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Was gedenken Sie zu tun, Tremann? fragte Herr von Werben seinen gefährten, indem er ein Paar fein gearbeitete Doppel-Pistolen aus der Manteltasche nahm und Paul die Steine seiner Pistolen mit seinem schweren Einschlagemesser auf's Neue schärfte und frisches Zündkraut auf die Pfannen schüttete.
Das kommt darauf an! Sind es Preussen, so haben wir unsere geschriebenen Pässe, die in Ordnung sind; wenn es dagegen Franzosen sind, nun, so – er lächelte mit einem Ausdrucke grimmiger Entschlossenheit, den Herr von Werben nie bisher an ihm bemerkt hatte – so haben wir diese geladenen Pässe, die nun auch in Ordnung sind!
Während die Reisenden, ihre Waffen in der Hand, langsam vorwärts fuhren, hielten an dem elenden Kruge, den sie kurz zuvor verlassen hatten, zwei Reiter. Der eine derselben, in halb militärischer Tracht, war augenscheinlich ein Franzose, der andere ein preussischer Gensd'arme, welcher jenem als Führer mitgegeben zu sein schien. Sie waren beschäftigt, den Wirt des Kruges zu verhören, und die Auskunft, welche sie auf ihre Erkundigungen erhielten, schien ganz nach dem Wunsche des Franzosen auszufallen.
Wir erreichen sie noch vor der Grenze! rief der Franzose seinem Begleiter zu, und wenn es die sind, die wir suchen, setzte er leise für sich hinzu, so ist mein Glück gemacht. Vorwärts, Kamerad! – Sie gaben ihren Pferden die Sporen und sprengten nach der Richtung fort, welche die Reisenden genommen hatten.
Es währte nicht lange, bis sie den langsam durch das Gestrüpp dahinfahrenden Schlitten vor sich erblickten. Sie waren noch ungefähr einige Hundert Schritte von demselben entfernt, als der preussische Gensd'arme gegen seinen Begleiter bemerkte: Das sind schwerlich Leute, die es eilig haben, Herr Commissar, denn sie fahren Schritt, obschon sie uns bereits seit längerer Zeit gesehen haben müssen, und die Grenze ist keine Viertelstunde mehr entfernt. Die müssen ein gutes Gewissen haben!
Aber der Andere antwortete auf diese Bemerkung nur durch ein drohendes Halt, welches er den Fahrenden zurief, während er im vollen Laufe an den ruhig weiter fahrenden Schlitten heransprengte. Kopfschüttelnd und sichtbar unzufrieden folgte ihm langsam der Gensd'arme. Er traf seinen Begleiter bereits in heftigem Wortwechsel mit den beiden Reisenden.
Ich kümmere mich den Teufel um Ihre Pässe! schrie der Franzose, in welchem Paul augenblicklich einen der französischen Beamten erkannte, die er täglich bei Herrn von Castigni ein- und ausgehen gesehen hatte. Sie sind allerdings Herr Tremann, ich glaube das meinen Augen, nicht Ihrem Passe; aber der andere Herr ist eben so wenig Ihr Bedienter, als ich es bin! Sie müssen beide mit mir umkehren, ich habe Sie nach der nächsten Kreisstadt abzuliefern!
Sehen Sie Sich vor, was Sie tun! rief Paul ihm zu. Sie sind kein Beamter unseres Königs! Sie haben keine Vollmacht, Sie haben kein Recht, friedliche Reisende aufzuhalten, die sich durch ihre Pässe ausweisen können!
Sehen Sie selbst Sich vor, Monsieur Tremann! versetzte hohnlachend der Franzose. Sie sind der Spionage verdächtig, und der Bundesgenosse und Herr Ihres Königs, der Kaiser Napoleon, pflegt mit Spionen keinen langen Process zu machen!
Ich rufe Sie zum Zeugen an, wendete sich Paul, da Herr von Werben sich in der Rolle des Bedienten, wenn auch mit grosser Selbstüberwindung, schweigend und zuwartend verhalten musste, an den preussischen Gensd'armen, der inzwischen ruhig die Pässe der Reisenden durchgesehen hatte – ich rufe Sie zum Zeugen an, dass hier die Majestät Ihres Königs und Herrn beleidigt wird! Sie sind ein preussischer Untertan und Soldat, wollen Sie das geschehen lassen?
Der Angeredete war sichtlich bewegt. Er versuchte, sich in das Mittel zu legen; aber es war vergebens, dass er dem Franzosen bemerklich machte, dass die Papiere der Reisenden völlig in Ordnung seien und dass also gar kein Grund vorliege, dieselben weiter aufzuhalten.
Kein Grund? rief der Franzose. Aber wenn ich Ihnen nun sage, dass dieser Bediente ein Offizier, ein preussischer Offizier, dass es der Hauptmann von Werben ist, den ich hiermit als Deserteur verhafte!
Wie ein Blitz zuckte es über das Gesicht des Gensd'armen, als Herr von Werben, nun er sich entdeckt sah, der Verstellung ohnehin längst müde, die Mütze zurückschlug, welche sein Antlitz verborgen hatte, und Jener ihn erkannte. Herr Hauptmann, mein Herr Hauptmann! Sind Sie es denn wirklich? rief er in freudiger Bewegung aus.
Ja, ich bin es! entgegnete Werben, indem er aus seiner Brieftasche ein Papier hervorzog – aber ich bin kein Deserteur! Hier ist mein Abschied, von Seiner Majestät unserem Könige unterzeichnet! Ich bin frei, zu gehen, wohin ich will, und Gott der Allmächtige weiss es, setzte er knirschend hinzu, warum ein preussischer Soldat und Edelmann gezwungen ist, heimlich zu tun, was er offen zu tun berechtigt ist! Willst Du Deinen Hauptmann an die Franzosen verraten, Wendland? –
Er hatte den Schlitten verlassen und war mit dem Gensd'armen ein wenig seitwärts an den Rand des Gehölzes getreten, als plötzlich dicht hinter ihnen ein Pistolenschuss fiel, dem auf der Stelle ein zweiter folgte. Sie blickten zurück: der Franzose, durch den Kopf geschossen, stürzte von dem Pferde, das, davon aufgeschreckt, zurück jagte. Paul stand aufrecht im Schlitten, die abgefeuerte Waffe in der Hand.
Er hat es gewollt! sagte er finster – der Elende hat seinen Lohn