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regelte. Von der flüchtigen Minute hatte er Belehrung fordern, in die freie Minute sein Empfinden zusammenpressen müssen, und des glücklich Erreichten hatte er sich kaum erfreuen dürfen, weil immer ein neues, notwendig noch zu Erreichendes schon wieder nahe vor ihm gestanden hatte.

Nun freilich hatte er, was er zuerst erstrebt. Er hatte einen eigenen und einen guten Namen, den ihm nicht sein stolzer Vater vererbt und nicht seine arme Mutter hinterlassen hatte, sondern einen Namen, den er sich selbst geschaffen, wie seinen ganzen, nicht unbedeutenden Besitz. Aber wozu das alles? fragte er sich auch in dieser Stunde. Wer bedarf des Besitzes, den Du Dir erworben hast? Wen freut es, wenn Dein Fleiss ihn wachsen macht? Wer sorgt sich darum, wenn er Dir verloren geht? Für wen bist Du eine notwendigkeit in dieser weiten Welt?

Und während diese Gedanken in ihm aufstiegen, nannte er selbst sie ein Unrecht gegen die Frau, welche die Beschützerin seiner Kindheit und das Ideal seiner Jugend gewesen war. Er liebte Seba auch heute noch, wärmer, zärtlicher, begeisterter, als der Sohn die Mutter liebt; denn seine Liebe war freier, als die Kindesliebe, war nicht naturbestimmt, sondern erkenntnis und frei Wahl, und überall steht das Freigewählte hoch über allem Angeborenen.

Aber Seba war nicht jung wie er, sie bedurfte seiner nicht, sie war nicht ausschliesslich sein eigen. Es änderte sich in ihrem Loose, in ihrem Leben nichts, was auch aus ihm werden mochte, und doch dünkte es ihn, als gleiche er immer nur dem Blatte, das der Wind umhertreibt, als fasse er nicht feste Wurzel in dem Leben, so lange er sich nicht notwendig, nicht unentbehrlich für ein anderes Menschenwesen wisse, so lange er, der keine Heimat und keine Familie für sich vorgefunden hatte, sich nicht seine Heimat selbst geschaffen habe in der Familie, die er selbst begründet, so lange er sich in seinen Kindern nicht eine Fortdauer über seinen Tod gesichert habe.

Ein scharfer Luftstrom streifte über Paul's Stirn und entriss ihn seinem weichen Sinnen. Die Nacht war im Entschwinden. Wie am ersten Schöpfungstage begannen Luft und wasser sich vor seinem Auge zu scheiden, der blick wurde wieder Herr der Welt, und langsam durchdringend und sich Bahn machend durch das schwebende und wallende Gewölk, das sie mit ihrem Purpur färbte, stieg endlich in flammender Herrlichkeit die Sonne, mächtig in ihrer Leben bringenden Kraft, aus den dunkeln, kalten Wogen an dem klar gewordenen Winterhimmel empor.

Der Morgen, rauh und kalt wie er war, erfrischte Paul und gab ihn sich selber wieder. Er wusste, was ihm das Herz so weich gemacht hatte, aber er scheuchte den Gedanken wie einen entnervenden Traum weit von sich fort, denn Ungeduld und Unzufriedenheit mit dem selbstgeschaffenen Loose erschienen ihm als eine Unmännlichkeit und Schwäche. Erst das Vaterland und dann das Haus, erst die Freiheit und dann das Glück! rief er laut sich selber zu, und ohne zu wissen, worauf dieser Wahlspruch sich bezog, stimmte Herr von Werben von Herzen in denselben ein.

Dem Juden, der inzwischen nicht aufgehört hatte, seine Passagiere heimlich zu beobachten, entging weder die sichtliche Zufriedenheit, mit welcher sie den Tag begrüssten, noch ihr wachsendes Verlangen, an die Grenze zu kommen, und er gab die Hoffnung noch nicht auf, von ihrer guten Stimmung zu erlangen, was ihre Verschlossenheit ihm abgeschlagen hatte. Dass seine Passagiere keine gewöhnliche Leute seien und dass er unter ihrem Schutze, wenn sie nur wollten, mit seinen Waaren die Grenze gut passiren könne, das hatte sich in den Stunden einsamen Sinnens für ihn als letzte überzeugung festgestellt. Es kam daher für ihn, wie er meinte, nur Alles darauf an, ihr Zutrauen und ihren guten Willen für sich zu gewinnen, und er liess es an den Zeichen einer sorglosen Heiterkeit nicht fehlen.

Er rückte seine Spitzmütze vergnüglich weit aus der Stirn zurück, er schnalzte mit der Zunge, knallte mit der Peitsche, schlug, sich zu erwärmen, mit den Beinen gegen seinen elenden Sitz, dass die Stiefel gegen das Holz klapperten. Aber was er auch tat, die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich zu ziehen, es schlug alles fehl, denn Paul war Kaufmann genug, um den Begehrenden an sich herankommen zu lassen. Endlich, als über der weiten Fläche die Türme der Hafenstadt sich schon erhoben, hielt der Jude seine Pferde mitten in ihrem Laufe an und sagte, sich mit dem pfiffigen und zugleich ängstlichen Blicke seines Volkes zu den Reisenden wendend, während er mit dem Stiele seiner zerbrochenen Peitsche vorwärts zeigte: Der gnädige Herr sehen, ich habe gehalten mein Wort und meine Zeit! Was soll ich haben, wenn ich die Herren gerades Weges nach der Grenze fahre?

Das wird sich an der Grenze finden, gab ihm Paul zur Antwort, dessen sich, nun er sich dem Ziele so nahe wusste, das Verlangen, es zu erreichen, mit einer wahren leidenschaft bemächtigte, und noch ehe der Jude sich besinnen konnte, hatte Paul, um seiner Sache sicher zu sein, sich an seine Seite gesetzt und ihm mit dem Befehle, ihm die nächste Strasse nach der Grenze anzugeben, Zügel und Peitsche aus der Hand genommen.

Der Jude, sobald er merkte, dass es Ernst und dass kein Auflehnen gegen den fremden Willen möglich sei, liess zwar Alles geschehen, denn auch er war schneller Berechnung fähig und hoffte seinen Vorteil von seiner Nachgiebigkeit