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zu ziehen. Aber er schrie und klagte über die Gewalttat, die Paul an ihm beging. Er jammerte über sein Missgeschick, er nahm Gott zum Zeugen, dass er ein rechtlicher Mann sei, und klagte Gott an, dass er ihm diese Passagiere zugesendet. Er verwünschte sich und sie und seine Not und seine Armut, bis er endlich den kutschirenden Paul, der in seiner wachsenden Spannung des Juden gar nicht achtete, beschwor, wenigstens den Pferden in dem einsamen Kruge, aus dessen Schornstein man den weissgrauen Rauch aufsteigen sah, eine kleine Rast zu gönnen.

Wenn sie nicht bekommen einen Bissen Brod und Branntwein, werden's die armen Tiere nicht halten aus, und die gnädigen Herren werden liegen bleiben, wenn sie nicht hier anhalten bei dem Abraham, der ein ehrlicher Mann ist und mein Tochtermann! Es ist noch eine geschlagene Stunde bis zur Grenze, und ohne Fütterung können die Pferdchen nicht weiter fort!

Paul konnte es sich nicht verhehlen, dass der Jude hierin die Wahrheit redete. Die abgetriebenen Pferde stolperten vor Mattigkeit, und die Peitsche und sein Zuruf machten keinen Eindruck mehr auf sie.

Als sie vor dem einsamen, an der Strasse liegenden Gehöfte des Wirtshauses vorfuhren, trat der Krüger, ebenfalls ein polnischer Jude, vor die tür hinaus und erkannte und begrüsste seinen Schwiegervater, der ihm in einer den Reisenden unverständlichen Sprache gleich einige Worte entgegenrief.

Wie weit ist's von hier zur Grenze? fragte Paul den Krüger.

Eine halbe Stunde, gnädige Herren! antwortete ihm dieser, weil er dadurch Zeit für die Rast zu gewinnen meinte. Aber sein Schwiegervater fiel ihm in die Rede.

Eine halbe Stunde, sagst Du! Wie kannst Du sagen eine halbe Stunde? Eine Stunde ist's, und eine gute Stunde, und die Pferde ....

Genug! versetzte Paul, der am Ende dem Juden in seinem Erwerbe, wie dieser auch geartet war, kein unnötiges Hinderniss und keine Gefahr bereiten wollte; denn er hatte sie gut bedient, und Paul und sein Gefährte hatten ihm eine Belohnung zugedacht. Genug! wiederholte er, zog die Uhr aus der tasche und hielt sie dem Juden vor das Gesicht. Du sollst zwölf Minuten Zeit haben, Deine Pferde zu erfrischen, wenn Du uns danach in einer halben Stunde über die Grenze bringst!

Der Jude versprach es und die Reisenden stiegen einen Augenblick vom Schlitten ab. Eine tragbare Krippe ward rasch herbeigeholt und vor die triefenden Pferde hingestellt, denen ihr Besitzer ein paar alte Decken überwarf, während die hungrigen Tiere das in Stücke geschnittene, mit Branntwein getränkte Brod gierig verschlangen.

Inzwischen waren des Krügers Frau und Kinder herbeigekommen, welche hastig die Kissen von dem Schlitten nahmen, sie mit anderen, eben so elenden Sitzkissen vertauschten und verschiedene Päcke und Rollen unter dem Stroh hervorzogen, das der Fuhrmann unter seinen Füssen liegen gehabt hatte. Zu wiederholten Malen nötigte der Wirt die Fremden, einzutreten, um ein Glas Branntwein am warmen Ofen zu sich zu nehmen; aber er konnte sie nicht dazu bewegen. Die Uhr in der Hand, fragte ihn Paul, ob neuerdings viel Verkehr von Fremden in seinem haus gewesen sei. Der Krüger verneinte es, hoffte aber, es werde bald besser für seine Wirtschaft kommen, wenn erst der Kriegszug des grossen Kaisers begonnen haben werde, von dessen Bevorstehen ihm der französische Gensd'arme Kunde gebracht habe, der erst gestern wieder bei ihm angesprochen.

Es kommen ihrer jetzt öfter solche zu mir reiten, ausser den preussischen; sie vigiliren scharf auf die Herren, die da passiren wollen über die Grenze! setzte er mit bedeutendem und listigem Blicke und Augenzwinkern hinzu. Aber das beredte Wort erstarb ihm auf der Zunge, als er sah, dass Paul das Taschen-Fernrohr, mit dem er nach der Seite, von welcher er hergekommen war, ausgespäht hatte, rasch zusammenschob und, nachdem er einige Worte auf Englisch zu seinem gefährten gesprochen hatte, dem Fuhrmanne den Befehl gab, augenblicklich aufzubrechen. Er selbst und Werben legten eilig den Pferden die abgenommenen Zügel wieder an, dann sprangen sie in den Schlitten, zwangen den jammernden und lamentirenden Juden, mit ihnen einzusteigen, und nachdem Paul dem Wirte noch ein Geldstück als Bezahlung zugeworfen hatte, ging es fort, so schnell die unvollständig erquickten Pferde zu laufen vermochten.

Sie waren noch keine Viertelstunde gefahren, als Paul wiederum sein Fernrohr auf die beiden Punkte richtete, deren Gewahrung vorher den Entschluss des plötzlichen Aufbruches in ihm veranlasst hatte. Er hielt es lange am Auge, während sein Freund die Zügel in die Hand nahm, und fragte dann, als er es absetzte, auf die abgejagten Tiere und den in Todesangst zitternden Kutscher blickend: Was halten Sie von der Sache, Herr von Werben?

Werben blickte ebenfalls zurück, zuckte die Schultern und sagte: Es hilft uns nichts! Ihre Pferde sind frischsie holen uns ein, noch ehe wir die Grenze erreichen.

So ist's besser, wir machen es gleich ab, meinte Paul. Sie hatten auch diese Worte wieder englisch gesprochen; Herr von Werben überliess dem Juden wieder die Zügel seiner Pferde, die beiden Reisenden nahmen auf dem hinteren Sitze ihre alten Plätze ein und Paul sagte, sich an den Juden wendend: Fahre langsam!

Dieser liess sich das nicht zweimal sagen, und die Pferde fielen gleich in Schritt, als man eben in das beschneite Fichtenholz einfuhr, an dessen anderem Ende, wie der Jude angab, die Grenze sich hinziehe