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und meiner Haut wehre ich mich noch. Es werden Viele zu grund gehen in dieser Zeit, denn es sieht bedenklich auf den meisten Gütern aus, und wer den letzten Taler in der tasche haben wird, der wird einmal was machen können!

Er trank das Glas Bier aus, das er gefordert hatte, und ging nach seinem Wagen, als der Bursche des jungen Freiherrn diesem sein Pferd vorführte. Steinert sah, wie der Wirt dem jungen Offizier den regenschweren Mantel reichte, wie Renatus ihn um seine Schultern hing. Da kam eine jener Rückerinnerungen, welche dem jungen Edelmanne vorhin seine gute Laune genommen hatten, auch über Steinert; aber sie hatte jenen hart und ungerecht gemacht und dieser ward durch sie besänftigt. Wollen Sie mit mir fahren, Herr Baron? fragte er. Es kommt mir auf einen Umweg nicht an, meine Pferde sind frisch; wir binden Ihren Schimmel an, ich fahre Sie bis Rotenfeld, und bis dahin lässt der Regen vielleicht nach.

Er stand an seinem Wagen und schlug das Spritzleder einladend zurück; aber Renatus konnte sich nicht überwinden, der wohlgemeinten Aufforderung zu folgen. Er dankte ihm für seine gute Absicht.

Nun denn, rief Steinert, so leben Sie wohl und kehren Sie Ihrem Vater, dem Freiherrn, aus Russland wohlbehalten wieder. Es wird ihm nahe gehen, Sie im feld zu wissen, und er ist kein Jüngling mehr. Sie werden überhaupt hier zu land mancherlei verändert finden!

Damit fuhr er fort; auch Renatus stieg zu Pferde, aber das ganze Zusammentreffen mit Steinert hatte ihm einen peinlichen Eindruck hinterlassen und die letzten Worte desselben waren ihm schwer auf das Herz gefallen. Was hatte er damit andeuten wollen? Was war geschehen? –

Der schlimmste Reisegefährte, die unbestimmte sorge, hatte sich dem jungen mann zugesellt und wollte nicht von ihm weichen, wie er sie auch zu bannen versuchte. Es war das erste Mal, dass er sich der Heimat nicht freien Herzens näherte, dass seine Gedanken sich ernstlich mit den Umständen und Vermögensverhältnissen seines Hauses beschäftigten.

Der Freiherr hatte es dem Sohne niemals fehlen lassen, und obschon dieser weder ausschweifende Neigungen noch übertriebene Bedürfnisse besass, war er doch gewohnt, jeden seiner Wünsche zu befriedigen. Er wusste, dass sein Vater kein guter Rechner, kein umsichtiger Landwirt sei und viel verbrauche. Das war aber, wie Renatus meinte, bei einem Edelmanne sehr erklärlich, und man hatte es nur zu bedauern, dass der Freiherr bisher niemals passenden Ersatz für Steinert hatte finden können; denn gerade die besten Landwirte hatten mit Renatus oft davon gesprochen, dass man die Hülfsquellen seiner väterlichen Besitzungen nicht nach Gebühr benutze, dass man aus den Gütern nicht mache, was sie werden könnten, dass man nicht die nötigen Kapitalien in sie hineinstecke, um sie im Grund und Boden wuchern und Zinsen tragen zu lassen. Allein eben das flüssige Kapital fehlte seinem Vater, und dieser hatte dem Sohne in guten Stunden wohl den Rat gegeben, sich bei zeiten nach einer reichen Erbin zur Gattin für sich umzusehen, damit man wieder in grösserer Freiheit des eigenen Grundbesitzes froh werden möge. Wie würde der Freiherr nun die Nachricht aufnehmen, dass Renatus die völlig Mittellose in das Haus zu führen denke?

Bei dem Regenwetter dunkelte es früh, und der Sinn des jungen Mannes wurde dadurch eben auch nicht heiterer. Der Nebel stieg aus dem Boden der sumpfigen Wiesen empor und zog in langen, schwebenden Streifen langsam neben und um ihn her. Er ritt mit wachsender Ungeduld in schnellem Trabe vorwärts; er wollte das Schloss noch erreichen, ehe es Nacht ward. Es dünkte ihn, als sei der Weg weit länger geworden, als komme er nicht von der Stelle; und wie er den Weg nicht bewältigen zu können glaubte, so kam er auch mit seinen Gedanken nicht vom Flekke. Wenn er sich es vorstellen wollte, wie er seinem Vater sein Herz entüllen und was Vittoria zu seiner Verlobung sagen werde, sah er Adam Steinert vor sich stehen und es klang ihm das Wort vom letzten Taler und von dem Unsegen, der jetzt auf den grossen Schlössern laste, in den Ohren. Er war froh, als er endlich aus den Wiesen heraus war, als aus dem Nebel der Kirchturm von Rotenfeld hervortrat und der Anblick der allbekannten, ihm engvertrauten Umgebung ihn von seinem Grübeln abzog. Er schwankte, ob er in der Pfarre vorsprechen und seinem greisen Lehrer seine Ankunft melden solle; aber seine Ungeduld sträubte sich dagegen, und auch sein Schimmel schien sich der Nähe des Stalles zu erinnern, in welchem er auferzogen worden war, denn er griff, ohne dass sein Herr ihn dazu antrieb, mit Einem Male lustig aus, so dass Renatus in wenigen Minuten die grosse Eichen-Allee zu erreichen hoffen durfte, die sich von dem letzten Vorwerke bis zur Rampe des Schlosses hin erstreckte. Aber er ritt und ritt, die Allee wollte noch nicht kommen. Er drückte dem Pferde die Sporen in die Seite, es sprang empor und ging mit raschem Satze vorwärtsaber sie kam nicht, die Allee.

Was ist das? fragte Renatus sich, und es fuhr ihm kalt über den rücken. Er sah um sich, weil er meinte, nur der Nebel verhülle ihm die Bäume und der Nebel sei es auch, der ihn so erkälte; indess der Nebel hatte sich verzogen, er konnte an einzelnen Stellen sogar die Sterne durch die Wolken schimmern sehen, und es war auch nicht der Nebel, der ihm das Herz