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ihm zu machen Vittoria sich hatte hinreissen lassen?

Er erschrak, als sein Vater eintrat, und doch war es ihm sehr willkommen, als derselbe ihn aufforderte, ihn auf einer Fahrt zu begleiten, die er unternehmen wollte, um sich zu überzeugen, wie man in Rotenfeld und in Neudorf die Vorbereitungen zur Unterbringung des Regimentes treffe. Vittoria war aufgestanden, als sie den Schritt des Freiherrn im Nebenzimmer vernommen, und hatte sich an das Fenster gestellt. Als sie den Kopf zurückwendete, war jede Spur der leidenschaft, der Aufregung aus ihren Mienen verschwunden, das dunkle Auge glänzte, als hätte es nie eine Träne gekannt, der schöne Mund lächelte, als hätte er nicht eben erst die Worte eines hoffnungslosen Unglücks ausgesprochen.

Sie verlangte mitzufahren. Der Freiherr, der nicht gewohnt war, ihr etwas abzuschlagen, machte sie auf des Wetters Ungunst aufmerksam; aber sie bestand auf ihrem Sinne, und bittend und schmeichelnd und scherzend versuchte sie, wenn auch vergebens, die Weigerung ihres Gatten zu bekämpfen und ihren Willen durchzusetzen. Renatus war dabei nicht wohl zu Mute. Die Zärtlichkeit, welche sein Vater dieser Frau bewies, die Freude, mit der er sie betrachtete, die Befriedigung, mit welcher er jeder ihrer Bewegungen folgte, taten dem Sohne eben so wehe, als die Heiterkeit Vittoria's. Er glaubte zu bemerken, dass sie ihn ängstlich beobachte, und von Minute zu Minute schwebte ihm der Ausruf auf der Lippe: Sprich nicht mit ihr, mein Vater, denn sie liebt Dich nicht! Sprich nicht mit ihr, denn sie hat Dich verraten! – Aber durfte er dem Vater, dessen veränderte Gestalt sich ihm am Tage noch bemerklicher machte als an dem verwichenen Abende, den Glauben an Vittoria rauben, ihm das Glück zerstören, das er in ihr besass? Hatte er ein Recht, ihr unseliges geheimnis zu verraten? Durfte er vergessen, dass er sie selbst beklagenswert gefunden hatte und dass sie ihm nur Gutes erwiesen hatte bis auf diesen Tag?

Was er erlebte, kam ihm fast unmöglich vor. Es waren die Gestalten, die er kannte, und sie waren es auch wieder nicht. Er liebte sie und hatte doch das alte verhältnis nicht mehr zu ihnen. Er wollte sprechen und musste schweigen. Er sah Alles in einem neuen Lichte und konnte doch nichts deutlich unterscheiden. Nie im Leben hatte er eine grössere Qual empfunden!

Er glaubte zu bemerken, dass Vittoria's Augen ihm mit sorge folgten, dass sie ihn in dieser Verfassung mit dem Vater nicht allein zu lassen wünsche; er selber hätte sich der notwendigkeit, eben jetzt mit seinem Vater allein zu sein, entziehen mögen, und doch rührte ihn Vittoria's banger blick, doch übten auch in dieser quälenden Stunde der Ton ihrer stimme und der Zauber ihres Wesens die alte, durch lange Gewohnheit gesteigerte Gewalt über ihn aus.

Er war froh, als der Wagen endlich vorfuhr; aber das Alleinsein mit seinem Vater erleichterte ihn nicht. Weil der Freiherr den Sohn immer in einer ehrfurchtsvollen Entfernung von sich zu halten bemüht gewesen war, weil er an den Spielen des Kindes, an den Beschäftigungen des Knaben, an den täglichen Erlebnissen des Jünglings keinen tätigen Anteil genommen und den Sohn bisher geflissentlich von allen ernsten Angelegenheiten seines Hauses fern gehalten hatte, fehlte es ihnen an allen jenen gemeinsamen Erinnerungen und Berührungspunkten, durch welche sich die Verbindung zwischen dem Alter und der Jugend herstellt und die für den geistigen Zusammenhang so unentbehrlich sind wie die Scheidemünze für den täglichen Verkehr. Dazu war Alles seit gestern so völlig anders gekommen, als er es erwartet hatte, die Menschen, die Verhältnisse verwandelten sich unter seinem Auge so unheimlich, dass er Scheu vor seinem eigenen Worte trug, weil er meinte, auch das Wort könne sich verwandeln auf seiner Lippe, und was er heute spreche, könne nicht zum Heile führen.

So waren sie schweigend nach Rotenfeld gelangt. Der Freiherr stieg aus und besah in Begleitung des Amtmannes die Stuben und die Stallungen, in welchen die betreffende Einquartierung mit ihren Pferden untergebracht werden sollte. Er wendete sich dabei mit mannigfachen Erklärungen an seinen Sohn, gab ihm ungefragt Auskunft über die Verhältnisse des Dorfes, und Renatus begann sich an dem Gedanken, dass sein Vater ihn auf die einstige Uebernahme der Güter vorzubereiten strebe, zu erfreuen. Es zeugte ihm sogar für die feine Empfindung des Freiherrn, dass er eben den Augenblick des Abmarsches zu dem Anfange dieser Vorbereitung wähle, als wolle er zu erkennen geben, wie zuversichtlich er auf seines Sohnes glückliche Heimkehr baue, und Renatus war bemüht, den Freiherrn über seine anteilvolle Achtsamkeit nicht in Zweifel zu lassen, als dieser in das Haus seines Justitiarius ging, um sich zu erkundigen, ob er seine Befehle ausgerichtet und ob man den Bescheid von dem Vormundschaftsgerichte noch nicht erhalten habe. Der Justitiarius sagte, die nötigen Schritte seien von ihm getan, und wenn der junge Herr Baron nur einige Tage in Richten verweile, so würde man Alles in Richtigkeit bringen können, da die Verfügung in jeder Stunde ankommen könne.

Renatus fragte, wovon die Rede sei. – Von Deiner Mündigkeits-Erklärung! gab sein Vater ihm zur Antwort. Der Sohn, der dies mit der Art und Weise in Verbindung brachte, in welcher sein Vater ihm heute zum ersten Male von der Geschäftsverwaltung auf den Gütern sprach, glaubte daran zu erkennen, wie sein Vater sich altern fühle, und das machte ihn traurig. Aber da jeder Mensch bei den Ereignissen, die