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Andern fehlte die Waffe noch, aber das Feuer der Begeisterung und der opferfreudigen und todesmutigen Entschlossenheit war Allen gemeinsam, dem mann wie dem weib, den Greisen wie den Jünglingen, den Fortziehenden wie den Zurückbleibenden. Jeder wusste, dass er das Seinige tun müsse in der grossen Zeit, und die beiden Männer, der Hauptmann und der Lieutenant der Landwehr, welche in dieser Gegend die Erhebung geleitet und die gemeinsame Einsegnung veranlasst hatten, sahen in ihren Offiziers-Uniformen nicht am wenigsten gefestet aus.

Es war am späten Nachmittage, und der Schatten der Eingesegneten, die sich still und feierlich entfernten, fiel schon lang über den frisch ergrünenden Rasen hin, als der ältere der beiden Offiziere, ein grosser, starker Mann, das Landwehrkreuz an seiner Mütze, sich nach dem Ausgange des Kirchhofes wendete. Er mochte der Mitte der Fünfziger nahe sein, ein sechszehnjähriger, gleichfalls bewaffneter Sohn ging an seiner Seite, einen heranwachsenden Knaben führte seine Frau an ihrer Hand, seine Tochter hing an seinem arme. Die Leute traten von allen Seiten an ihn heran, ihm zum Abschiede die Hand zu geben.

Leben Sie wohl, Herr Amtmann, sagten die Alten, die ihn noch im Dienste des Freiherrn gekannt hatten. Leben Sie wohl, Herr Steinert! riefen die Jungen; kommen Sie uns gesund wieder nach haus! Gott erhalte Sie, Gott erhalte Ihnen auch den jungen Herrn!

Er schüttelte dem Einen die Hand, er klopfte dem Andern auf die Schultern. Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen! entgegnete er; und wenn in Marienfelde etwas vorfallen sollte, meine Frau weiss sich wohl zu helfenaber springt doch zu!

Verlassen Sie Sich darauf! Sie haben ja auch die Zeit her immer zu uns gehalten, und wir zu Ihnen! Verlassen Sie Sich darauf, Herr Steinert! erscholl es wie aus Einem mund. Die Frau hob die Augen auf und wollte lächeln, aber ihr Schmerz war doch noch grösser, als ihr opferfreudiger Wille. Die Tränen rollten ihr über das noch blühende Gesicht, und sie bewegte im Unwillen gegen ihre Schwäche das Haupt, die schweren Tropfen unmerklich abzuschütteln.

Herr Amtmann, sagte ein alter Bauer, die Mütze in der Hand, wenn Einem von den Unseren hierSie kennen sie ja allewas Menschliches begegnetmeine zwei Söhne und mein Schwestersohn und mein Knecht sind auch dabei .... Er konnte nicht weiter sprechen.

Ich behalte sie alle im Auge, so gut wie meinen Jungen da, versicherte Steinert. Ich melde Euch, wie es mit uns Allen steht; geht nur zu meiner Frau, da werdet Ihr's erfahren! Und nun lebt wohl! Wir stehen überall in Gottes Hand. – Lebt wohl!

Er hatte Mühe, sich loszumachen und mit Frau und Kindern seinen am Kirchhoftore wartenden Wagen zu erreichen. Als er einsteigen wollte, blickte er noch einmal zurück. Es lagen in dem Erbbegräbnisse der Steinert's nahe am Eingange des Kirchhofes unter den beiden von Adam neu gepflanzten Lindendenn die uralten Bäume hatten die Russen niedergehauenSteinert's Vater und Mutter und sein ganzes, ihm vorangegangenes Geschlecht in Frieden unter dem grünen Rasen beisammen. – Werden ich und mein Sohn auch hier ruhen, oder wo wird uns die Todesstunde schlagen? fragte er sich unwillkürlich. Aber er sprach es nicht aus, und obschon die Seinigen ihn errieten und Aller Augen sich feuchteten, hielten Alle sich still und aufrecht; sie durften einander die Herzen nicht erweichen.

kommt denn der Herr Hauptmann nicht zurück? fragte die Frau, als sie bemerkte, dass der Bursche, dem man des Hauptmanns Pferd zu halten gegeben hatte, es noch am Zügel führte, und es war eine Selbstüberwindung für sie, dass sie an etwas Anderes und an einen Andern dachte, als an ihren Mann und ihren Sohn und ihren Schmerz.

Der Hauptmann wird uns nachkommen, lasst ihn gehen! entgegnete Steinert, und sie fuhren von dannen, während der Mann, von dem sie gesprochen hatten, sich nach der anderen Seite des Kirchhofes wendete und mit ruhigem Schritte, die mächtige Gestalt hoch aufgerichtet, langsam über den Rasen herging.

Jahr und Tag war er von Deutschland entfernt gewesen, und es hatte ihn nicht danach gelüstet, in das Vaterland zurückzukehren, so lange die Franzosenherrschaft im land noch mächtig gewesen war. Er hatte es auch nicht wagen dürfen, denn der Blutbann schwebte über ihm, seit er bei dem Uebergange über die russische Grenze den französischen Commissär erschossen hatte.

Aber ihn dünkte, als läge dieses Ereigniss weit, sehr weit hinter ihm, denn er hatte viel erlebt in dieser Zeit und viel gelernt und viel gewirkt.

In der Nähe der nach Russland geflüchteten deutschen Vaterlandsfreunde und unter ihrer Leitung mitwirkend für die Beförderung ihrer Zwecke, hatte er in der vielbewegten Zeit die gelegenheit wahrnehmen und benutzen können, seine und des Flies'schen Hauses Capitalien im Handelsverkehre sich bewegen und wachsen zu machen, und während er selbst seinen Besitz vergrösserte, seine Anschauungen erweiterte, den Kreis seiner Bekanntschaften ausdehnte, hatte er unter des Hauptmanns von Werben Leitung, der, wie viele andere deutsche Offiziere, in russische Dienste getreten war, sich diejenigen militairischen Kenntnisse anzueignen gesucht, die ihn befähigen konnten, bei dem sich bietenden Anlasse für die Befreiung des deutschen Landes wirksam einzutreten.

Mit den ersten Russen war er über die Grenze gekommen, und bei der grossen, den Krieg vorbereitenden Tätigkeit, welche in der Hauptstadt Preussens sich fast noch unter den Augen