! Er schoss zuerst, fügte er hinzu, indem er mit der Hand nach der linken Schulter fuhr und sie blutig zurückzog. Sein Blut komme über ihn! Und jetzt vorwärts, Herr von Werben! Wir sind jetzt Zwei gegen Einen!
Gott bewahre, wir sind unserer drei, rief der Gensd'arme, denn wo mein Herr Hauptmann bleibt, da bleib' ich auch! Mag der Teufel noch länger preussischer Gensd'arme in französischen Diensten sein! Ich gehe mit Ihnen zu den Russen und über die Grenze!
Zweites Buch
Erstes Capitel
Das Regiment, in welchem Renatus stand, hatte seine vorgezeichnete Strasse über die freiherrlichen Güter zu nehmen und sollte dort ein paar Rasttage halten. Der Commandeur bot es also dem jungen Freiherrn an, als Quartiermacher vorauszugehen, um auf diese Weise ein längeres Verweilen in seinem Vaterhause zu gewinnen, und Renatus machte mit Freuden davon Gebrauch. Während des langsamen und in der frühen Jahreszeit noch beschwerlichen Marsches waren seine Gedanken ihm ohnehin oft genug in die Heimat vorausgeeilt. Er hatte die Seinigen seit zwei Jahren nicht gesehen, und er hatte ihnen mitzuteilen, was jetzt ausschliesslich seine Seele erfüllte, er hatte von seinem Vater die Zustimmung und den Segen zu seiner Verlobung zu erbitten.
Von seinen Kameraden mit der Versicherung entlassen, dass man sich danach sehne, ihm bald nachzukommen, um sich in Richten für die gehabten Unbequemlichkeiten und Strapazen zu entschädigen und für die vorauszusehenden Entbehrungen und Anstrengungen zu stärken, machte der junge Offizier sich auf den Weg.
Der Freiherr von Arten galt immer noch für einen reichen Mann, seine Gastlichkeit war weit und breit berühmt; Renatus selber hatte ihrer oft gegen seine Kameraden gedacht, unter denen sich auch Blutsverwandte und Befreundete des Hauses befanden, und er hatte ihnen mit gutem Glauben die beste Aufnahme bei seinem Vater verheissen können. Freilich wusste er, dass Truppen-Durchmärsche für den Gutsbesitzer eine schwere Last seien. Er hatte es mit erlebt, wie furchtbar die Franzosen im land gehaust und wie die Italiener durch viele Monate in Richten im Quartier gelegen hatten. Aber Masslosigkeiten und Gewalttaten, wie man sie von den Franzosen erdulden müssen, waren von den Landsleuten und unter der strengen preussischen strengen Mannszucht nicht zu befahren, und wenn der lange Aufentalt der Italiener auch grosse Summen gekostet hatte, so erinnerte sich Renatus doch sehr deutlich, in welch gutem Einvernehmen man mit ihnen gestanden, wie sein Vater für den Grafen Mariani eingenommen gewesen war, der die Reiterei befehligte, und wie bitterlich Vittoria seinen Tod betrauert hatte, als man später einmal die Nachricht erhalten, dass der schöne junge Mann auf einem der Schlachtfelder des österreichischen Feldzuges seinen frühen Tod gefunden habe.
Je weiter Renatus aber auf seinem Wege vorwärts kam, um so mehr wurde er von den Erinnerungen an die Vergangenheit abgezogen, denn der Anblick, welcher sich ihm überall darbot, war kein freundlicher. Seit Monaten hatten die Truppen-Durchmärsche auf dieser Strasse nicht aufgehört, und überall waren die Spuren davon in trauriger Weise bemerkbar. In den Krügen, in denen er füttern liess, auf dem Gute, auf welchem er übernachtete, waren die Klagen gross, der wirkliche Notstand unverkennbar, und die sorge, wie er es in Richten finden werde, fing an, sich des jungen Freiherrn immer ernstlicher zu bemächtigen. Dazu gesellte sich jenes Bangen, das man stets empfindet, wenn man sich einem ersehnten Wiedersehen naht. Renatus fing zu berechnen an, seit wann er keine Nachrichten aus der Heimat empfangen hatte. Er überlegte, dass er seinen Vater nun seit zwei Jahren nicht gesehen habe, dass sein Vater bei Jahren sei, dass die letzten Monate wohl auch für seines Vaters Güter grosse Lasten mit sich gebracht haben müssten, und er sagte sich jetzt zum ersten Male, dass es im grund doch eine üble Nachricht sei, zu deren Ueberbringer er sich habe machen lassen.
Am letzten Tage war für die frühe Jahreszeit das Wetter schwül. In der Ferne zog ein Gewitter vorüber, das seine Regenwolken über das ganze Land ausbreitete. Renatus war nach der Hauptstadt des Kreises gekommen, in welchem seine väterlichen Güter gelegen waren. Er hatte dort der Behörde die Anzeige des bevorstehenden Truppen-Durchmarsches zu machen, die nötigen Vorkehrungen zu besprechen, und es war ihm sonderbar dabei zu Mute, dass er hier etwas Anderes, als seine eigenen Geschäfte zu besorgen hatte. Als er seinen Auftrag ausgerichtet, rastete er bei dem Wirte, in dessen Gastause der Freiherr einzukehren und zu dem man die Vorlegepferde hinzubestellen gewohnt war, wenn sich Jemand von der Familie auf Reisen befand oder wenn man Besuche erwartete. Der Wirt sagte, dass der reitende Bote aus Richten heute in der Stadt gewesen sei, die Postsendung zu holen; dass der Herr Baron sich lange nicht hätten sehen lassen und dass er die Zeit nicht denken könne, seit welcher die Frau Baronin zuletzt durch den Ort gekommen sei, die freilich im Winter zu reisen nicht liebe.
Er hegte nach Art seiner Standesgenossen offenbar Neigung, mit dem jungen Freiherrn zu verkehren, klagte über die schweren zeiten, von denen hier Jeder mehr als anderswo gelitten habe und durch die man auf den Gütern noch weit schwerer als in den Städten getroffen worden sei. Er meinte, der junge Herr Baron werde ja wohl von haus auch davon vernommen haben und nun selber sehen, wie es Alles stehe. Aber Renatus schenkte ihm nicht recht Gehör. Er war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um Verlangen nach gleichgültigem gespräche zu tragen, und gerade