1864_Lewald_163_285.txt

gefüllt, der Lichtglanz, die Wärme, der Tanz und der Wein hatten die Tänzer, die Männer wie die Mädchen und die Frauen, aufgeregt, und auch Daviden's Augen flammten, ihre Wangen brannten, als sie, von Castigni's Arm umschlungen, zum vierten und fünften Male die Tour um den Saal zurücklegte, die man sonst immer mit drei Ronden beendigte. Das Haar flog ihr um die Schläfen, die junge Brust hob und senkte sich gewaltsam, als der Franzose sie endlich dicht vor ihrem platz aus seinem arme liess und, einen leidenschaftlichen Kuss auf ihre Hand drückend, ihr versicherte, dass er sie nie so schön gesehen habe, wie eben heute, eben jetzt. Aber von dem wilden Tanze erschöpft, trat er zurück, um im Nebenzimmer eine Erfrischung zu suchen; auch Davide hatte sich neben Seba in einen Sessel geworfen, und sich rasch umblickend, als fürchte sie gehört zu werden, flüsterte sie leise und atemlos die Worte: Er ist fort!

Seba wendete sich um, sie sah Davide an, und das Wort des Tadels, das auf ihren Lippen schwebte, verstummte. Mit einem Blicke verstand sie, von wem die Rede sei.

Woher weisst Du es? fragte Seba.

Ich sah ihn gehen, antwortete Davide.

Eben jetzt?

Nein, gleich nachdem wir zur Quadrille angetreten sind.

Und er hat Dir gesagt, dass er sich entfernen wolle?

Nichts, gar nichts! entgegnete Davide eben so kurz, denn schon trat ihr Bewunderer wieder an sie heran, und urplötzlich leuchtete die strahlende Heiterkeit wieder um ihre schönen Wangen, tönte das silberhelle lachen wieder von ihren Lippen, und an der Hand ihres Tänzers stand sie wieder in den Reihen.

Seba sah ihr sprachlos, aber mit Freude nach.

Sie konnte nicht erraten, was Paul beabsichtige, was Davide davon wisse, nur das war ihr klar, dass hier die Liebe ein Mädchen schnell zum weib gereift habe und dass man ein junges Herz, welches aus Liebe solcher herrschaft über sich fähig sei, wie Davide sie eben jetzt bewiesen hatte, sich selber überlassen könne.

Beide Frauenzimmer konnten das Ende des Balles kaum erwarten und trugen doch Bedenken, das fest eher als die Mehrzahl der Gäste zu verlassen. Sie blieben im Gegenteile mit unter den Letzten, um auch Herrn von Castigni von der Rückkehr in ihre wohnung abzuhalten.

Er hatte, von Davidens Gunst entzückt, Tremann's fast vergessen, und es war Seba, welche ihre Nichte geflissentlich befragte, wo Paul geblieben sei. Diese versetzte ruhig: sie wisse es nicht; er sei verdriesslich gewesen und in das Nebenzimmer gegangen. Als man ihn dort nicht fand, äusserte Davide die Erwartung, dass er zum Kehraus, für den sie mit ihm engagirt sei, schon wiederkommen werde; und da er sich auch zu diesem nicht einstellte und Seba sich in Castigni's Beisein durch Paul's Entfernung beunruhigt zeigte, liess Davide es erraten, dass sie einen kleinen Streit mit ihm gehabt habe, dass er missmutig gewesen sei und wohl vom Balle fortgegangen sein möge, weil er sie damit zu strafen geglaubt habe. Aber sie wisse sich zu trösten; und an einem Tänzer, fügte sie mit einem lächelnden Blicke auf Castigni hinzu, wird es mir hoffentlich doch nicht fehlen.

Inzwischen hatte auch Herr Flies seinen jungen Compagnon vermisst und kam, sich nach ihm zu erkundigen, da Paul, als er eine Weile neben Herrn Flies zusehend am Spieltische gesessen, sich über Kopfweh beklagt hatte. Seba konnte erkennen, dass ihr Vater eben so wenig als sie von Paul's Vorhaben unterrichtet gewesen sei, und es blieb unmöglich, sich auf dem Balle von Daviden eine Aufklärung zu verschaffen. Es war schon gegen den Morgen hin, als man, von dem Feste kommend, das Haus erreichte, und selbst während der Fahrt war keine Verständigung möglich gewesen, da man es nicht hatte vermeiden können, Herrn von Castigni's Begleitung anzunehmen, indem er, wie er sagte, im Vertrauen auf die Güte seiner Wirte seinen Wagen einem Freunde angeboten und überlassen habe.

Als der Hauswart die Tür öffnete, fragte Herr Flies zu Seba's und Daviden's Erschrecken, ob Herr Tremann schon zu haus sei, und die beiden Frauenzimmer blickten einander verwundert an, als der Bescheid erfolgte, Herr Tremann sei ja schon gegen Mitternacht heimgekehrt und werde wohl noch wach sein, denn er habe frische Kerzen befohlen, weil er noch arbeiten wolle.

Man trennte sich oben an der tür der Wohnzimmer. Herr von Castigni stieg wohlgelaunt, den Kopf voll froher Erinnerungen und noch freudigerer Aussichten, die Treppe zu seiner wohnung hinauf, und ihre Nichte bei der Hand nehmend und rasch mit ihr in die stube hineintretend, rief Seba: Du hast Dich also geirrt, Paul ist hier!

Gewiss nicht, entgegnete das junge Mädchen mit grosser Bestimmteit; und während Herr Flies sich noch erkundigte, um was es sich handle, hatte Seba schon einen der Leuchter ergriffen und eilte durch den Glascorridor und die innere Treppe, welche fräulein Ester einst zu ihrer Bequemlichkeit hatte erbauen lassen und die gerades Weges aus dem grossen saal des ersten Stockwerks in das Gartenzimmer führte, nach Paul's wohnung hinunter.

Sie klopfte an, es blieb Alles still. Die tür war unverschlossen, sie trat also ein, es war Niemand in dem Zimmer. Die Kerzen brannten auf dem Schreibtische, die Schlüssel steckten in den Schubladen und Schränken, Alles