, die man für die wenigen Stunden, in denen man ihrer bedurfte, in die Livréen des Hauses steckte; es waren deren noch mehrere von früher her vorhanden.
Allerdings durfte Renatus nicht nach der Schlosstorseite an das Fenster treten, ohne dass es ihm durch das Herz schnitt, wenn die Allee, die prächtige Allee, ihm fehlte, wenn er so weit hinaus die grosse Fläche übersehen konnte. Sie kam ihm wie ein Schlachtfeld vor, es schwebten traurige Schatten, Unheil verkündende Geister über ihr. Aber Niemand von seinen Kameraden vermisste die alten Bäume, es vermisste auch Niemand die schweren silbernen Tafelaufsätze und Pracht-Gerätschaften, die sonst bei feierlichen Gelegenheiten die Tafel geziert und den grossen alten Schenktisch geschmückt hatten. Es waren während des Krieges viele Alleen niedergeschlagen worden und viele Gutsbesitzer hatten in den harten zeiten ihr Silber eingeschmolzen oder es in den grossen Städten in verhältnissmässige Sicherheit zu bringen gesucht. Renatus fragte nicht darum, er nahm ohne Weiteres das Letztere an. Man ritt, man jagte in den schönen Revieren der herrschaft, Alles wurde besehen, Alles bewundert: der Ahnensaal im schloss und die Kirche in Rotenfeld und die prächtige Familiengruft, in welcher die Baronin Angelika neben den anderen toten ihres Hauses ihre Ruhestätte gefunden hatte.
Die Stunden der kurzen Rasttage entschwanden, ohne dass Renatus zur Besinnung kam. Er sah seinen Vater angeregt und wohlaufgelegt wie seit langen Jahren nicht. Vittoria schien auch neu belebt zu sein, die Anwesenheit so vieler Männer, der Eindruck, den sie auf dieselben machte, die Bewunderung, welche sie durch ihren Gesang wie durch die Fremdartigkeit ihres ganzen Wesens erregte, zerstreuten sie und schmeichelten ihr wie ihrem Gatten. Renatus konnte es nicht über sich gewinnen, noch einmal mit Vittoria von seiner Verlobung zu reden und die seltene Zufriedenheit zu stören, die ihn umgab. Es ward von Hildegard gar nicht mehr gesprochen. Nur mit Mühe fand er die Musse, seiner Braut zu schreiben oder ihrer in Ruhe zu gedenken.
Am Abende vor dem Abmarsche hatte man noch einmal die Gesellschaft aus der ganzen Umgegend zusammengebeten. Man tanzte noch einmal, und man spielte. Spät, als die Dunkelheit schon lange über der Erde und über dem ersten Knospen des Frühlings ausgebreitet lag, flammte oben auf der MargaretenHöhe ein Feuerwerk empor und an dem Giebelfelde des Freundschaftstempels glänzte in farbigem Licht das Wort: "Victoria."
Es war eine Ueberraschung, mit welcher der Chef des Regiments seinen Wirten den Dank für ihre verschwenderische Gastfreundschaft zu erkennen geben wollte; denn wie das Wort die Hoffnung der zum Kampfe ziehenden Krieger aussprach, so huldigte es auch der schönen Schlossherrin, und es kam dabei nicht in Betracht, dass der Freundschaftstempel sehr verfallen war, dass man alte Gerätschaften und Reisig in dem raum aufbewahrte, der einst das Bild der Herzogin Margarete umschlossen hatte und ihrem Andenken gewidmet worden war. Das glänzende Licht des Feuerwerks, wie vergänglich es auch war, machte alles Andere vergessen, und als es erloschen war, dachte man des Tempels und der MargaretenHöhe überhaupt nicht mehr.
Renatus schrieb, wie er sich ausdrückte, mit dem fuss im Bügel, noch an seine Braut. Der Caplan übernahm die Besorgung dieses Briefes.
Die Regimentsmusik schmetterte auf dem grossen Schlosshofe schon ihre mutigsten Weisen, als der Freiherr den Sohn in die arme schloss, als Renatus, mit Tränen und von des Vaters Segenswünschen begleitet, aus seinen Armen schied. Sie hatten sich nie so nahe gestanden, waren einander nie so lieb gewesen, als in diesem Beisammensein, und noch im letzten Augenblicke legte der Freiherr seine Gattin und Valerio an seines Sohnes Herz und sagte sehr erschüttert, obschon die Fremden es sehen und hören konnten: Kehre mir wieder, mein teurer, teurer Sohn, und sei ihre Stütze, wenn ich nicht mehr bin, wie Du mein Freund und meine Freude bist! –
Er weinte und schämte sich der Tränen nicht. Der Mensch, der Vater, trugen in ihm den Sieg über die Formen der Gesellschaft davon, die überall aufrecht zu erhalten er sonst als seine Aufgabe angesehen hatte. Die Ereignisse waren stärker, als er und seine schwindende Kraft, und sie wuchsen mit jedem Tage an Gewaltigkeit, an Furchtbarkeit und an Erhabenheit über ihn hinaus.
Viertes Capitel
Was die Abergläubischen bei dem erscheinen des grossen Kometen gefürchtet und vorausgesagt, was Seba einst hoffend ausgesprochen, als sie, mit Renatus in der tür ihres Gartensaales stehend, das prächtige Phänomen betrachtet, es hatte sich Alles über jedes Erwarten schnell erfüllt.
Es war ein verheerendes Kriegsunglück über die Welt gekommen, das grösste Kriegsheer, das die Menschheit seit unvordenklicher Zeit gesehen, war vernichtet worden. Die Russen selbst hatten die heilige Hauptstadt ihres Reiches zerstört. Zu Hunderttausenden waren die Kinder eines glücklicheren Klima's, waren die Söhne Frankreichs und Italiens, waren Portugiesen und Spanier, Deutsche und Polen unter dem Schnee der russischen Eisgefilde umgekommen, und ein Flüchtiger, ein Geschlagener und Ueberwundener, war der bis dahin für unbesiegbar gehaltene Kaiser von Frankreich mitten durch das von ihm unterjochte und geknechtete Europa seiner Hauptstadt zugeeilt, um, ein niedergeworfener Riese, aus dem Boden seiner Heimat neue Kraft zu schöpfen.
Not und Elend hatten den Weg bezeichnet, auf welchem das französische Heer nach Russland gezogen war, Elend, Krankheit, Tod und Leichen bezeichneten die Strasse, auf der die Trümmer dieses für unüberwindlich gehaltenen Heeres bald in kleineren, bald in grösseren massen, bald vereinzelt als jammervoll Verstümmelte, als in Lumpen gehüllte Bettler durch das Land zogen, und es