. Es sah übel auf der herrschaft aus, als im Beginne des Frühlings der König von Preussen den Aufruf an sein Volk erliess, der Jeden, welcher die Waffen tragen konnte, zu den Fahnen forderte, um mit Gott unter des Königs Führung für die Freiheit des Vaterlandes zu kämpfen.
Der Freiherr hatte den Aufruf wieder und wieder gelesen und ihn dann zu dem Caplan geschickt, den die Pflege seiner Verwundeten und Kranken jetzt in Rotenfeld zurückhielt und der schon seit vielen Wochen nicht nach Richten gekommen war, um das pestartige Lazaret-Fieber, das sich aus den Spitälern in den beiden Kirchen nach den Dörfern verbreitet hatte, nicht auch in das Schloss zu übertragen. Aber der Freiherr vermisste ihn sehr, das Herz war ihm beladen, und Vittoria war nicht die Frau, vor der er es entlasten konnte.
Es waren ihre Schönheit, ihre Weltunerfahrenheit gewesen, die ihn einst an der kaum der Kindheit entwachsenen Jungfrau bezaubert hatten, und er hatte von Vittoria liebevoll alles ferngehalten, was ihr diesen Reiz zerstören konnte. Sie war heute noch schön, fast schöner, als sie je gewesen, sie war heute noch fremd in der Welt Händeln und in den Nöten und Bedürfnissen des täglichen Lebens, sofern diese letzteren nicht sie selbst betrafen; aber seit er ihrer Schönheit nicht mehr geniessen konnte wie sonst, rührte sie ihn, statt ihn zu erfreuen, und die Selbstsucht, mit welcher Vittoria, wie ein wahres Kind, nur an ihr eigenes Wollen und Bedürfen dachte, quälte ihn jetzt bisweilen eben so, wie sie ihn sonst belustigt hatte. Er dachte jetzt oft, gar oft an die Baronin Angelika zurück, indessen er wusste daneben auch, nach welcher Seite das Herz seiner ersten Gattin sich in diesen zeiten hingewendet haben würde.
Wenige Tage, nachdem der königliche Aufruf in die Provinz und in das Schloss gelangt war, brachte einer der Chorsänger aus Rotenfeld dem Freiherrn einen Brief des Caplans. Der Freiherr, der in seinen jungen Jahren der verheerenden Seuche, welche auf den Gütern geherrscht hatte, mutig entgegengetreten war, zeigte sich jetzt ängstlich gegen Krankheit und Ansteckung und vermied es also, den Boten vor sich zu lassen. Er empfing den Brief durch seines Dieners Hand, liess sich die Brille reichen, deren er sich, weil es ihn an eine Altersschwäche mahnte, nur ungern bediente, und trat an das Fenster, um das Schreiben zu lesen. Es war jedoch, als ob er seinen Augen nicht traute, denn er nahm die Brille ab, putzte mit vorsichtiger Hand die feinen Gläser, las den Brief noch einmal und sagte danach, dass er die Antwort senden werde.
Als der Diener sich entfernt hatte, ging der Freiherr eine Weile langsam in dem Zimmer auf und nieder. Der Caplan schrieb ihm, dass die sämmtlichen vier Chorschüler nach der Kreisstadt zu gehen dächten, um in die Landwehr einzutreten, dass er sie übermorgen, da die Kirche voll Kranker liege, zu diesem Schritte in seiner wohnung vorzubereiten und einzusegnen wünsche, und dass er den Freiherrn anfrage, ob es ihm möglich sei, den jungen Leuten das Geld zu ihrer Ausrüstung zu geben, widrigenfalls er ihn ersuche, ihm einen teil seines rückständigen Gehaltes auszahlen zu lassen, damit er, so viel an ihm sei, für die Bewaffnung seiner bisherigen Zöglinge sorge. Er meldete zugleich, dass aus allen drei Dörfern eine Anzahl von Arbeitern und von Bauernsöhnen sich dem Könige stellen, dass sie unter Adam Steinert's Führung, der gleichfalls in das Feld ziehe, sich auf den Weg machen würden, und dass der Pastor in Neudorf desshalb auch eine religiöse Vorbereitung und Einsegnung auf dem Kirchhofe veranstalten werde.
Der Freiherr brauchte eine Weile Zeit, sich zu fassen. Die Welt wurde ihm fremd. Die Worte: Volkserhebung, Volkskrieg, Volkswille, die ihm von Frankreich her oft genug aus der Ferne entgegengeklungen, wurden von dem ältesten Genossen seines Lebens anerkennend gebraucht, wurden jetzt unter seinen Augen, wenn auch in veränderter Gestalt, zu einer Wahrheit, und sie erschreckten ihn.
Er sah um sich her ein Geschlecht, eine Zeit, eine Welt erstehen, in welcher er besorgen musste, seine bevorzugte Stellung nicht mehr aufrecht erhalten zu können, und ein Traum, den er einst gehabt, kam ihm plötzlich in die Erinnerung zurück. Er hatte einmal geträumt, dass er an einem Sommertage schlafend in einem Saatfelde gelegen, und die Saat war gewachsen und in Aehren geschossen und die Halme waren hoch und immer höher geworden, bis sie über ihm zusammenschlugen wie ein wallendes Meer, aus dem er sich mit Herzensangst zu erretten strebte und das ihn endlich doch in seinen Wellen begrub. Jetzt schoss eine solche Saat empor und ihre Halme schlugen über ihm zusammen.
Er fühlte sich vereinsamt und gebeugt, aber er durfte dem Freunde nicht verweigern, was dieser mit Recht begehren konnte, und er musste sich mit Widerstreben eingestehen, dass er diese Volkserhebung, der er sich im tiefsten inneren abgeneigt fühlte, dass er diesem Kriegsunternehmen, welches er als ein unglückliches und hoffnungsloses ansah, seinen Beistand leihen, dass er sich dem allgemeinen Wollen, der allgemeinen Stimmung und Meinung unterordnen und zur Ausrüstung der Freiwilligen wider seinen Willen seinen Beitrag zahlen müsse, wenn er nicht dazu gezwungen werden, wenn er nicht auf die achtung fast aller seiner Standesgenossen und Freunde verzichten wolle.
Er hatte wenig baares Geld im Vorrate, und es war überall nicht leicht, in diesem Augenblicke Geld herbeizuschaffen. Nachdenklich stand er vor dem Schranke, in