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nach längerer Abwesenheit zum ersten Male umarmte, dass er sie im Beisein des Caplans, im Beisein Vittoria's und gar in Anwesenheit des Dieners tat, das kränkte des Vaters Herz, das beleidigte das Ehrgefühl des Edelmannes und des Hausherrn.

Die Franzosen hatten auf ihrem Durchmarsche Lücken in die Allee geschlagen. Der Anblick war mir unerträglich, machte mir die Allee zuwider, und ich fand es für angemessen, zu nutzen, was ein nächster Durchmarsch ganz zerstören konnte! entgegnete der Freiherr, schnell und abgebrochen sprechend. Aber wesshalb zeigtest Du Deine Ankunft nicht im Voraus an? Du weisst, dass ich die Ueberraschungen nicht liebe. Was führt Dich hieher?

Ich komme als Vorbote meines Regimentes! sagte Renatus, durch die Worte seines Vaters und mehr noch durch ihren strengen Ton nun eben so beleidigt und verletzt, als der Freiherr sich erwies.

Also Einquartierungschon wieder Einquartierung?

Der Stab unseres Regimentes kommt übermorgen in Richten an und wird drei Tage im schloss bleiben; das Regiment, zwölfhundert Mann stark, ist auf unsere Dörfer verteilt, der Train bleibt in Marienfelde, berichtete Renatus, als mache er die Meldung vor einem fremden mann; aber es kam ihm hart an, denn er sah, wie unwillkommen sie dem Freiherrn war, wie schwer sie ihn bedrückte, und er fand ihn ohnehin nicht, wie er ihn verlassen, nicht, wie des Vaters Bild ihm in der Erinnerung vorgestanden hatte.

Die beiden letzten Jahre hatten dem Caplan weit weniger angehabt, als seinem freiherrlichen Freunde. Da der Caplan niemals stark gewesen war, fiel es an ihm nicht wesentlich auf, dass er magerer geworden. Sein Haar hatte die Farbe nicht merklich geändert, nur dünner war es geworden, so dass die Tonsur sich nicht mehr kenntlich machte. Aber er hielt sich noch aufrecht wie in seinen besten Tagen, sein Gesicht hatte seinen alten, friedlichen und milden Ausdruck bewahrt, sein Auge war noch hell, und seine Soutane, jenes priesterliche Gewand, auf das die Mode keinen Einfluss übte, umgab noch mit der alten Sauberkeit, mit der es einst den Leib des Jünglings bekleidet hatte, auch die Gestalt des Greises.

Der Freiherr hingegen hatte sich sehr verändert. Weil er auf der Höhe des Mannesalters an Fülle sehr zugenommen, liess die danach eingetretene Verminderung derselben seine Haut welk und schlaff erscheinen. Die einst so schönen, hochgeschwungenen Augenbrauen waren buschiger geworden und hingen tief herunter, alle Züge des Gesichtes hatten sich scharf ausgeprägt, man sah, dass starke Leidenschaften sie gezeichnet hatten. Wer den Freiherrn einst in der Stattlichkeit der altfranzösischen Tracht gekannt hatte, dem konnte es nicht entgehen, dass sein Schritt jetzt in dem Klappenstiefel nicht mehr so wohl gemessen war, als in dem seidenen Strumpfe und in dem Schnallenschuh, und selbst das hohe, weisse Halstuch, das den Nacken des Freiherrn vielmals umgab und sein Kinn, wie die Mode es mit sich brachte, hoch empor hob, konnte es nicht verbergen, dass er sein Haupt nicht mehr so stolz trug, nicht mehr so frei bewegte, als in alter Zeit.

Der Freiherr hatte die Anzeige schweigend hingenommen. Erst nach einer Weile sagte er: Und Du beeiltest Dich, Dich zum Ueberbringer dieser angenehmen Neuigkeit zu machen; das ist ein sonderbarer Einfall, ein sonderbar Gelüsten! – Er schüttelte das Haupt und lächelte dazu spöttisch. Renatus regte sich nicht.

So entstand eine lange Pause, und wo eine solche sich in den ersten Augenblicken eines Wiedersehens zwischen Menschen, die eng zu einander gehören, einstellt, ist es eben so ein Zeichen als der Vorbote irgend welcher Missverhältnisse. Der wohlgeschulte Diener war still hinausgegangen, da er sah, dass man ihm für jetzt keine Befehle zu geben habe, um nicht anzuhören, was man ihn sicherlich nicht hören zu lassen wünschte; auch Vittoria hatte, nachdem sie bei dem unerwarteten Eintritt ihres Stiefsohnes in freudiger Ueberraschung aus ihrer Ruhe aufgesprungen war, sich entfernt. Sie war es nicht gewohnt, von Renatus nicht gleich mit Zärtlichkeit begrüsst, von dem Freiherrn nicht berücksichtigt zu werden, und ernstaften Verhandlungen, geschäftlichen Erörterungen oder gar einem Streite beizuwohnen, widerstrebte ihrer innersten natur. Und doch bedurften der Freiherr und sein Sohn eines Vermittlers, dessen leise Hand ihnen über den Zwiespalt fortalf, der sich zwischen ihnen auftat und der unausfüllbar werden konnte, wenn man ihm nicht in dieser ersten Stunde Schranken setzte.

Es war der Caplan, der ihnen diesen Dienst zu leisten unternahm, denn er wusste, was es zu bedeuten hatte, wenn der Freiherr seinen Kopf so langsam in die Höhe hob, wenn seine Lippen sich so fest zusammenpressten, und was Renatus fühlte, wenn er so die Augen senkte.

Mit jener ruhigen Bewegung, die von jeher eine der schönen Eigenschaften des Geistlichen gewesen war, ging er, obschon auch ihm Renatus noch die Begrüssung schuldete, auf diesen zu und sprach, indem er ihn in seine arme schloss: Du wünschtest Deinem Vater offenbar die üble Nachricht weniger empfindlich zu machen, indem Du Dich zu ihrem Boten hergabst, denn Du hattest Dir es selbst gesagt, dass es der schweren Belästigungen und der noch schwereren Sorgen für den Herrn Baron bereits mehr als zu viel gegeben habe, und Du bist vorausgekommen, um zu sehen, ob Du nicht Deinen Anteil davon tragen könntest. Das macht Deinem Herzen und Deiner Einsicht Ehre, daran erkenne ich Dich und Deinen guten Willen.

Die Worte, welche den Vater wie den Sohn behutsam aber entschieden auf ihren rechten Standpunkt wiesen,