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welchem er die Wertgegenstände des Hauses aufbewahrte. Er sah die Schmuckkästchen an, welche den Frauen des Geschlechtes von Arten angehört hatten, und nahm dasjenige in die Hand, das einst zur Hochzeit für die Gräfin Angelika angefertigt worden war. Ohne recht zu wissen, was er damit wollte, öffnete er es. Der ganze, prächtige Schmuck lag noch darin, er sah ihn wohlgefällig an, die Brillanten funkelten im Sonnenlichte. Sie sprachen zu ihm von fernen Tagen. Es war ihm zu Mute wie einem Gläubigen vor einem Heiligenschreine, und doch überkam ihn eine Art von Unruhe, von Angst vor seinem Denken und vor seinem Wollen. Er hielt den Kasten gegen das Fenster, um der Schönheit des Schmuckes recht inne zu werden. Es fehlt kein Stein! sagte er, und das Etui vorsichtig verschliessend, setzte er es an die gewohnte Stelle zurück und ging, Vittoria aufzusuchen.

Er mochte nicht mit sich allein sein, er war auch nicht in der Verfassung, jetzt dem Caplan die Antwort zukommen zu lassen.

Vittoria war nicht in ihrem Zimmer. Der warme Sonnenschein hatte sie mit ihrem Knaben in das Freie hinausgelockt. Die Wärterin meinte, die Frau Baronin müsse bald wiederkehren, da die Mittagszeit Valerio's nahe sei. Der Freiherr schickte sie fort, ihre Herrin und das Kind zu holen, und setzte sich auf das Sopha nieder. Es war Vittoria's gewöhnlicher Platz. Er wusste nicht recht, was er dachte, aber es lag eine tiefe Traurigkeit über seiner Seele. Er wünschte, Vittoria zu sehen, er wollte sie bitten, ihm etwas vorzusingen, er hatte Lust, den Knaben bei sich zu habenund sie blieben aus. Freilich hatte die Wärterin sie erst suchen zu gehen, und sie wusste nicht, nach welcher Seite sie gegangen waren, indess das Warten machte ihn doch ungeduldig. Er griff nach einem buch, das auf dem kleinen Lackschränkchen zur Seite des Sopha's lag. Vittoria hatte ihre Briefschaften und mancherlei Andenken in diesem Schränkchen aufbewahrt; sie hing an diesem kleinen Besitze mit grosser Liebe; es durfte Niemand daran rühren, sie trug den kleinen Schlüssel stets an einem Kettchen auf der Brust. Heute jedoch hatte sie ihn wider alle ihre Gewohnheit stecken lassen; der Entschluss, auszugehen, mochte ihr wohl plötzlich gekommen sein, und sie musste in ihrer Lebhaftigkeit des Schlüssels vergessen haben.

Der Freiherr, in müssigem Warten, wollte statt ihrer das Schränkchen zuschliessen, indess es widerstand etwas darin. Er öffnete die tür, einige Blätter Papier waren aus dem oberen Fache herabgeglitten. Als er sie auf die Seite schieben wollte, fiel ihm eine goldene Kapsel auf, die er nie bei Vittoria gesehen hatte. Arglos nahm er sie zur Hand, und blieb regungslos vor dem kleinen Schranke stehen.

Eine reiche, schwarze Locke nahm die eine Seite der Kapsel ein. "Der Seele meiner Seele!" war in italienischer Sprache in den kleinen Mittelraum hineingeschrieben. Die andere Seite wies das Bildniss eines schönen Mannes in militärischer Kleidungund der Freiherr kannte diesen Mann. Es war Graf Mariano, der Oberst der italienischen Nobelgarde, der nach dem ersten Kriege Monate lang als Verwundeter im schloss und dem Freiherrn ein willkommener Gesellschafter und Gast gewesen war.

Ein dumpfer Schmerzenslaut entrang sich der Brust des Greises. Er raffte eilig zusammen, was er von Papieren vor sich liegen fand, und verliess das Gemach. Im Vorsaale kam ihm Vittoria entgegen, und der Knabe lief auf ihren Antrieb auf ihn zu. Er stiess ihn von sich, dass das Kind zur Erde fiel.

Was ist geschehenim Namen Gottes, was ist geschehen? rief Vittoria, da sie die Verstörteit ihres Gatten bemerkte; aber er antwortete ihr nicht. Die Papiere und die Kapsel, welche sie in seiner Hand sah, sagten ihr Alles.

Die erschrockene Wärterin führte Valerio fort, Vittoria blieb mitten in dem Vorgemache stehen. Ihr Kopf hob sich stolz in die Höhe, ihre Brust atmete tief; trotz ihrer kleinen Gestalt sah sie mächtig aus, mächtig und entschlossen, und wie von einer schweren Last befreit, rief sie: Endlich! Jetzt endlich bin ich frei!

Fünftes Capitel

An dem Sonntage, welcher diesen Ereignissen folgte, segnete der Caplan in seinem Zimmer seine Chorsänger und einen katolischen Diener des Freiherrn für ihren Feldzug ein und erteilte ihnen das Abendmahl. Man betete auch für den jungen Freiherrn und für das ganze freiherrliche Haus, aber es war Niemand vom schloss dabei zugegen. Der Freiherr hatte dem Caplan einen teil seines Gehaltes und die gewünschte Beisteuer gesendet, die Baronin war eines Tages ganz plötzlich in die Pfarre nach Rotenfeld gekommen und am anderen Tage, trotz ihrer Scheu vor der im dorf verbreiteten Krankheit, noch einmal wieder dahin zurückgekehrt. Den Freiherrn sah man nicht. Es hiess, die Schlaflosigkeit, an der er vor langen Jahren schon einmal gelitten, habe ihn wieder befallen, aber er verweigere, ärztliche hülfe zu nehmen, obschon er krank aussehe und stundenlang in den Sälen des Schlosses oder, wenn es dunkele, in den Gängen des Parkes umherwandere.

Die Einsegnung der evangelischen Freiwilligen fand, weil auch in Neudorf die Kirche voller Kranken lag, auf dem Kirchhofe unter freiem Himmel Statt. Aus allen Kirchspielen und Dörfern der Umgegend waren sie gekommen, Männer jedes Alters und Standes, die Frau an ihres Gatten Seite, der Bräutigam am arme seiner Braut, die Eltern mit ihrem kaum zum Jünglinge herangereiften Sohne. Die Einen waren schon vollständig bewaffnet, den