1864_Lewald_163_308.txt

sofern sie auf eine noch zu begehende Handlung angewendet werden sollten; aber er ahnte ihren Zweck für diesen besonderen Fall und er verhehlte sich nicht, dass seine Neigung für Hildegard keineswegs eine unüberwindliche gewesen war, dass er eine Uebereilung begangen habe und dass er leicht in die Lage kommen könne, ja, dass er sich eigentlich bereits in der Lage befinde, diese Uebereilung zu bereuen.

Er ging hastig ein paar Mal im Zimmer auf und nieder, blieb dann plötzlich vor dem Geistlichen stehen und fragte kurz und heftig: Was soll ich denn tun? Was wollen Sie denn, dass ich tue?

Dasjenige, was Du zu tun ohnehin entschlossen warst, sprach der Geistliche gelassen.

Sie raten mir also, gegen meinen Vater von der ganzen Angelegenheit zu schweigen?

Unbedenklich!

Und Hildegarddie Gräfinwie soll ich vor ihnen dieses Verhalten rechtfertigen? Wie kann ich ihnen meine Handlungsweise erklären? rief er noch einmal.

Der Caplan hob sein Auge zu ihm empor und blickte ihn ruhig an. Ueberlasse es mir, mein teurer Sohn, Deine Rechtfertigung zu übernehmen! sagte er. Und er wusste, dass Renatus diese Antwort von ihm erwartet hatte. Renatus zögerte auch nicht, sich dieselbe zu Nutzen zu machen.

Aber, fragte er, was soll ich Hildegarden schreiben?

Das fragst Du mich? entgegnete der Caplan. Nun, Du wirst Hildegarden alles sagen, was Dein Herz Dir eingibt, und das Uebrige vergönne mir, der Frau Gräfin auseinander zu setzen. Ich gebe die Verhältnisse des Freiherrn sicherlich nicht Preis, und da ich die Ansichten der Frau Gräfin aus langjährigem Vertrauen kenne, hoffe ich, Gehör bei ihr und die Billigung Deiner Handlungsweise von ihr zu erlangen. Jetzt aberer trat an's Fenster und sah zu dem Kirchturme emporjetzt ist's wohl an der Zeit, auf Deine Rückkehr zu denken, denn der Freiherr wird Dich erwarten.

Renatus zog die Uhr hervor und gab dem Caplan Recht. Er sagte, dass er ihm eine grosse Beruhigung verdanke, dass er nun wieder mit freiem Herzen an die Geliebte denken könne, und dass er nur bedauere, Vittoria in das Vertrauen gezogen zu haben. Indess er nahm das alles leicht, da er für jetzt der Rücksprache mit dem Freiherrn entoben war, vor der er sich mehr, als er sich selbst gestehen mochte, gefürchtet hatte.

Im schloss fand er, da von dem Freiherrn alle vorbereitenden Schritte bereits vor einigen Wochen geschehen waren, die richterlichen Beamten, vor denen der besprochene Akt seiner Mündigkeitserklärung vollzogen, und durch welche die Eintragung von Renatus' Vermögen auf Richten bewerkstelligt werden sollte, schon angelangt. Erst bei diesen Verhandlungen erfuhr der junge Freiherr, dass seine Befürchtungen wegen seines Vermögens nicht ohne Grund gewesen waren. Sein Capital stand, wenn man die Nähe des Krieges und die mit ihm zusammenhängenden Möglichkeiten in Betracht zog, keineswegs sicher auf dem Gute, und die vor ihm eingetragenen Gläubiger erhielten unverhältnissmässig höhere Zinsen, als der Freiherr sie seinem Sohne festzusetzen für angemessen fand. Auch sah der Freiherr wohl, dass Renatus die Farbe wechselte, als er das betreffende Schriftstück unterzeichnete, indess der Vater behandelte nur die Mündigkeits-Erklärung des Sohnes als ein ernstes Ereigniss, an das er mit aller Würde und Feierlichkeit heranging.

Er umarmte den Sohn, nannte ihn vor allen Zeugen einen fertigen Mann, einen Mann von wahrer Ehre und seinen Freund, und gab dann auf die Regelung der Geldangelegenheit anscheinend nur wenig Acht. Er erklärte sie für eine blosse Form, da zwischen Vater und Sohn von Mein und Dein doch nicht die Rede sein könne, meinte dann, dass Renatus erst jetzt wahrhaft in den Besitz seines mütterlichen Erbteiles trete, wo er es in dem grund und Boden des Familiengutes anlege; und als dann im Laufe des Nachmittages der militärische Chef des jungen Freiherrn mit seinem Stabe eintraf, war von den abgetanen Geschäften natürlich keine Rede mehr.

Der Freiherr hätte sich ein Gewissen daraus gemacht, es seinen militärischen Gästen, es einer solchen Gesellschaft von Edelleuten aus allen Provinzen des Landes, in seinem schloss an irgend etwas fehlen zu lassen, was zu bieten er im stand war, und Renatus hielt wo möglich noch mehr darauf, dass der Empfang seiner Vorgesetzten und Kameraden seinem Vaterhause Ehre mache.

Er hatte sonst es nicht leicht gewagt, dem Freiherrn gegenüber Verlangnisse zu äussern und Vorschläge zu tun; aber er war nun grossjährig gesprochen, er hatte auch sein ganzes, persönliches Vermögen hergegeben, seinem Vater eine Erleichterung zu bereiten, und man konnte es doch in der Tat nicht wissen, ob es nicht das letzte Mal sei, dass er im Vaterhause weile. Er hatte nie gefühlt, was es mit der hastigen und feurigen Lebenslust des Soldaten auf sich habe. Jetzt erwachte sie in ihm. Er wollte froh sein, er wollte geniessen und Andere mitgeniessen lassen, was er besass. Er blieb in beständiger Bewegung und Aufregung, erhielt alle Andern in derselben, und noch niemals hatte er seinem Vater so wohlgefallen, noch nie hatte der Freiherr es wie eben jetzt erkannt, dass sein Sohn ihm doch sehr ähnlich sei. Er gab jetzt allen Wünschen desselben unbedingte Folge. Ein Ball wurde aus dem Stegreif in das Werk gesetzt, die Säle, die Zimmer, die Fluren und Treppen waren wieder einmal belebt, wie in den Tagen, deren Renatus sich aus seiner Kindheit zu erinnern wusste. Wo die jetzt beschränkte Dienerschaft des Hauses nicht ausreichte, half die militärische Bedienung der Einquartierten aus