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und verschiedene Bauern in das Schloss, um bei dem Freiherrn ihre Beschwerden und Bitten wegen der bevorstehenden Einquartierung anzubringen. Renatus sah daraus, dass sein Vater die Verwaltung seiner Güter fast ganz in seine Hand genommen hatte; aber er konnte sich nicht daran gewöhnen, dass die schweren Schritte der Bauern auf den Treppen und Gängen des Schlosses erschallten, dass ihr erdiger Stiefel den Teppich in dem Zimmer des Freiherrn betrat, und sein Vater tat ihm leid, wenn er ihn Geschäfte verhandeln, ihn um Kleinigkeiten dingen und feilschen sehen musste, an welche zu denken er in früheren Jahren weit unter seiner Würde gehalten haben würde. Es war still im schloss, aber nicht so ruhig, wie dereinst.

In dem Zimmer, welches das Wohngemach der Baronin Angelika gewesen, waren die Fenster alle geschlossen, obschon trotz des Regens die Luft sehr mild war. Im Kamine brannte das Feuer. Vittoria lag auf einem türkischen Polster, Renatus sass ihr gegenüber. Sie hatte ein vielfarbiges Tuch um Kopf und Schultern geschlagen, als ob sie trotz der grossen Wärme, welche in dem Zimmer herrschte, an Kälte leide, und bewegte, im Gegensatz dazu, mechanisch und zerstreut den mit Edelsteinen besetzten Fächer in ihrer Hand, als müsse sie sich Kühlung fächeln. Renatus sah, wie ihre schwarzen Locken an ihren Schläfen niederfielen, wie ihr kleiner Fuss unter dem gelbseidenen Morgen-Gewande hervorblickte, wie ihre langen Wimpern einen Schatten auf ihre Wangen warfen und wie sie es vermied, seinem Auge zu begegnen, so geflissentlich er das ihrige suchte.

Eine geraume Zeit verging auf diese Weise. Mitunter machte der junge Mann eine Bewegung, als ob er sich erheben und das Zimmer verlassen wolle; dann folgte ihm der blick Vittoria's schnell und unmerklich, aber er stand immer wieder von seinem Vorhaben ab, obschon es ihn Ueberwindung kostete, zu bleiben; und wenn sie sich seines Verweilens auf's Neue sicher wusste, senkte sich das Auge seiner Stiefmutter wieder auf den Boden nieder, als gäbe es gar nichts, was ihre Teilnahme erregen oder sie von ihren eigenen Gedanken abwendig machen könnte.

Sie hatten eine lange Unterhaltung mit einander gehabt; eine jener Unterredungen, die, von dem völligsten Vertrauen ausgegangen, sie plötzlich zu einem Punkte gelangen lassen, auf dem sie sich getrennt empfunden hatten. Im Erstaunen über diese Möglichkeit, im Erschrecken über sie, war von der einen wie von der andern Seite manches Wort gefallen, das man gesprochen, ohne es sprechen zu wollen, Worte, die man bereute und die man doch nicht zurückzunehmen vermochte, weil sie zu tief in die Seele des Andern eingedrungen waren. Renatus hatte seine Stiefmutter der Selbstsucht angeklagt, sie hatte ihn undankbar genannt. Er hatte ihr vorgeworfen, dass sie nie empfunden habe, was Liebe sei; sie hatte ihn daran erinnert, dass es dem Sohne seines Vaters übel anstehe, es ihr in das Gedächtniss zu rufen, was ihre Ehe ihr versagt habe; und bei jedem Tadel, bei jedem Vorwurfe, mit dem sie einander entgegentraten, schärfte der Gedanke, dass es eben Vittoria, dass es eben Renatus sei, der sich also ausspreche, den Stachel, mit dem sie einander verwundeten. Denn Niemand kann uns so tief verletzen, als die Hand eines sehr Geliebten.

Wie man von einer Höhe hinuntereilend durch die eigene Schwere und Bewegung über sein Wollen hinausgetrieben wird, bis man endlich, gewaltsam einhaltend, mit Erschrecken wahrnimmt, dass man hart am rand eines Abgrundes steht, so sassen Renatus und Vittoria einander gegenüber. Das Herz war beiden schwer, beiden tat die Bitterkeit wehe, die sie gegen den Andern empfanden, Jeder von ihnen hätte einlenken mögen, aber sie konnten den Weg dazu nicht finden, und selbst die urprüngliche Sprachverschiedenheit wurde heute ein Hinderniss zwischen ihnen, obschon beide des Französischen völlig mächtig waren, das ihnen von jeher zur Vermittlerin gedient hatte.

Renatus sah es mit einer wachsenden Unruhe, wie regungslos Vittoria zu Boden blickte, mit welch maschinenmässiger Sicherheit sie ihren Fächer handhabte. Er hoffte, sie werde ihn einmal fallen lassen, er wünschte ihn aufheben, ihn ihr reichen, irgend eine Veranlassung finden zu können, die es ihm nötig oder auch nur möglich machte, ein Wort zu ihr zu sprechen, einen blick von ihr zu erhaschen, ihren Dank zu vernehmen. Es war ihm zu Mute, als habe man ihm ein lang besessenes Gut entrissen, als habe man ihm mit einer teuren Erinnerung ein Stück seines Lebens genommen, als habe er etwas Unschätzbares vergessen, als habe auch Vittoria ihn vergessen. Er lebte wie unter einem Zauberbanne, und er meinte, Ein Wort, das erste, beste, gleichgültige Wort, müsse diese unselige Verzauberung lösen, müsse ihm und seiner Stiefmutter das Gedächtniss wiedergeben können, das Gedächtniss all der langen Freundschaft, all der heiteren, überströmenden Neigung, die sie für einander in der Brust getragen bis auf diese Stunde. Er wollte immer sagen: Besinne Dich, Vittoria, ich bin's! Er sagte sich innerlich fortwährend: Es ist ja Vittoria! – Aber der Bann der harten, unglückseligen Worte lag über ihm und zwischen ihnen und wuchtete immer schwerer und machte ihn immer unfähiger, sich zu befreien. Und dazwischen dachte er mit Missmut und mit sorge an Hildegard, welche die unschuldige Ursache all seines Schmerzes war.

Endlich erhob Vittoria das Haupt. Renatus hätte ihr schon dafür danken mögen. Sie sah ihn an, flüchtig mit ihrem dunklen Auge an ihm vorüberstreifend,