würdiges Fortbestehen, als mit seinen persönlichen Herzensangelegenheiten beschäftigt, und dass von einer eigentlichen Liebe oder leidenschaft für seine erwählte Braut, für Hildegard, bei Renatus nicht die Rede war.
Aber der Caplan hütete sich, ihm dieses bemerklich zu machen. Er wollte ein mild erwärmendes und reinigendes Feuer nicht durch den scharfen Hauch des Widerspruches zu einer Flamme anfachen, die man nicht leicht wieder dämpfen und erdrücken konnte, wenn man dies zu tun etwa nötig finden sollte. Der Caplan war es im Gegenteile nach den schweren Erfahrungen, welche das von Leidenschaften stürmisch bewegte Leben des alten Freiherrn ihn hatte machen lassen, sehr wohl zufrieden, dass Renatus sein unschuldiges Herz einem edlen jungen Mädchen zugewendet hatte, dessen Bild ihn begleiten, und ihn vor den Versuchungen des Lebens wie vor den Verlockungen seiner Sinne bewahren konnte. Aber dass Renatus sich mit einem armen Mädchen verheiratete, lag eben so ausserhalb seiner als ausserhalb des Freiherrn Ansichten.
Schon seit Jahren hatte der Caplan aus den Mitteln, welche der Freiherr seiner Zeit für den Pfarrer seiner katolischen Kirche bestimmt, den Sakristan und die vier Chorschüler unterhalten; denn es war, da der Freiherr sich nach dem tod der Baronin auf Reisen begeben und viel Geld gebraucht hatte, nicht zu der Feststellung eines Capitals für die kirchlichen Zwecke gekommen, und auch die Hoffnung, dass man in den Chorschülern sich brauchbare Handwerker und eine katolische Gemeinde erziehen werde, hatte sich nicht verwirklicht. Weil man für die Knaben auf den Dörfern keine guten Lehrmeister finden konnte und man, wenn einmal ein solcher vorhanden war, bei ihm auf die Weigerung stiess, einen Katoliken in sein Haus aufzunehmen, war man stets genötigt, die Chorschüler, sobald sie herangewachsen waren, in die Lehre nach der Stadt zu schicken, und die Mehrzahl von ihnen hielt es dann nach vollendeter Wanderschaft und erlangter Meisterschaft mehr ihrem Vorteile angemessen, ihr Gewerbe in den grossen Städten, als auf den Gütern des Freiherrn zu betreiben, auf denen obenein die Abneigung und das Misstrauen der protestantischen Bevölkerung ihnen hindernd entgegentraten. Man musste also immer auf's Neue katolische Knaben heranzuziehen suchen, und wenn es an und für sich auch ein gutes Werk war, diesen eine wohlgeleitete Erziehung zu geben, so ward das Unternehmen, weil es in sich nicht fortwirkte, sondern sich fast ganz unfruchtbar erwies, doch kostspieliger, als man erwartet hatte, und der Freiherr hatte schon bei seiner Rückkehr aus Italien alle Teilnahme dafür verloren. Er hatte es kein Hehl, dass er den Kirchenbau bereute, er kam auch selten in die Kirche, obschon Vittoria oft zur Messe fuhr, und wenn er gelegentlich auf den Sakristan und auf die Sänger zu sprechen kam, fragte er nicht, wie sie unterhalten würden, nachdem er einmal die Erfahrung gemacht hatte, dass der Caplan für sie sorge trug.
Hatte man des Quartettes einmal nötig, wenn Vittoria sich vor der Gesellschaft im geistlichen Gesange hören lassen wollte, so berief man den Sakristan mit seinen Schülern; der Freiherr wusste sich dann etwas mit dieser Art von Capelle, zeigte sich ihr gnädig, lobte und tadelte als ein Kenner und liess es an einem Gnadengeschenke auch nicht fehlen. Im Uebrigen beruhigte er sich damit, dass der Caplan in den langen Jahren, welche er dem Arten'schen haus angehört hatte, ein hübsches Vermögen erworben haben müsse, dessen er nicht bedurfte, und es schien dem Freiherrn so natürlich, wenn der Geistliche, der durch die Gründung der Pfarre lebenslang versorgt war, seinen im Arten'schen Dienste zusammengebrachten Besitz auch zum Nutzen und zur Ehre des Hauses, die hier zugleich die Ehre Gottes und der Kirche war, verwendete, dass er es nie für nötig gefunden hatte, darüber auch nur eine Sylbe gegen den Caplan zu verlieren. Er war in seinem Verhältnisse zu Allen, die ihm dienten, nach wie vor derselbe.
Aber der Caplan war auch sich selber treu geblieben, und wie der Freiherr an dem würdigen Fortbestehen seines Geschlechtes, so hing der Geistliche an der Erhaltung des Gotteshauses, das unter seinen Augen entstanden war, und an der Hoffnung, das katolische Bekenntniss in diesem Teile des Landes endlich Wurzel fassen und sich ausbreiten zu sehen. Indess die Erhaltung der Kirche für die katolische Confession wurde zweifelhaft, wenn Renatus jemals gezwungen werden sollte, sich des väterlichen Besitzes zu entäussern, da derselbe dann leicht in nichtkatolische hände übergehen und es in einem solchen Falle nicht allzu schwer halten konnte, das Gotteshaus den Evangelischen zusprechen zu lassen. Dem Caplan war also eben so wie dem Freiherrn daran gelegen, Renatus mit einer reichen Erbin aus den katolischen Provinzen sich verbinden zu sehen, und weil er dieses wünschte und es im Augenblicke nicht zu erreichen war, tat er wenigstens so viel an ihm lag, dem jungen Baron für die Zukunft die mögliche Freiheit bewahren zu helfen.
Er nannte die Neigung, welche Renatus für Hildegard empfand, edel und berechtigt, er pries die Eigenschaften der jungen Gräfin und das Glück derjenigen, deren reine Seelen sich in keuscher Neigung früh zusammenfinden; aber er gab es dem Jünglinge zu überlegen, ob unter den Bedenken, die sich in ihm gegen diese Verlobung erhoben hatten, nicht eines oder das andere begründet sein sollte. Er fragte ihn, ob er überzeugt sei, dass er niemals eine stärkere Empfindung hegen werde; ob er glaube, dass Hildegard dem Ideale entspreche, welches jeder reine Jüngling von dem weib, das er lieben solle, im Herzen trage. Er erinnerte ihn daran, dass er an der Ehe seiner