1864_Lewald_163_310.txt

gab in den preussischen Ostprovinzen sicherlich nicht Eine Stadt, nicht Ein Dorf, ja, nicht Ein Haus, dem die Teilnahme an dem Entsetzen erspart worden wäre, welches das geschlagene Heer mit sich durch aller Herren Länder trug. Je grösser die Ortschaften waren, je eher man hoffen durfte, in ihnen Aufnahme oder Erquickung, ja, oft nur ein ruhiges Sterbekissen zu finden, um so massenhafter drängten die Fliehenden sich dortin, und die herrschaft Richten mit dem Kirchturme von Neudorf, mit dem weitin in die Ferne ragenden goldenen Kreuze der Rotenfelder Kirche, zogen immer aufs Neue ganze Scharen von Flüchtigen in ihren Bereich.

Die Kirchen beide lagen voll von Kranken und Sterbenden. Der protestantische Pfarrer, der des alten Pastors Nachfolger geworden war, der Caplan und sein Sakristan rasteten nicht Nacht, nicht Tag. Die leibliche Not und das geistige Leiden der im fremden land, fern von den Ihrigen Hinsterbenden nahmen die Geistlichen der beiden Gemeinden gleichmässig und ganz in Anspruch. Wollte man den Mut der Dorfbewohner nicht völlig sinken lassen, wollte man nur die Leichen unter die Erde bringen, so durften diese Männer sich nicht schonen, und keiner von ihnen dachte an sich und an die eigene Gefahr. Der Caplan ging Allen voran in hingebender Tätigkeit und Selbstaufopferung, und er rechnete sich dies nicht zum Verdienste. Seine Tage waren gezählt, er hatte nichts, woran seine Seele gefesselt war, er dankte seinem Gotte, dass er ihm die Kraft gelassen habe, zu helfen, zu trösten bis an sein Lebensende, und fernsehend mit dem Auge seines Geistes, gab er sich gläubig an die Hoffnung der Vaterlandsbefreiung hin, die am Horizonte des neuen Jahres emporzusteigen begann.

Der Freiherr teilte diese Hoffnung nicht. Er hatte Napoleon verabscheut, als er noch General und Consul gewesen war; aber die Gesinnungen des Freiherrn hatten eine Aenderung erlitten, seit der Consul sich die Krone aufgesetzt und mit eiserner Hand der Volksherrschaft in Frankreich ein Ende gemacht hatte. Der Kaiser, dessen Tyrannei die Franzosen, wie der Freiherr es nannte, für das Freiheitsgelüsten geisselte, in welchem sie ihren König ermordet, den Adel des Landes unter das Messer der Guillotine geliefert und in die Verbannung zu gehen gezwungen hatten, erschien ihm wie eine sittliche notwendigkeit in der Weltordnung. Er sah das Unglück, das Napoleons schrankenlose Eroberungssucht über ganz Europa brachte, als die gerechte Strafe dafür an, dass die Fürsten und Völker dem angestammten französischen Herrscherhause und den gut gesinnten Franzosen nicht ihren vollen Beistand zur Niederwerfung der Revolution geliehen hatten, und wenn er in sein Inneres blickte, fühlte er für den Kaiser, der sein willkürliches Belieben zum gesetz eines Weltteils machte, jetzt mehr Vertrauen, mehr Teilnahme und Bewunderung, als für irgend einen der deutschen Fürsten, die in widerwilligem Gehorsam und zum teil in knechtischer Schmeichelei und Selbsterniedrigung zu des Eroberers Füssen lagen, oder gar zu seinem Landesherrn und zu dessen Regierung, welche gegen die herrschaft des grossen Genius, des Revolutions-Besiegers ankämpfen zu können glaubten, indem sie in dem eigenen land die Gemüter des niederen Volkes selbst in Aufregung versetzten, die Hand an geheiligte, alte Rechte legten, den Adel beraubten und von sich entfernten, ohne damit das Volk erheben und zufriedenstellen zu können. Er hatte den Ausspruch des vierzehnten Ludwig: "Ich bin der Staat!" immer verstanden und bewundert. Er bewunderte auch Napoleon, der sich als den Willen und das Gesetz für seine Zeit hinstellte, und der Gedanke einer von Napoleon begründeten Welterrschaft stimmte mit den Ansichten des Freiherrn wohl zusammen, seit der Kaiser sich geneigt erwies, dem alten Adel seine Hand zu bieten, und ihn in viele seiner Rechte wieder einzusetzen.

Es war mit seiner vollen Zustimmung geschehen, es hatte sich kein Widerstreben in ihm geregt, als sein Sohn den Fahnen Frankreichs nach Russland hatte folgen müssen. Der jähe Glückswechsel, der den Kaiser traf, erschreckte den Freiherrn also höchlich und warf ihn fast mehr darnieder, als einst das Unglück seines Vaterlandes. Er wurde irre an der Folgerichtigkeit der Dinge, wie er sie verstand, und die Ohnmacht auch des gewaltigsten Einzelwillens, das endliche Unterliegen auch der grössten Kraft des Einzelnen, erschütterten ihn und liessen ihn Schlüsse machen, die er endlich gegen seine eigenen Ueberzeugungen zu richten sich notgedrungen sah.

Er wollte nichts wissen von der Verbindung, welche schon lange im land tätig war und alle Stände zu einmütiger Erhebung gegen die Tyrannei der Fremdherrschaft wachzurufen trachtete. Er wendete sich von den Mitgliedern des alten Adels mit Beschämung ab, wenn sie es als ein erstrebenswertes Ziel bezeichneten, mit ihren Bauern und Insassen in gleicher Reihe und gleichem Gliede zu fechten. Er mochte nichts hören von den Verhandlungen, durch welche deutsche und vor Allem die preussischen Vaterlandsfreunde den Anschluss an Russland vorzubereiten strebten, und er vermied es, den eigenen Sohn zu sehen, als dieser, mit dem York'schen Corps aus Russland wiederkehrend, von der allgemeinen Stimmung über sich hinausgehoben, voll Begeisterung dem nahen Freiheitskampfe entgegen zu gehen hoffte.

Der eisige Winter hatte den Greis in seinem schloss gefangen gehalten. Auch das erwachende Jahr lockte ihn wenig hinaus. Er war nicht begierig, die Verwüstungen anzusehen, welche die fliehenden Franzosen und die sie verfolgenden Russen innerhalb seiner Besitzungen angerichtet hatten. Das Recht des Stärkeren, die Unerbittlichkeit der Not hatten überall gewaltet, der gegenwärtige Amtmann war nicht der Mann gewesen, sich dem Aeussersten zu widersetzen; der Freiherr hatte nicht mehr die Kraft, nicht mehr die Mittel besessen, mit grossen Opfern grössere Uebel zu verhindern