so weit ein auf seine Standesvorrechte stolzer Edelmann und ein auf seine Würde achtsam haltender Geistlicher, so weit ein freier Lebemann und ein Mann von Selbstbeherrschung und von dem strengsten Lebenswandel Freunde sein konnten.
Der Baron war ein Freidenker in Bezug auf die Dogmen der Religion, aber er hatte eine lebhafte Phantasie, und während er die biblischen Wunder leugnete, war er sehr geneigt, nach der Weise seiner Zeit, an das Wunderbare zu glauben. Der Caplan seinerseits war ebenfalls nicht streng ortodox, indess er war ein eifriger und treuer Bekenner seiner Kirche und hielt für seine person unwandelbar an dem Moral- und Sittengesetze derselben fest. Er hatte Anfangs die Verbindung des baron mit einer Protestantin, so weit es an ihm lag, zu verhindern gesucht. Als er dann aber gesehen, dass der Entschluss desselben einmal gefasst sei, hatte er sich durch die vortrefflichen Eigenschaften der jungen Gräfin mit der Absicht des Freiherrn ausgesöhnt, und zufrieden, dass derselbe überhaupt zur Ehe schreite, das Weitere vertrauensvoll der Zukunft überlassen.
Wenn der Baron sich dem Geistlichen überlegen fühlte, weil er sich das Recht zuerkannte, sein Leben nach seinem Ermessen zu führen und zu geniessen, so gaben dem Caplan seine makellosen Sitten und seine gründliche Gelehrsamkeit ein moralisches Uebergewicht über den Baron, das um so schwerer in die Wage fiel, als ruhige Menschenbeobachtung und Welterfahrung den Geistlichen milde und nachsichtig für fremde Schwäche gemacht hatten. Da nun der Baron von weichem Herzen war und das Gute liebte und tat, sofern es ihm keine grossen Opfer kostete, und da er in seinem Leben auf äussern Anstand hielt, so hatte der Caplan unter dem Schutze seines Herrn vielfach nützlich wirken, viel Gutes fördern, manches Unrecht verhindern oder vergüten können, und beide waren in der Regel mit einander auch wohl zufrieden gewesen. Der Caplan wusste viel Lobenswertes an seinem Herrn zu würdigen; der Baron rühmte sich, einen verlässlichen Freund und einen wahren Schatz an Jenem zu besitzen, und eben diesen Morgen hatten sie bei Aufstellung der Statuen wieder eine recht angenehme Stunde mitsammen zugebracht.
Auch jetzt, als der Baron dem Caplan gegenüber Platz genommen hatte, sagte er, noch einmal nach den beiden Ecken des Gemaches hinblickend, als habe ihn bis dahin nichts Anderes beschäftigt:
Die beiden Figürchen behaupten sich doch überall! Sie werden, denke ich, meiner Frau in diesem Zimmer Vergnügen machen, wenn schon ich freilich an eine Frau nicht dachte, als ich sie damals in Neapel erstand.
Gewiss! sie nehmen sich hier noch besser aus, als in der Bibliotek. Die halbe Lebensgrösse schrumpfte in dem hohen saal zu sehr zusammen, bestätigte der Caplan, der schon früher mehrmals vorgeschlagen hatte, die Statuen aus dem Biblioteksaale zu entfernen und hier aufzustellen.
Eine kleine Weile sassen die beiden Männer schweigend sich gegenüber. Des baron Blicke glitten von einem gegenstand auf den anderen, selbst seine Stellung wechselte er ungewöhnlich oft. Dem Caplan entging das nicht. Er lehnte gelassen in seinem Sessel. Den Kopf auf die Hand gestützt, sah er dem Spiele der Flammen im Kamine zu, es ruhig erwartend, was der Baron ihm mitzuteilen haben werde. Denn dass dieser ihm eine Eröffnung zu machen gedenke, davon hielt er sich überzeugt.
Wissen Sie, lieber Freund, nahm der Baron denn auch mit einem Male das Wort, ich fange an, mit einer Art von Vergnügen an die Ehe zu denken, so schwer mir der Entschluss dazu Anfangs auch geworden ist. Ja, ich habe Stunden, in denen ich es bedauern könnte, mich nicht früher verheiratet zu haben.
Dieses Bedauern ist vielversprechend für die Zufriedenheit Ihrer Zukunft, gnädiger Herr, versetzte der Caplan verbindlich.
Ich glaube das selbst, fuhr der Baron fort. Wäre es freilich nach meinem verstorbenen Vater und nach Ihnen gegangen, so hätte ich mich schon vor zwanzig Jahren verheiraten müssen, und es mag vielleicht recht gut sein, wenn man sich in der Jugend mit aller Schwärmerei der ersten Liebe zur Ehe entschliesst. Sie hat uns dann für das Opfer, für das nicht hoch genug anzuschlagende Opfer unserer Freiheit, neue Genüsse und grosse Entzückungen zu bieten, die sie uns später, wenn wir die Frauen kennen und den Wert der Ungebundenheit erst völlig schätzen lernten, nicht mehr zu gewähren hat. Ein fertiger Mann befindet sich einem jungen Mädchen gegenüber doch immer in der Lage, ohne alle eigenen Illusionen grossen Illusionen entsprechen zu sollen, und Sie müssen mir zugeben, dass dies seine bedenkliche Seite hat.
Der Caplan blickte mit dem Ausdrucke einer gewissen Verwunderung den Sprechenden an, dessen Worte etwas ganz Anderes aussagten, als die Einleitung hatte vermuten lassen. Der Freiherr bemerkte dies, und schnell einlenkend, sprach er: Trotz dieser Einsicht, die sich ein Mann wie ich nicht fortphilosophiren kann, ist meine bevorstehende Gebundenheit mir erwünscht. Auch die Lust an der Freiheit, an der Selbstbefriedigung erschöpft sich, und ich stelle es mir angenehm vor, das Glück eines jungen Wesens zu machen, das mir vertrauensvoll sein Leben in die Hand gibt. Es mag in solchem Gefühle sich das herannahende Alter verkünden, aber in der Tat, ich empfinde so!
Ein kaum merkliches Lächeln in seinen Mienen widersprach jedoch dieser Behauptung über sein alter, und der Caplan wusste zudem, dass der Freiherr es niemals ernstlich meinte, wenn er desselben erwähnte, ja, dass er in solchen Fällen immer auf einen Widerspruch rechnete. Aber diesmal fand der Caplan es nicht angemessen, ihm die Genugtuung eines solchen Widerspruches zu gewähren. Er bemerkte daher nur