1864_Lewald_163_305.txt

wiederholen, dass er im Vaterhause sei, so verändert fand er Alles und so hatte sich seine Ansicht über die Seinigen und seine Stellung zu ihnen verwandelt. Er konnte zu keinem klaren Bilde von seiner Zukunft gelangen. Seine Gedanken schweiften hastig von einem Aeussersten zum andern, bis endlich die treue Gefährtin jedes Leides, die wohltätige Ermüdung, ihn in ihre arme nahm und der Schlaf in seinen Träumen alle Widersprüche löste und das Unvereinbarste zusammenführte.

Drittes Capitel

Früh, ehe der Freiherr noch aufgestanden war, ritt Renatus nach Rotenfeld hinüber, um sich bei seinem greisen Lehrer und Erzieher Rat zu holen.

Er fand ihn mit seinem Gehülfen, der inzwischen auch nicht jünger geworden war, bei der Morgensuppe sitzen, denn der Caplan war der ersten einer gewesen, welcher bei der Teuerung der Colonialwaaren sich bereit erwiesen hatte, auf ihren Gebrauch zu verzichten, obschon er durch ein langes Leben an den Kaffe gewöhnt gewesen und bei seiner grossen Mässigkeit eigentlich auf denselben als auf ein ihm notwendiges Reizmittel angewiesen war. Wie Renatus ihn in dem hellen Sonnenlichte vor sich sah, bemerkte er, dass seine Schläfen tief eingesunken waren. Auch die Hauskleidung seines Freundes schien dem jungen Freiherrn trotz ihrer Sauberkeit sehr abgetragen zu sein, und man hatte in der Pfarrwohnung, obschon der älteste Diener und treueste Freund der Arten'schen Familie sie bewohnte, die Verwüstungen, welche die Einquartierten während der ersten Franzosenzeit in derselben angerichtet hatten, kaum auf das Notdürftigste hergestellt. Die Fensterläden waren erneut, aber immer noch nicht angestrichen, die Wände noch eben so verräuchert, als Renatus sie vor zwei Jahren verlassen, der Kachelofen hatte zwar die nötigen Ersatzsteine erhalten, aber sie passten nicht zu demselben. Es war Alles in Verfall geraten; nur die Blumentöpfe des Greises blühten wohlgepflegt am Fenster, und sein Antlitz sah noch eben so edel und so zufrieden aus, als in den Tagen, in welchen die vorsorgliche Freundschaft der Baronin Angelika in Schloss Richten allen seinen Bedürfnissen schon im voraus begegnet war.

Sobald Renatus sich mit dem Caplan allein befand, erzählte er ihm, was vor seinem Abmarsche aus der Hauptstadt vorgegangen war. Er verhehlte ihm nichts, weder die Stimmung, in welcher er sich befunden, als er sich seiner Neigung für seine Jugendgespielin bewusst geworden war, noch die Zweifel, die ihn nachdem befallen hatten; auch nicht die Umstände, unter denen er sich Hildegard angelobt, ehe er noch seines Vaters Meinung eingeholt und dessen Billigung erhalten hatte. Er berichtete darauf, was am gestrigen Tage zwischen ihm und seinem Vater verhandelt worden war, und sagte dann: Nie in meinem Leben habe ich mich mehr im Zwiespalt mit mir selbst gefunden. Es drückt mich, mit einem solchen Geheimnisse vor meinem Vater zu stehen und von ihm Ratschläge und Wünsche für meine Zukunft aussprechen zu hören, die keine Bedeutung mehr für mich haben. Es drückt mich eben so, dass ich nicht den Mut besitze, meiner Liebe und meiner Braut gerecht zu werden, indem ich meinem Vater sage, dass ich bereits gewählt und mich gebunden habe. Aber kann ich meinem Vater, den ich sehr gealtert finde und sehr gebeugt sehe, unter den obwaltenden Umständen ein Zugeständniss abfordern, das er mir, wie ich jetzt weiss, nur widerstrebend geben würde? Meine Ergebenheit für meinen Vater, mein Ehrgefühl, ja, selbst meine Liebe für Hildegard sträuben sich dagegen. Sie ist kein Mädchen, das einer Familie aufgedrungen werden darf, und doch liegt mir Alles daran, sie auch von meinem Vater als meine künftige Gattin anerkannt zu wissen. Ich ziehe in das Feld, und da ich jetzt in den Besitz meines mütterlichen Vermögens treten soll, möchte ich für den Fall meines Todes zu ihren Gunsten über dasselbe verfügen, denn Hildegard wird keinem anderen mann angehören, wenn ich sterbe. Darauf kenne ich ihr Herz.

Der Caplan hatte ihn mit keiner Frage, mit keiner Bemerkung unterbrochen, da Renatus nicht zu den in sich befangenen Naturen gehörte, denen man zu hülfe kommen muss, damit sie sich überwinden und erschliessen. Er war vielmehr, wo er vertraute, zu überströmender Mitteilung geneigt, wurde sich in derselben gegenständlich, rührte und tröstete sich nach eigenem Bedürfen, sobald er nur erst dahin gekommen war, sich auszusprechen, und der Caplan hatte also keine grosse Mühe, den Seelenzustand seines jungen Freundes zu durchschauen, wennschon er es nicht für angemessen fand, ihn über denselben sofort aufzuklären. Er hatte niemals den Grundsatz, dass der Zweck die Mittel heilige, zu dem seinigen gemacht, aber er war, wie so Mancher, unter dessen Augen sich viele Lebensschicksale abgewickelt haben, zu der Ansicht gelangt, dass in dem Dasein der Menschen, wie in der natur überhaupt, das Geringere dem Stärkeren dienen müsse. Da er ohne persönliche Wünsche und also ohne persönliche Hoffnungen war, hatte er, weil kein Mensch eines bestimmten Zieles entbehren kann, ohne in seiner Tätigkeit zu erlahmen, das Wohlergehen und Gedeihen des Arten'schen Geschlechtes und der von demselben gegründeten katolischen Gemeinde zu seiner Herzenssache gemacht, und beharrlich wie die Kirche, der er angehörte, suchte er in dem Sohne und durch den Sohn dasjenige fortzuführen, was der Vater begonnen hatte und was durch die Not des Tages beeinträchtigt und gefährdet ward.

Jedes Wort, das Renatus zu ihm gesprochen, hatte den scharfblickenden Geistlichen davon überzeugt, dass der junge Freiherr, stolz auf den Rang, den sein Geschlecht seit langen Jahren unter dem Adel des Landes eingenommen hatte, augenblicklich mehr mit der sorge um dessen