Königs mit sich auf dem Strome ihrer Begeisterung fortrissen, waren die unermüdliche Arbeitskraft und die schnelle Uebersicht eines geschäftskundigen Mannes recht an ihrem platz gewesen.
Wo man seiner bedurfte: bei den Ankäufen für die Ausrüstung, bei der Controle der eingehenden Beiträge, bei der Beschaffung der nötigen Capitalien, überall war Paul zu uneigennütziger hülfe bereit; und als man schliesslich daran ging, die Landwehr aufzubieten, war er wieder der ersten Einer gewesen, die das bürgerliche Kleid mit dem Soldatenrocke, die Feder mit dem Degen vertauscht und das Kreuz an ihre Mütze geheftet hatten, um in dem ihm von den oberen Behörden angewiesenen Kreise im Verein mit Steinert, der zu den treuesten und eifrigsten Vaterlandsfreunden zählte, das Zusammentreten, die Ausrüstung, die erste Einübung und den Abmarsch der Freiwilligen bewerkstelligen zu helfen.
Es war nicht Paul's Wahl gewesen, dass er eben in diesen teil der Provinz gekommen war, an den sich keine erfreulichen Erinnerungen für ihn knüpften. Indess er war es nicht gewohnt, seinen widerstrebenden Empfindungen nachzugeben, wo es eine Pflichterfüllung galt, und die Arbeit, welche auf ihm und Steinert lag, war so gewaltig, der Augenblick nahm die ganze Kraft der Menschen so sehr in Anspruch, jeder Morgen brachte so viel neue Anforderungen, stellte so viel neue Notwendigkeiten heraus, denen rasch begegnet werden musste, dass Paul während aller der Tage, die er unter Adam's Dach verweilte, nicht viel an sich selber denken konnte.
Und doch wachte mit dem Klange der Namen Neudorf, Rotenfeld und Richten, doch wachte bei der Nennung des Freiherrn von Arten eine eigene Wehmut in seinem vom Leben geprüften Herzen auf, gegen die er sich vergeblich sträubte. Es half ihm nicht, dass er sein Verlangen, die Stätten wiederzusehen, die sein Fuss als Kind betreten hatte, eine müssige Neugier schalt. Er wusste, dass keine Spur mehr vorhanden sei von dem haus, in welchem er geboren worden war, in welchem er mit seiner Mutter gelebt hatte. Es rief ihn keines Menschen Liebe, keiner Eltern Zärtlichkeit, kein Bruder, kein Jugendgespiele nach der Heimat seiner Kindheit zurück. Er trug auch kein Verlangen, den stolzen Bau zu sehen, den sein Vater über der Stätte aufgerichtet hatte, auf welcher seiner armen Mutter das Herz gebrochen worden war; aber es bewegte ihm doch die Seele, als er an dem schönen Frühlingstage an der Spitze der kleinen, kampfbereiten Schaar in Neudorf einritt, als er auf demselben Kirchhofe, der seiner Mutter Reste in sich schloss, zu dem ernsten Gange auf Leben und Tod die Weihe und den Segen über sich und seine gefährten aussprechen hörte.
Der Kirchhof war nicht gross, er hatte nicht weit zu gehen bis zu der Ecke, in welcher, fern von den Gräbern der Glücklicheren oder der Mutigen und Geduldigen, die armen Ausgestossenen gebettet lagen, die das Leben von sich geworfen hatten, weil es ihnen zu schwer geworden war. Die Hügel waren eingesunken. Kaum dass man noch die Wellungen im Erdreiche unterschied. Ein paar kleine Holztafeln ragten nur wenig über dem Boden hervor, die kosacken hatten vor einigen Wochen mit ihren Pferden auf dem Kirchhofe campirt, es war Alles niedergetreten, nur ein paar eisenumgitterte Erbbegräbnisse, wie das der Steinert's, waren erhalten worden.
Er bückte sich nieder, um zu sehen, ob auf den kleinen Tafeln vielleicht ein Name erkennbar sei; aber der Regen hatte sie weiss gewaschen, die Hufe der Pferde sie zerschlagen, sie waren überhaupt nur übrig geblieben, weil die kosacken die paar elenden Splitter des Auflesens nicht wert geachtet haben mochten, wo sie Bäume umzuschlagen gefunden hatten.
Sinnend, die arme über die Brust gekreuzt, das Haupt gesenkt, schaute Paul auf die kleine Scholle Erde nieder. Er fühlte ein tiefes Mitleid mit der Frau, die ihm einst das Leben gegeben hatte; er hätte sie neben sich haben, sie lächeln sehen und ihr alle die Leiden, die sie gelitten, in Freuden verwandeln, durch Glück vergelten mögen.
arme, arme Mutter! rief er unwillkürlich – und wie das Wort, das er seit langen Jahren nicht mehr ausgesprochen, sein Ohr berührte, fühlte er, was das Leben ihm und ihr versagt hatte, und ein paar grosse, schwere Tropfen fielen aus seinen dunklen Augen auf den Boden nieder. Es war das einzige Liebesopfer, das er der Mutter darzubringen vermochte.
Als er aufblickte, stand der alte Bauer vor ihm, der seine Kinder dem scheidenden Steinert anempfohlen hatte. Er war dem fremden Offizier aus der Ferne gefolgt und hatte ihn schweigend beobachtet. Paul, in seine Gedanken versunken, wollte an dem Alten vorübergehen; aber dieser, der nicht wusste, wohin er mit der eigenen, ihm ungewohnten Rührung sollte, hielt ihn zurück.
Die Pferde sind darüber weggegangen, und über manches Christen Grab werden sie noch fortgehen, dass man seine Spur nicht findet, sagte er mit jener Feierlichkeit, die allen denen eigen ist, welche den Ausdruck für ihre Gefühle einzig aus der Bibel schöpfen.
Paul blieb stehen; es tat ihm wohl, auf ein Zeichen des Mitgefühls zu stossen. Er erkundigte sich bei dem Alten, ob er hier zu haus sei. Als dieser es bejahte, fragte er, ob er ihm sagen könne, wo man vor Jahren des Jägers Mannert Tochter hier