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wir von dem Balle fort. Im Gegenteile, ich muss ja dort sein, muss Ihr Tänzer sein, um Sie vor den Bewerbungen Ihres Verehrers Castigni möglichst zu bewahren. Oder wollen Sie lieber ihn als mich zum Tänzer haben?

Es war unverkennbar, dass er grosses Wohlgefallen an dem schönen Mädchen hatte; die freundliche Weise, in welcher er heute mit ihr scherzte, tat Daviden aber wehe. Sie wendete sich von ihm, trat an den Spiegel und steckte, da Seba der gleichen Ansicht wie Tremann war, dass man den Ball besuchen müsse, auf deren Geheiss die Blumen wieder gehorsam in das Haar; sie sprach jedoch kein Wort, und auch Seba war niedergeschlagener, als sie es zeigte.

Der erste Walzer war schon in vollem Gange, als Herr Flies und Paul mit den beiden Frauen in die Säle eintraten, und Paul nahm nach den Begrüssungen mit Freunden und Bekannten sogleich mit Daviden seinen Platz in den Reihen der Tanzenden ein. Civilisten und deutsche und französische Offiziere waren in ihnen bunt gemischt, aber zwischen all den glänzenden Uniformen blieb Paul noch immer eine hervorragende Erscheinung durch seine schöne, mächtige Gestalt und den festen Ausdruck seines charaktervollen Gesichtes.

Paul sieht gut aus, sagte Herr Flies zu Seba, als das tanzende Paar an ihnen vorüberkam; und in der Tat standen die weissen Casimir-Escarpins und der blaue Frack ihm sehr wohl an. Aber Seba, die sonst so stolz auf ihres jungen Freundes Schönheit war, als hätte sie selber ihn geboren, vermochte sich heute seiner nicht zu freuen, weil die sorge um ihn sie peinigte. Jene erratende Kraft des Herzens, die oft scharfsichtiger ist, als der schärfste Verstand, liess sie nicht bezweifeln, was den Grafen antreibe, Paul zu verfolgen, und wenn sie ihre eigene Seele prüfte, musste sie sich gestehen, dass für den Grafen eine Wollust darin liegen müsse, sich an ihr zu rächen, da sie sich die gleiche Befriedigung einst nicht hatte versagen mögen. Sie zählte die Stunden, die noch bis zu Paul's Abreise vergehen müssten, die Tage, innerhalb derer er die Grenze erreichen konnte. Dass Graf Gerhard jeder Unwürdigkeit fähig sei, wenn sie seinen Wünschen und Absichten diene, das wusste sie, und er besass das Ohr und das Vertrauen der französischen Behörden. Es konnte den Grafen nicht viel kosten, Paul und mit ihm ihren Vater wie sie selber zu verderben, denn das Misstrauen der napoleonischen Regierung war grenzenlos, und wessen man sich von ihren Dienern zu versehen habe, das war durch die Gewalttaten an dem Buchhändler Palm und an Lord Baturst hinlänglich erwiesen.

Sie überlegte, ob es nicht geraten sei, Paul an diesem Abende gar nicht mehr nach haus zurückkehren, sondern in irgend einer befreundeten Familie übernachten zu lassen, aber eben dadurch konnte man den Argwohn, welcher ihn offenbar umgab, nur steigern. Dann kam ihr der Gedanke, dass man irgend einen der Gehülfen ihres Vaters in Paul's Wagen mit seinem Diener und mit einem scheinbaren Auftrage den geraden Weg nach der russischen Grenze schikken könne, während Paul auf Umwegen zu entkommen suchen müsse; indess überall trat ihr die sorge um ihren greisen Vater entgegen, und selbst mit diesem oder gar mit Paul ein vertrauliches Wort zu reden, ward ihr nicht gegönnt, denn sie meinte zu bemerken, dass Herr von Castigni Paul und Davide nicht aus dem Auge lasse. Das konnte seine Ursache in der Bewerbung haben, mit welcher der Franzose Daviden umgab; aber wer viel zu verlieren hat, ist ängstlich, und die lange Fremdherrschaft hatte alle Patrioten genugsam an Zurückhaltung und Vorsicht gewöhnt.

Der Vater hatte sich zum Spiele niedergesetzt, Davide tanzte, Herr von Castigni nahm sie völlig in Beschlag, wenn Paul sie frei liess, und dieser, welcher sonst kein leidenschaftlicher Tänzer war, sondern meist die Gesellschaft der älteren Männer und Frauen suchte, hielt sich heute ganz zur Jugend. Er machte, so oft es sich tun liess, Daviden's Gegenüber, und obschon sie voll Sorgen war, dachte Seba daran, dass Paul möglicher Weise doch mehr Anteil an ihrer Nichte nähme, als sie bisher geglaubt, dass Daviden's unverkennbare Neigung für ihn, die sich heute erst wieder so lebhaft verraten hatte, ihren Eindruck auf den jungen Mann nicht verfehlt habe, und sie nannte es in ihrem Herzen einen echt weiblichen Zug, dass Davide eben heute sich Herrn von Castigni freundlicher als sonst bewies, dass sie Paul vernachlässigte, da dieser sie zum ersten Male ganz entschieden suchte. Sollte Davide im stand sein, zu so kleinlichen Mitteln der Vergeltung zu greifen? fragte sie sich; sollte sie in der Liebe irgend einer Berechnung fähig sein und einem geliebten mann gegenüber irgend etwas Anderes empfinden können, als das Verlangen, ihm ihre Liebe kund zu geben und Freude oder Trauer, je nachdem er sie erwiedert oder nicht erwiedert?

Sie wurde förmlich irre an dem Mädchen, das sie doch so genau zu kennen meinte. Davide sprach so laut, lachte so viel, suchte so unverkennbar die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; Seba wusste nicht, was sie davon denken sollte. Aber es musste auch Paul missfallen, denn sie sah ihn den Saal verlassen und im Nebenzimmer an den Tisch treten, an welchem alte und junge Männer, Civilisten und Militärs ein hohes Pharo spielten. Sie wollte zu ihm gehen und mochte doch zum ersten Male Davide nicht ohne Aufsicht lassen, denn der Ballsaal hatte sich nach dem Schlusse des Teaters noch mehr