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lag und stand wie immer, nur die Schreibmappe fehlte. Sie ging in die Nebenstube und öffnete den Kleiderschrank; da hing der Anzug, den er auf dem Balle getragen hatte. Er war also wirklich nach haus gekommen, was Seba schon zu bezweifeln angefangen hatte, und schnell, wie sie die Treppe herunter geeilt war, stieg sie dieselbe wieder hinauf, um sich mit den Ihrigen zu besprechen und zu beraten.

Man wollte von Davide Auskunft haben, aber diese hatte nichts oder doch nur wenig zu berichten. Sie habe bemerkt, sagte sie, dass Paul öfter nach seiner Uhr gesehen, was er sonst nicht zu tun pflege. Er sei dazu so ungewöhnlich aufgeräumt gewesen, habe fortwährend mit ihr gescherzt, sich auch um die anderen Damen mehr als sonst bemüht, und während sie darüber nachgesonnen, was ihn in eine ihm so fremde Laune versetzt haben möge, habe er wieder plötzlich nach der Uhr gesehen und sei dann mit Einem Male fortgegangen und verschwunden.

Seba wendete ihr ein, dass in diesen Dingen nichts gelegen habe, was Davide irgend zu der Vermutung habe berechtigen können, dass Paul früher, als er es vorgehabt, seine Reise antreten, sie gleichsam als Flucht antreten werde, und Davide versuchte einen Augenblick, ihre frühere Erzählung durch Hinzufügung verschiedener kleiner Aeusserungen zu verdeutlichen. Indess plötzlich schien sie anderen Sinnes zu werden, und sich in ihrer ganzen stattlichen Höhe aufrichtend, sprach sie, während ihre Wangen erglühten und ihre Augen, die sie auf den Onkel und auf Seba zu richten versuchte, sich unwillkürlich senkten: Ich will's Euch sagen, und Ihr könnt's mir glauben, denn ich bin ja nicht eitel und bilde mir nichts ein. Und da sie es nun sagen wollte, stockte ihr das Wort auf den Lippen in holdseliger Scham, und sie musste sich zwingen, es auszusprechen. Paul, sagte sie, hat mich immer wie ein Kind behandelt, oder wie ein Spielzeug, denn so machen sie es ja Alle mit uns. Auch heute Abend tat er das, Du hast es ja gehört, liebe Seba. Aber als wir tanzten und als er immer wieder nach seiner Uhr sah, da blickte er mich an, als wüsste er, dass ich mich um ihn sorgte. Er war ernstaft, wenn man ihn nicht beachtete, und als er dann plötzlich aufbrach, dada drückte er mir die Hand, wie man es nur beim Abschiede tut, wenn man sieht, dass der Abschiedeinem Anderen schwer wird.

Ihr Ton war immer leiser geworden, sie nahm sich zusammen, um ihre Bewegung und die Tränen zu bemeistern, die sich ihr in die Augen drängen wollten.

Seba fühlte sich ergriffen von ihres Pflegekindes Schönheit und freimütiger Selbstüberwindung, und wie ein warmer, Frühling verkündender Sonnenschein zog eine neue, selbstlose Hoffnung in ihre Brust; aber sie sowohl als ihr Vater hüteten sich, es auszusprechen, wie hoch sie Davide in dieser Sunde hielten und wie sie beide ihre Wünsche und Hoffnungen teilten. Man nahm ihr Bekenntniss wie eine sich von selbst verstehende Sache hin, und als Seba die Absicht äusserte, den Portier zu befragen oder den Gärtner kommen zu lassen, ob und wann und auf welchem Wege Paul das Haus verlassen habe, gab ihr Vater das nicht zu.

Er sagte, da Paul einmal verdächtigt worden sei, habe er, wie immer, richtig gehandelt, indem er Berlin so bald als möglich und heimlich verlassen habe. Es entziehe dieses Letztere sie Alle für den schlimmsten Fall jeder Verantwortlichkeit, und wolle die französische Regierung seiner habhaft werden, lasse man ihn selbst verfolgen, so sei mit jeder Stunde Vorsprung ein Wesentliches gewonnen. Da die Leute im haus ihn noch in der Nacht arbeitend glaubten und Herr von Castigni dies gehört habe, werde man es nicht auffallend finden, wenn Paul nicht um die gewohnte Morgenstunde im haus und im Comptoir erscheine, und es sei wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass Herr von Castigni früher als am Vormittage von der Abreise Paul's benachrichtigt werde. Er traue es dem Letzteren zu, dass er seine Massregeln zweckmässig und umsichtig getroffen haben werde, und wenn es ihm nur gelungen sei, unbehindert aus der Stadt zu kommen, so hoffe er das Beste.

Das Land ist freilich überschwemmt von Truppen, aber gerade das erleichtert es ihm vielleicht, unbeachtet zu bleiben; denn man hat überall mit sich vollauf zu tun, und seine Papiere wird er in Ordnung haben, tröstete Herr Flies, um die Seinigen zu beruhigen. Kann Paul jenseit der Oder oder Weichsel, wie ich vermute, noch mit Schlitten reisen, so ist er geborgen und wir hören bald von ihm.

Aber bis dahin? fragten ängstlich Seba und Davide wie aus Einem mund.

Bis dahin müssen wir uns gedulden, meine lieben Kinder, und uns vorbehalten, dass man nicht zu beklagen ist, so lange man für die Seinigen noch fürchten und hoffen kann.

Welch ein Unglück! rief Seba, niedergeworfen von der sorge um den so lange Entbehrten und endlich Wiedergefundenen, aus.

Ja, sagte Herr Flies, es sind böse, böse zeiten; aber unglücklich ist man erst, wenn man nicht mehr hoffen kann! Behaltet guten Mut, zeigt morgen ein heiteres Gesicht, denn wir sind Gefangene in unseren eigenen Häusern und Sklaven der Fremden in unserem vaterland, und obschon wir nicht Verbannte sind, könnten wir singen, wie es in den Psalmen heisst: "Wir sassen an den Wassern und