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nur mit grosser Mühe über sich, dem Sohne von seinen Angelegenheiten weiter Auskunft zu erteilen. Er sagte wie der Krieg und die ihm folgenden, fast unerschwinglichen Kriegssteuern ihn genötigt hätten, die Güter, eines nach dem andern, mit Hypoteken zu belasten, wie die allgemeine Geldnot den Wert des Geldes von Jahr zu Jahr gesteigert und den Zinsfuss so erhöht habe, dass es immer schwerer geworden sei, den Gläubigern gerecht zu werden; wie er sich oftmals und gerade dann in peinlichen Geldverlegenheiten befunden habe, wenn es darauf angekommen sei, die Würde des Hauses zu behaupten und nicht durch eine zur Schau getragene falsche Sparsamkeit den unentbehrlichen Credit zu schwächen. Er erzählte das mit jener klarheit, welche aus einer genauen Uebersicht der Verhältnisse entspringt, aber er hatte nicht mehr die leicht abfertigende Weise, die ihm sonst allen Geschäften gegenüber eigentümlich gewesen war. Nur die Unlust des grossen Herrn, der sich widerwillig dazu bequemt, den obwaltenden Zuständen sein freies Belieben unterzuordnen, war noch die alte in ihm, und Renatus fühlte ihm diese in ihrem ganzen Umfange nach.

Wenn Sie es wüssten, mein Vater, rief er, was ich dabei empfinde, Sie unter dem Drucke so unwürdiger Sorgen zu sehen!

Ich weiss es, ich weiss es! fiel ihm der Freiherr mit scheuer Hastigkeit in die Rede, und eben desshalb habe ich beschlossen, Dich mündig sprechen zu lassen, denn Du erhältst dadurch die Möglichkeit, mir in einer vorübergehenden Verlegenheit zu helfen!

Er hielt inne und schien von seinem Sohne eine Antwort zu erwarten; aber Renatus war so betroffen, es stürmten so verschiedene Gedanken und Empfindungen auf einmal auf ihn ein, dass er nicht im stand war, gleich den Ausdruck für sie zu finden. Seines Vaters Lage musste sehr übel sein, wenn er sich herbei liess, Beistand von seinem Sohne zu verlangen, selbst auf Kosten der herrschaft und Gewalt über denselben, auf die er stets so eifersüchtig gewesen war. Renatus wagte es nicht, das Auge zu erheben, er mochte nicht sehen, wie sein Vater in dem Momente aussah. Des Freiherrn leise bebende stimme durchschnitt des Sohnes Herz, und ohne sich zu fragen, was er damit für die eigene Zukunft aus den Händen gebe und auf sich nehme, sagte er: Wenn mein mütterliches Erbe Sie aus einer Verlegenheit befreien kann, so werde ich glücklich sein, mein Vater, wenn Sie darüber ganz verfügen wollen!"

Der Freiherr holte tief Atem, aber er erwiderte nichts. Sie hatten Beide die Farbe gewechselt, denn ohne dass sie es aussprachen, fühlten sie es, dass ihr verhältnis zu einander von diesem Augenblicke ab nicht mehr dasselbe sei. Renatus hatte, gerührt von seines greisen Vaters Anblick und Verlegenheit, nach seinem inneren Bedürfen, nach seiner Kindesliebe und seinem Ehrgefühle gehandelt; aber er hatte das Anerbieten kaum gemacht, als er sich sagte, dass er selber Verpflichtungen eingegangen sei, denen zu genügen ihm jetzt vielleicht nicht möglich sein werde, wenn er seines mütterlichen Erbes auf irgend eine Art verlustig gehen sollte. Er fühlte, dass er der Geschäftskenntniss, der Sparsamkeit und selbst der Gewissenhaftigkeit seines Vaters nicht unbedingt vertraute, und er schämte sich doch wieder solchen Gedankens. Er hätte es seinem Vater abbitten, sich ihm in die arme werfen mögen, indess ihm fehlte das Herz dazu, denn der Freiherr konnte die Erregung seines Sohnes missverstehen. Er hätte dem Vater von Hildegard sprechen mögen, um Vertrauen mit Vertrauen zu vergelten und dem Vater die Genugtuung zu bereiten, dass er seinem Sohne gegenüber immer noch der Herr und der Gewährende sei. Wie aber, wenn der Freiherr in der Verfassung, in welcher er sich eben jetzt befand, des Sohnes Absichten und Wünschen sich nicht geneigt erwies, oder wenn er glauben könnte, der Sohn rechne darauf, dass der Vater ihm, der eben jetzt ein grosses Opfer gebracht habe, in allen Fällen zu Willen sein müsse?

Er konnte zu keinem Entschlusse kommen. Das

Mein und Dein war zwischen ihn und seinen Vater getreten und machte ihn unfrei, eben jetzt, da sein Vater ihm anscheinend Freiheit zu geben beabsichtigte.

Es war jedoch, als errate der Freiherr, was in sei

nem Sohne vorging, denn er wendete sich zu ihm und sagte sichtlich sehr beruhigt: Es freut mich, dass ich mich in Dir nicht irrte. Art lässt nicht von Art, und es soll meine sorge sein, dass Dir Nichts entzogen wird. Ich werde Dein mütterliches Vermögen auf Richten eintragen lassen, das am wenigsten belastet ist und dessen wir uns sicherlich nicht entäussern werden. Die Zinsen sollen Dir regelmässig zugehen, und das Jahrgeld, welches ich Dir bis jetzt gegeben habe, Dir nicht vorentalten werden. Mit unserem Namen, mit Deinen persönlichen Vorzügen hast Du unter den ersten Familien des Landes zu wählen, und es wird Deine Sache sein, wenn Du, was der Himmel fügen wolle, uns aus dem feld wohlbehalten heimkommst, eine Frau in unser Haus zu führen, deren Vermögen Dir einst die Mittel an die Hand gibt, den Schaden herzustellen, welchen die Not und Ungunst der letzten Jahre unserem Besitze gebracht haben. Möge Dir in Deiner Gattin einst ein Glück beschieden werden, wie es mir in dem schönen, fröhlichen Herzen Vittoria's zu teil geworden ist!

Er erging sich darauf in einer liebevollen Schilderung aller der Vorzüge seiner Gattin, erwähnte, dass er sein Testament zu machen beabsichtige, sobald Renatus mündig gesprochen sei, weil er über Vittoria's und ihres Sohnes