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weil er viel darum gegeben hätte, den Zwischenraum überfliegen und die Stunden abkürzen zu können, die ihn noch von seinem Ziele trennten, hatte er eine Scheu vor jenen zufälligen Nachrichten aus der Heimat, wie sie dem Entferntgewesenen entgegen gebracht zu werden pflegen.

Er hatte Anfangs das Aufhören des Regens abwarten wollen; aber der Wunsch, vorwärts zu kommen und bei den Seinigen zu sein, wurde mit jeder Stunde lebhafter, und es ward ihm, er wusste selber nicht, wesshalb, je länger desto unheimlicher zu Sinne. Er ging selbst nach dem Stalle, zu sehen, ob man mit den Pferden noch nicht wieder aufbrechen könne, er trat mehrmals vor die tür hinaus, nach dem Wetter auszuspähen; das sah aber gar nicht darnach aus, als ob man ein baldiges Aufhellen erwarten dürfe. Der Wirt unterhielt ihn davon, wie viel Mann Einquartierung er voraussichtlich bekommen werde, berechnete, wie viel Mann auf seine Nachbarn fallen würden, und Renatus dachte, dass er heute zum ersten Male bei seiner Heimkehr in das Vaterhaus hier nicht den Wagen und die Dienerschaft seines Vaters fände. Es ging das freilich mit natürlichen Dingen zu, indess es war ihm desshalb nicht weniger unangenehm. Mit einem nicht zu überwindenden Missgefühle setzte er den Czacko auf und blieb dann neben dem Wirte unter dem Vordache des Hauses stehen, um zu warten, bis sein Bursche die Pferde gesattelt haben werde. Er konnte es in der geheizten, mit Tabacksdampf erfüllten Gaststube vor Ungeduld nicht mehr ertragen.

Als sie so vor der tür standen, sahen sie durch den Regen einen verdeckten, leichten Korbwagen herankommen, den zwei starke Braune zogen.

Das ist der Steinert aus Marienfelde, sagte der Wirt; dem können der Herr Baron nur auch gleich sagen, was ihm bevorsteht, denn leer ausgehen wird der auch nicht.

Er trat mit diesen Worten an den Wagen heran, weil er meinte, dass Steinert einkehren werde. Dieser hatte es jedoch nur auf ein kurzes Anhalten abgesehen, denn er war nicht weit gefahren, hatte kaum noch eine Stunde bis nach haus und wollte nur noch hören, ob und was es etwa Neues gäbe.

So wie er den Kopf zum Verdeck hervorbog, erkannte er den jungen Edelmann, obschon er ihn seit Jahren nicht gesehen hatte, und mit jener Freude, die jeder Gutgeartete über das schöne Heranwachsen eines Menschen empfindet, den er als Kind gekannt hat, rief er Renatus ein herzliches Willkommen und die Frage zu, was er denn Gutes aus der Ferne bringe. Aber Renatus vermochte ihm nicht in gleicher Weise zu erwiedern. Es verdross ihn, dass ihn Steinert nicht, wie in früheren Jahren seinen Vater und die anderen Edelleute, als den gnädigen Herrn ansprach, sondern ihn schlechtweg Herr Lieutenant nannte. Es dünkte ihm eine verkehrte Welt zu sein, in welcher Adam Steinert behaglich und trocken in seinem Wagen einherfuhr, während er, der Freiherr Renatus von ArtenRichten, als Quartiermacher in Regen und Nebel durch das Land zog, und obschon er gleichzeitig diese Empfindungen und die Empfindlichkeit, zu der sie sich in ihm verwandelten, törichte und zu bekämpfende nannte, fühlte er sie doch in einem solchen Grade, dass sie ihm alle Freiheit des Behabens nahmen.

Es dünkte Renatus also doppelt lästig, dass der Wirt sofort wieder von der Einquartierung zu sprechen anfing, da der Lieutenant sie wirklich auch für Marienfelde anzumelden hatte. Steinert verliess, sobald er davon hörte, seinen Wagen, und wie er nun in seiner bestimmten Weise von dem jungen Offizier genaue Auskunft forderte, wie er fragen stellte, welche Renatus ihm zu beantworten verpflichtet war, da kam noch einmal und noch stärker der Gedanke über diesen, dass die Welt sich umgewandelt habe. Er besass im Allgemeinen wenig Leichtigkeit, und das Missbehagen nahm ihm diese vollends. Er gab Steinert kurz und trocken die Zahl der Leute, der Pferde, den Tag ihrer Ankunft in Marienfelde und die Dauer ihres Aufentaltes an. Steinert, der die kalte, abweisende Haltung des jungen Mannes nach der Freundlichkeit, mit welcher er ihm entgegen gekommen war, mit Recht als einen Hochmut und eine Unhöflichkeit betrachtete, verzeichnete die Angaben in seinem Taschenbuche, dankte für die Mitteilung und bemerkte, sich zu dem Wirte wendend, er sei in diesen zeiten immer recht von Herzen froh darüber, dass er gleich ein tüchtiges Stück von dem schloss abgebrochen habe, nachdem er sein Gut gekauft; denn grosse Schlösser seien jetzt ein wahres Verderben für den Gutsbesitzer, der in ihnen immer die ganze Generalität zu beherbergen und zu ernähren bekomme, während er schon Not genug habe, sich mit den Seinigen durchzubringen.

Renatus hörte darauf, wie Steinert sich des zeitigen Frühjahres freute und es günstig für die Arbeit nannte, und wie der Wirt ihm kopfschüttelnd entgegnete: Was hilft uns das, wenn sie uns die aufgegangenen Saaten wieder vom feld in die Raufen schleppen und das reife Korn zu Schüttstroh nehmen, wie vor Jahren? Man möchte die arme am liebsten über einander schlagen und die Felder brach liegen lassen, da hätte man wenigstens nicht den Aerger über die ganze vergebliche Mühe!

Ja, nichts tun, oder arbeiten was die Knochen halten wollen, versetzte Steinert, das ist die Frage, um die es sich jetzt handelt. Rasch schaffen, Alles zu Gelde machen, wenig brauchen, das Geld sichern und abwarten, bis man wieder mit Zuversicht an ein Unternehmen gehen kannso habe ich's die ganzen Jahre her gehalten. Wo sie nichts finden, können sie nichts nehmen,