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weineten!"

Er seufzte, küsste die Tochter und Nichte auf die Stirn, hiess sie, sich zur Ruhe begeben, und bald war es still und dunkel in dem ganzen haus; nur in Paul's einsamem Zimmer brannten die Kerzen fort, bis sie am Morgen in sich selbst erloschen.

Siebzehntes Capitel

drei Tage und fast drei Nächte waren seitdem vergangen. Ein feiner, trockener Schnee fiel dicht und leuchtend hernieder. Von durchsichtigem Gewölke leicht verhüllt, stand der Mond am Himmel, als ein offener Schlitten, von zwei kleinen, raschen Pferden pfeilschnell fortgezogen, über die Nehrung, über jene Landenge fuhr, die sich zwischen der Ostsee und dem kurischen Haff hinzieht.

Zwei Männer, in Pelze eingewickelt, sassen in dem Schlitten. Ein polnischer Jude, ebenfalls in seinen Pelz gehüllt, die spitze, verbrämte Sammetmütze tief auf die gedrehten Seitenlocken heruntergezogen, machte ihren Kutscher. Die Nacht war kalt. Schwer und langsam schlugen die Wogen des Meeres an das Ufer, das sich mit seiner Schneedecke hellschimmernd von der weiten, dunklen Fläche abhob.

Ein Königsberger Kaufmann hatte den Juden, der in Russland zu haus war, gedungen, die beiden Fremden über die Nehrung nach der Grenze zu bringen; aber wie sehr der Jude sich auch bemühte, er hatte es nicht ermitteln können, wer sie wären und was sie in Russland zu suchen hätten.

Dass sie nicht Herr und Diener seien, als welche ihre Kleidung sie bezeichnete und als welche sie sich ausgaben, das hatte der Schlaue bald bemerkt; denn überall war es der sogenannte Herr gewesen, der, wo es Not tat, die rasche Hand angelegt, während der Diener sich immer erst nachträglich dazu entschlossen hatte. Deutsche waren sie nach des Juden Meinung nicht, denn er hatte, so genau er auch darauf merkte, noch kein deutsches Wort von ihren Lippen vernommen; Franzosen aber waren nicht so gelassen. Für gewöhnliche Reisende war in dieser Jahreszeit die Nehrung nicht die Strasse, für Kaufleute, die Geschäfte in Russland machen, also länger dort verweilen wollten, hatten die Fremden ihm nicht genug Gepäck bei sich, und französische Emissäre konnten sie vollends nicht sein, denn diese würden bis zur Grenze die Beförderung durch die Post gefordert haben. Er kam also, je mehr er darüber nachsann, immer wieder auf den Gedanken zurück, dass seine Passagiere, obschon sie Französisch mit einander redeten, Engländer sein müssten und dass sie auf diesem wenig besuchten Wege nach der Grenze gingen, um zu sehen, auf welche Weise sich englische Waaren über Russland nach Deutschland bringen liessen. Dadurch aber stiegen sie nur in seiner Wertschätzung, denn von einem Handelsverkehre, wie er ihn bei den Reisenden vorauszusetzen für angemessen fand, pflegte für die vermittelnden Juden immer ein kleinerer oder grösserer Gewinn abzufallen, und: "Leben und leben lassen" ist ein alter Grundsatz.

Es war eine schnelle, lautlose Fahrt. Von Zeit zu Zeit sah der eine oder andere der beiden Reisenden in die Gegend hinaus, und wenn sie gewahrten, dass sie einsam auf der überschneiten Düne blieben, schien ihnen das erwünscht zu sein. Sie redeten dann auch eine Weile mit einander, aber so leise, dass der Jude nicht ermitteln konnte, um was es sich dabei handle, obschon er in der langen Zeit des Krieges und der Franzosenherrschaft genug von der Sprache der Fremden erlernt hatte, um sie verstehen und sich in ihr halbwegs verständlich machen zu können.

Eine geraume Zeit war auf diese Weise seit dem letzten Anhalten hingegangen, als der Diener sich bei dem Kutscher erkundigte, wie lange man bis zur Grenze noch zu fahren habe.

Der Jude, froh der Anrede, weil sich ihm mit derselben doch eine Möglichkeit eröffnete, seine redselige Neugier zu befriedigen, meinte, wenn er so zufahre, wie bisher, und seine Pferde es aushielten, so könne man bald nach Tagesanbruch auf der Grenze sein.

Muss man die Stadt passiren, um an die Grenze zu gelangen? fragte der Diener ihn abermals.

Wenn die gnädigen Herren nichts haben zu tun in der Stadt, entgegnete der Jude, so müssen die Herren nicht; aber ich muss halten in der Stadt oder muss noch einmal machen eine Station hinter der Stadt, von wegen meiner Pferde.

Er hatte die Tiere, während er dieses sagte, sich selber überlassen; sie fingen also langsamer zu gehen an, und der Diener ermahnte den Juden, mit Zusage einer besonderen Belohnung, sie auf's Neue anzutreiben.

Will das sein ein Bedienter, dachte der Jude, und nimmt seinem Herrn das Wort vorweg. – Er schlug nichts desto weniger mit lautem, ermutigendem Schrei anscheinend unbarmherzig auf seine Tiere los, wusste den Hieb jedoch so geschickt zu führen, dass er sie gar nicht traf. Der andere Reisende, dessen schweigender Achtsamkeit sich nicht das Geringste entzog, bemerkte diese List.

Lassen Sie ihn nicht merken, mein Freund, sagte er zu seinem gefährten, wie sehr wir die Grenze zu erreichen wünschen. Er könnte sonst leicht auf den Gedanken kommen, sich zaudernd eine grössere Belohnung zu verdienen, und wir sind in seiner Hand.

Die Nähe des Zieles macht ungeduldig, und Sie kennen sicher so gut wie ich die abergläubische Furcht vor dem Scheitern im Angesichte des Hafens! entgegnete der Zurechtgewiesene, mit diesen Worten sich gleichsam rechtfertigend.

O ja! Es gab eine Zeit, versetzte Paul, in welcher ich diesen Eindrücken sehr unterworfen war; seit ich aber nicht mehr sonderlich an dasjenige glaube, was man