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als Glück bezeichnet, habe ich auch die Furcht vor seinen Launen verloren.

Sie würden es also nicht als ein Glück erachten, wenn wir ungehindert unser Ziel erreichten, und es nicht ein Unglück nennen, würden wir daran verhindert?

Nein! entgegnete der Andere. Ich habe für den Fall, dass man es wirklich auf meine person abgesehen hätte, mit Ihrer hülfe nach bestem Wissen meine Vorsichtsmassregeln genommen! Täuscht uns die Wirksamkeit derselben nicht, so ist das unser Verdienst und kein besonderes Glück! Misslingt unser Unternehmen, so unterliegen wir nur einem Naturgesetze, der Macht des Stärkeren, denn zwischen uns und unseren Feinden ist die Partie nicht gleich!

Er brach ab, und diesmal war er es, der mit scharfem Auge um sich blickte, denn das Wetter fing an, sich bedenklich zu verändern. Die leichten Wolkenstreifen hatten sich zusammengezogen und verdichtet, der Mond verschwand bisweilen plötzlich hinter ihnen, dann kam er eben so plötzlich aus dem schweren, schwarzblauen Gewölke hervor, das Meer beleuchtend, dessen Wogen sich immer höher hoben, während ein dumpfes Grollen aus seinen Tiefen dem klagenden Weherufe des Windes Antwort gab. Licht und Schatten wechselten schnell und phantastisch mit einander ab, aber das Durchbrechen des Lichtes wurde seltener, die Dunkelheit immer tiefer. Nur bisweilen meinten sie noch den Gischt der aufgebäumten Welle zu gewahren, wenn sie unter dem Stosse des heulenden Windes niederdonnerte und hinzischend auf dem eisigen Ufer zerfloss.

Je länger sie fuhren, je stärker erhob sich der Sturm. Er trieb ihnen den stechenden Schnee entgegen, dass es ihnen den Atem versetzte und sie die Augen kaum noch öffnen konnten; aber sie beklagten sich nicht darüber, und das bestärkte den Juden nur in seinen Vermutungen über sie. Die sind's gewohnt, wie ich, dachte er, und er wollte versuchen, ob sich aus der Lage, in welcher sich nach seiner Meinung die Reisenden befanden, nicht ein Vorteil für ihn ziehen liesse.

Gnädiger Herr, hob er an, sich auf seinem Sitze halb umwendend, gnädiger Herr! Der Herr Bedienter haben mich vorhin zu fragen beliebt, ob man kann an die Grenze kommen, ohne zu fahren durch die Stadt. Wenn der gnädige Herr mir geben will fünfunddreissig Rubel mehr, dass ich meine Pferdchen kann nachher rasten lassen, will ich den gnädigen Herrn über die Grenze bringen, ohne dass er soll zu sehen bekommen einen Grenz-kosacken oder einen Beamten von dem Zoll.

Und wer soll mir denn den Pass visiren? fragte Paul.

Der Herr haben also einen Pass? forschte der Jude ungläubig.

Wie anders? entgegnete Paul und wickelte sich fester in seinen Pelz ein.

Der Jude war aber so leicht nicht abzuweisen. Ich bin drüben gleich hinter unserer Grenze zu haus, fuhr er fort, und habe meine Tochter diesseits verheiratet im letzten Kruge. Ich kenne Weg und Steg und kenne den Herrn Leutnant von der Wache und den Herrn Inspector von dem Zoll, und sie kennen mich auch. Wenn vielleicht.... Er hielt überlegend inne, ob er so weit gehen sollte, und wagte es endlich dennoch, seine pfiffige Vermutung auszusprechenwenn vielleicht der Herr Bedienter nicht sind versehen mit einem Passdie Pässe werden streng visirt und die Zolluntersuchung ist noch strenger!

Schlimm für Dich, der Du heimlich über die Grenze gehen willst, falls wir Dich verhindern, Deine Contrebande in der Stadt oder draussen bei Deinem Tochtermanne abzulegen, bis Du sie Dir gelegentlich herüberholen kannst! Und nun fahr zu! rief Paul befehlend, allen Vermutungen, Vorschlägen und Planen des Juden damit ein Ende machend, wie sehr dieser sich auch hoch und teuer verschwor, dass er gar keine Waare bei sich habe, dass er ein ehrlicher Mann und ganz ausschliesslich nur auf der gnädigen Herren Vorteil bedacht gewesen sei. Aber die Besorgniss, dass es doch vielleicht französische, mit heimlicher Beaufsichtigung der Grenze betraute Beamte sein könnten, die er fahre, lähmte endlich des Juden Zunge, und, Jeder in seine Gedanken versenkt, sahen die beiden Reisenden schweigend in die Nacht hinaus, während die Sekunden kamen und entschwanden, während Woge um Woge gleichmässig auf das Eis des Ufers rollte, während der Sturm die Wolken, die er zusammengefegt hatte, in wildem Laufe vor sich her trieb, bis hier ein Stern durchblitzte und dort ein zweiter, und bis endlich hoch am Horizonte der Nordstern wieder hell strahlend aus dem Siebengestirn herniedersah.

Paul begrüsste ihn wie einen alten Freund. Seine frühesten Erinnerungen knüpften sich an dieses Gestirn. In dem kleinen haus seiner Mutter hatte er auf seines Vaters Knie gesessen, als dieser ihm das Gestirn gezeigt; aus dem Fenster der Kriegsrätin, aus Seba's stube hatte er es gesehen. Es hatte ihm geleuchtet in der Schmerzensnacht, die ihn aus der Heimat fortgetrieben, es hatte ihn nicht verlassen, als er, ein flüchtig gewordener Knabe, über das weite Weltmeer gefahren war, und es war bei ihm gewesen wie der einzige Gefährte aus der Heimat, als er in dem fremden Weltteile nichts sein eigen genannt hatte, als sein nacktes Leben.

Eine Rührung, die ihm fremd war, bemächtigte sich seiner. Hingenommen von seiner rastlosen Tätigkeit, war ihm durch alle die Jahre wenig Zeit zum Nachsinnen geblieben. Wie man im raschen Fluge des Caroussels mit scharfem Blicke und sicherer Hand den Ring absticht, hatte er im eiligen Wechsel der Ereignisse den Augenblick erhaschen und sich aus seinen Erfahrungen die Ueberzeugungen und Grundsätze bilden müssen, nach denen er sein Leben