sah in die Flammen, als gewahre sie erst jetzt, dass diese im Erlöschen seien, blickte dann in das Freie hinaus, wie wenn sie den langsamen Fall der feinen, dichten Regentropfen betrachtete, und sprach zusammenschauernd die Worte, mit denen Dante seinen Eintritt in den dritten Höllenkreis bezeichnet:
I' sono al terzo cerchio della piova
Eterna, maledetta, fredda e greve!1
O, mag es regnen! rief Renatus, indem er sich, schon durch den Klang ihrer stimme erfreut, zu ihr hinüberneigte und ihr seine Hand entgegenreichte, mag es doch regnen, wenn Du nur wieder mit mir sprichst! – Aber sie nahm seine dargebotene Rechte nicht an. Er hatte also die Kränkung, sie zurückziehen zu müssen, und doch liess er sich dadurch nicht entmutigen.
Mit ihr von dem gegenstand zu reden, der sie so weit von einander entfernt hatte, noch einmal die Unterredung in diesem Augenblicke auf seine Verlobung zurückzuwenden, konnte und mochte er nicht wagen, da ihm an einer Versöhnung mit Vittoria gelegen war, und sich selbst verleugnend, indem er zu dem Aeusserlichsten, zu dem Gleichgültigsten seine Zuflucht nahm, bat er: Habe Geduld mit diesem Wetter, Geduld mit unserem Klima! Aber er konnte nicht von sich selber los, und mit bewegter stimme fügte er hinzu: Muss ich doch jetzt mich auch gedulden, bis Du mich ruhiger hören, bis Du wieder die rechte Vittoria, meine Vittoria sein willst! Nur ein paar Tage noch, und die Sonne und der Frühling sind wieder einmal da!
Um uns in ihrem kurzen Verweilen empfinden zu lassen, was wir den grössten teil des Jahres hindurch entbehren müssen! entgegnete sie ihm, sich nur an seine letzten Worte haltend. Dann erhob sie sich mit einem Seufzer und trat an eines der Fenster heran. Renatus folgte ihr dahin nach. Sie stützte die Stirn gegen die Scheiben, schaute eine Weile lautlos auf die Terrasse und in den Park hinunter, dessen kahle Bäume gespenstisch aus dem Regen und Nebel hervorsahen, während der aufkommende Wind das nasse Laub am Boden vor sich her zu treiben anfing.
Heute feiern sie in unserem Kloster, hob sie dann mit einem Male wie aus langem Rückerinnern an, den Namenstag unserer äbtissin, der guten Mutter Benedicta. Wie blühte da Alles in unserem land, wie schwamm der Klostergarten in Licht und Duft! Wie freuten wir uns auf alle die Gäste, welche kamen, der Oberin ihre Ehrfurcht zu bezeigen! Hätte der Himmel mir statt meines Valerio eine Tochter beschieden, ich hätte sie in das Kloster gesendet! Ich war sehr glücklich in dem Kloster!
Des jungen Mannes Mienen verdüsterten sich auf das Neue, aber begütigend, wie seine ganze Haltung gegen die Baronin war, sprach er: Vergiss nicht, Liebe, wie oft Du mir erzähltest, dass Du Dich aus dem Kloster in die Welt hinaus gesehnt hast!
Weil man sie mir mit so verlockenden Farben schilderte, als ich mein Kloster zum ersten Male verliess. Was wusste ich von der Welt? Ich war ein Kind! Wie konnte ich begehren, was ich gar nicht kannte? Und was hat sie mir geboten, diese Welt, in der ich lebe?
Renatus fuhr mit langsamer Hand über seine Augen. Es war das eine der Bewegungen, die er von seinem Vater ererbt hatte und die ihn demselben in einzelnen Augenblicken ähnlich machten, so wenig er ihm sonst auch glich. Er wollte seiner Stiefmutter verbergen, wie sie ihn verletzte, und sich zusammennehmend, fragte er sie mit sanfter stimme: Und bin ich Dir denn nichts, Vittoria, gar nichts mehr?
Sie schüttelte das Haupt. Man lebt nicht mit einem halben Herzen und man liebt nicht mit einem geteilten Herzen! gab sie ihm abweisend zur Antwort, und wieder trat die frühere Stille ein, und wieder sahen sie beide schweigend in den kahlen, nassen Garten hinab und zu den schweren, grauen Wolken empor, die sich nicht zerteilen zu wollen schienen.
Endlich raffte sich Renatus auf. Du bist sehr ungerecht, Vittoria! sprach er, und er musste innerlich wohl an die Unterredung gedacht haben, welche er vor wenig Wochen mit Seba über seine Stiefmutter gepflogen, denn er wiederholte die Worte, deren er sich damals gegen die Erstere bedient hatte: Ich habe kein Glück mit meinen Müttern!
Kein Glück? sprach Vittoria ihm nach, kein Glück? Und wer hat denn Glück? Habe ich es? Habe ich es je gehabt? – Sie wendete sich zu ihm, nahm ihn bei der Hand und zog ihn neben sich auf das Polster nieder, auf dem sie vorhin gelegen hatte. Es war eine finstere leidenschaft in ihrem Blicke, in ihrer stimme, selbst in der Kraft, mit welcher sie seine Hand ergriff und festielt. Er hatte diese zarte Gestalt, er hatte die heitere natur Vittoria's einer solchen leidenschaft gar nicht für fähig gehalten, so gut er sie zu kennen gewähnt hatte.
Weisst Du, was es heisst, fuhr sie in derselben Erregung fort, die um so heftiger erschien, als sie sich bis dahin gewaltsam zur Ruhe gezwungen hatte, weisst Du, was es heisst, wenn einem Menschen seine letzte Freude, seine letzte Zuversicht entrissen wird? Weisst Du, was es heisst, keine Hoffnung mehr zu haben?
Vittoria, wie magst Du also reden! mahnte der junge Mann, der sich nicht erklären konnte, was in ihrer Seele vorging.
Sie lachte. Freilich, rief sie, schweigen