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in der Brust erstarren machte und ihm den Hals zusammenschnürte. Denn nun lag es ja vor ihm, das Schloss seiner Väter; er sah das Licht aus dem Fenster über dem Portale schimmern, das die riesigen, alten Bäume jetzt nicht mehr verdeckten. Schon breitete der Hofraum sich weit und öde vor ihm aus, aber es war nicht mehr, wie es gewesen war, es war nicht mehr die alte Heimat! Das Schloss seiner Väter war seines schönsten Schmuckes beraubt, der Stolz der Herren von Arten-Richten, die prächtige, uralte Eichen-Allee war niedergeschlagen bis auf den letzten Baum. Jetzt wusste er, was die Worte Steinert's bedeutet hattenund die Tränen stürzten ihm aus den Augen.

Oben in dem Zimmer des Freiherrn brannte das Feuer im Kamin. Der reitende Bote, welcher zweimal in der Woche die Briefe für den Freiherrn aus der Kreisstadt abholte, war um die bestimmte Stunde nach dem schloss zurückgekehrt, und fast gleichzeitig mit ihm war der Caplan bei dem Freiherrn angelangt. Er kam trotz seiner vorgerückten Jahre und seiner schwachen Gesundheit regelmässig an den Abenden von Rotenfeld, wohin er gezogen war, bald nachdem Renatus zum ersten Male das Vaterhaus verlassen hatte, nach Richten herüber, um dem Freiherrn, dessen Augen in der letzten Zeit gelitten, zur Hand zu sein, falls er sich eines Vorlesers bedürftig fühlte oder Briefe zu beantworten hatte; denn der Sekretär des Freiherrn war noch während des ersten Krieges in die Dienste eines französischen Generals getreten, und man hatte seine Stelle nicht wieder besetzt.

Die Lichte waren bereits angezündet, aber es waren nicht die vielarmigen Leuchter, deren der Freiherr sich in früheren Jahren bedient hatte, als er am Abende noch selbst zu lesen und zu schreiben pflegte. Der grosse Raum war also nicht vollständig erhellt, und das Sopha, auf welchem Vittoria, die beiden arme mit der anmutigen Lässigkeit eines Kindes unter das Haupt gelegt, in stillem Hindämmern zu ruhen schien, war ganz in Schatten gehüllt. An dem Tische, auf welchem die eingegangenen Briefe und die Zeitungen der letzten Woche lagen, sass der Caplan, und der Freiherr ging, dem Vorlesenden zuhörend, langsam in dem Zimmer auf und nieder, wie es seine Gewohnheit war. Mit Einem Male blieb er stehen.

Es wird immer nutzloser, diese Blätter kommen zu lassen, sagte er, indem er den Caplan unterbrach. Man müsste sich mitten im tiefsten Frieden glauben, wenn man keine anderen Nachrichten empfinge, als diejenigen, welche die Zeitungen uns verkünden. Nur von den friedlichen Gesinnungen Napoleon's, nur von seinen Decreten in der Gesetzgebung und für das Teater ist heute wieder die Rede, und dazu haben die Truppen-Durchmärsche bei uns nicht aufgehört; dazu meint man, so oft man zu unerwarteter Stunde ein Geräusch vernimmt, dass wieder irgend ein neuer Quartiermeister oder Fourier im schloss anlangt, um uns neue, unerbetene Gäste anzumelden.

Er hatte aber diese Worte noch nicht vollendet, als man den Hufschlag eines Pferdes auf der grossen Rampe hörte. Da sehen Sie, mein Freund, wir leben gerade wie im Schauspiele! meinte der Freiherr. Man braucht von den Dingen nur zu sprechen, um sie eintreffen zu machen. – Er ging nach dem Fenster; auch der Caplan erhob sich, um hinunter zu sehen. Man konnte jedoch in der Dunkelheit nicht erkennen, wer der angekommene Reiter sei, und der Freiherr war eben auf dem Wege, die Klingel zu ziehen, um sich danach zu erkundigen, aber er stand dann wieder davon ab. Es hatte sonst nicht in seiner Art gelegen, den Ereignissen entgegen zu gehen, und er machte sich innerlich einen Vorwurf daraus, dass er die Ruhe verloren habe, sie an sich herankommen zu lassen. Er wendete sich mit einer anscheinenden Gelassenheit wieder in das Zimmer zurück, legte die hände wieder über dem rücken in einander, um bei dem Herumgehen die Brust zu dehnen, und wollte eben den Caplan ersuchen, mit dem Lesen fortzufahren, als man eilige Schritte auf der Treppe und im Vorsaale hörte und der Diener in der tür erschien.

Was gibt es? fragte der Freiherr, froh, des Zwanges ledig zu sein, den er sich angetan hatte.

Ein Offizier, gnädiger Herr, ein Offizier ist angekommen, von den Unserigen einer! antwortete der Diener, und ehe der Freiherr noch sein Missfallen über diese unruhige Meldung äussern konnte, war Renatus schon in das Zimmer eingetreten und hatte sich erschüttert an des Vaters Brust geworfen.

Auch der Freiherr war sichtlich ergriffen. Mein Sohn, mein lieber Sohn! rief er aus, als Renatus sich niederbeugte, des Vaters Hand zu küssen, und er die Tränen in des jungen Mannes Augen gewahrte. Was bewegt Dich so, Renatus? Fasse Dich, mein Sohn!

Aber die stimme seines Vaters, weit davon entfernt, ihn zu besänftigen, rührte den Sohn noch mehr, denn sie klang ihm fremd. Es war nicht mehr der alte, volle Ton, und unfähig, sich zu beherrschen, rief er: Wo ist unsere Allee geblieben, Vater?

Des Freiherrn Brauen zuckten zusammen, er liess die Hand des Sohnes fahren, denn er meinte einen Vorwurf in der Frage zu vernehmen, und nach des Freiherrn Begriffen von dem Familienrechte und von dem Erbrechte hatte der Sohn dem Vater eine solche Frage auch zu stellen; aber dass er sie in der Stunde der Ankunft, dass er sie in dem Augenblicke tat, in welchem er den Vater