ihm begegnen, mit Naturnotwendigkeit zuerst an sich und an die wirkung denken muss, welche sie auf ihn und seine Zustände üben werden, so freute sich Renatus der Absicht seines Vaters, weil er sich sagte, dem Sohne, den er mündig sprechen lasse, könne und werde er die volle Freiheit bei der Wahl seiner Lebensgefährtin um so weniger versagen, als Renatus mit seiner Volljährigkeit den unbeschränkten Besitz seines allerdings nicht eben grossen mütterlichen Erbes antrat.
Gerade diese Betrachtung legte jedoch seinem rechtschaffenen Herzen, wie er meinte, die Verpflichtung auf, dem Vater seine Verlobung mit Hildegard anzuzeigen, noch ehe derselbe ihn aus der väterlichen Gewalt entlassen habe, und er schickte sich, sobald sie wieder im Wagen neben einander sassen, zu seinen Mitteilungen an, als der Freiherr, ihm zuvorkommend, das Wort nahm.
Er sagte, dass die Ankunft seines Sohnes ihm sehr willkommen gewesen sei, weil er die Angelegenheiten seines Hauses zu ordnen beabsichtige, und er wünsche, dass für den Fall seines Todes Renatus sich in der Lage befinde, unabhängig von irgend einer Vormundschaft die Leitung der Familienverhältnisse in die Hand nehmen zu können. Er sprach das mit der Kraft und Ruhe, welche ihn in seinen besten Jahren ausgezeichnet hatten, Renatus gab sich also wieder der Hoffnung hin, dass er sich getäuscht habe, als er seinen Vater so verändert geglaubt. Er versicherte den Freiherrn, wie zuversichtlich er darauf rechne, ihn noch lange leben und sich seines Besitzes und Daseins erfreuen zu sehen. Der Freiherr drückte ihm die Hand.
Deine Gesinnung kenne ich, sprach er; sie ist gut, und ich habe eben im Hinblicke auf sie meine Massregeln genommen. Es glitt ein Schatten über des Freiherrn Züge, er schien der Ueberwindung nötig zu haben, um in seiner Rede fortzufahren. Deine Gesinnung ist gut, wiederholte er, und ich weiss, dass es Dir eine Genugtuung sein wird, mir eine Erleichterung in den mannigfachen Verlegenheiten zu bereiten, mit denen ich seit Jahren und Jahren nun zu kämpfen habe. Er hielt abermals inne, Renatus hing mit liebevoller sorge an seinem Antlitze.
Du wünschest mir, sprach der Freiherr, dass ich mich noch lange meines Besitzes, meines Daseins erfreuen möge, und Du kannst es selber kaum ermessen, denn Du hast es nicht empfunden, wie erfreulich das Dasein dem mann ist, wenn er der Herr ist innerhalb seines Besitzes. Indess die zeiten, in welchen das der Fall war, sind vorüber. Man hat unsere alten Rechte angetastet, uns neue Pflichten aufgelegt und uns die Mittel entzogen, ihnen zu entsprechen, indem man unseren Besitz und unsere Vorrechte geschmälert hat. Ich bin nicht mehr Herr auf meinen Gütern, seit man die Leute, die mir gehörten, freigegeben hat, seit die Willkür des Königs ihnen Ansprüche an mein Eigentum zuerkannt hat, seit ich es nicht mehr bin, der mein verhältnis zu ihnen nach meiner Einsicht und nach meinem Ermessen ordnet. Es ist nicht erfreulich, mit denjenigen rechten zu sollen, die nicht unseres Gleichen sind, und noch weniger erfreulich, am fuss seines alten Stammes ein Geschlecht heranwachsen zu sehen, das wie die Schwämme wuchert und sich breit macht.
Seine Stirn hatte sich gerunzelt, seine buschigen Augenbrauen hingen ihm tief herab. Er versenkte sich eine Weile in seine eigenen Gedanken, der Sohn wagte es nicht, ihn darin zu stören.
Wir sind nicht mehr die Herren! hob er nach einer Weile abermals an. Nicht die Herren in unserem land, nicht Herren auf unseren Gütern mehr. Der gewaltige Napoleon hat seinen Fuss auf den Nacken der Könige gestellt und sich zu ihrem Gebieter gemacht, und der Geist des Umsturzes, dessen Verkörperung er ist, ist auch in unsere neue Gesetzgebung eingedrungen und hat sie verdorben bis in ihre Tiefe. Wir sind rechtlos geworden. Das Wort: "Stehe auf, damit ich mich setze!" ist der Grundsatz, der jetzt die Welt beherrscht. Jeder für sich und Niemand für den Andern!
Er nahm eine Prise und öffnete das Wagenfenster, sich Luft zu verschaffen, denn von diesen Angelegenheiten konnte er nicht sprechen, ohne dass es ihm das Blut zu kopf trieb. Renatus, der ihn eben deshalb von dem gegenstand abzuleiten wünschte, erlaubte sich die Bemerkung, dass die Zeit vielleicht eine Ausgleichung der augenblicklichen Uebelstände mit sich bringen werde, und wie er diese Zuversicht von verschiedenen Seiten habe äussern hören.
Ausgleichungen bringen? fuhr der Freiherr lebhaft auf – wie soll das zugehen, wo von beiden Seiten die Kräfte so überspannt werden müssen, dass sie sich erschöpfen! Er war ja so glücklich gewählt, der Augenblick für die neue Gesetzgebung, setzte er spottend hinzu, so glücklich gewählt am Ende eines schweren Krieges, in Tagen, in denen die ganze Welt in Flammen stand! Frage die sogenannten freien Leute, ob sie jetzt besser daran sind, als zu jenen zeiten, da sie mir gehörten! Frage sie, ob sie nicht heute, wo die schwere Last der Einquartierung wieder auf uns niederzufallen droht, lieber meine Leibeigenen und Hörigen sein wollten; ob sie besser daran sind, wenn man ihnen jetzt das Brod aus dem haus und die Kuh aus dem Stalle nimmt! Und was uns anbetrifft – unser Besitz hat schwer gelitten, unser Vermögen ist sehr zusammengeschmolzen!
Er warf einen schnellen, prüfenden blick auf seinen Sohn, aber obschon die Niedergeschlagenheit in dessen Zügen nicht zu verkennen war, schien der Freiherr durch die Haltung desselben sich beruhigter zu fühlen. Dennoch gewann er es